Kultur

Unerfüllte Liebe ist am schönsten

Von Simone Meier. Aktualisiert am 05.01.2010

Jane Campion hat in «Bright Star» die letzte und grösste Liebe des romantischen Dichters John Keats verfilmt. Eine schöne, leise Studie über das Wachsen einer Leidenschaft.

1/5 Romantik à la Jane Campion: John Keats (Ben Whishaw) schwelgt auf einem Maulbeerbaum...

   

Film

Bright Star (GB/Australien/Frankreich 2009). 120 Minuten. Regie und Drehbuch: Jane Campion. Mit Abbie Cornish, Ben Whishaw, Paul Schneider u. a.

Als John Keats sich am 23. Februar 1821 in Rom für immer die Seele aus dem Leib hustete, da war er erst 25 und mausarm. Freunde hatten Geld gesammelt, um dem tuberkulösen Poeten eine Kur im Süden zu ermöglichen, und nach einer sturmgeplagten Schiffsreise gelangte Keats im November 1820 in die berühmte Romantiker-WG an der Spanischen Treppe: Lord Byron, die «Frankenstein»-Erfinderin Mary Shelley und ihr Mann Percy Bysshe Shelley wohnten dort gelegentlich. Doch der Winter war auch im Süden ein Winter. John Keats verschied in einer kleinen kahlen Kammer, sein Freund John Severn hatte den Sterbenden noch gezeichnet, er war ein ausnehmend schöner junger Mann, selbst dann.

Heute ist die Wohnung in Rom, wo die englischen Romantiker Inspiration und ein milderes Klima suchten, das KeatsShelley-Museum, seine Lage ist noch immer spektakulär, mit einem Schritt gelangt man von der Spanischen Treppe ins Haus, doch die Räume sind unerwartet eng und bescheiden. Kaum zu glauben, dass hier einmal unsterbliche Weltliteraten mit grossen Visionen logierten. Im kleinen Museumsshop kann man alle möglichen Ausgaben ihrer Werke kaufen, kann sich mit einem Gedichtband neben das Sterbebett von Keats setzen, kann seine Ode an eine Nachtigall oder die sterbensschöne Ode an die Melancholie lesen. Und sich damit nach England versetzen, an den Rand von Hampstead Heath, wo schon längst eine Strasse Keats Grove heisst und wo das weiss gestrichene Keats House steht, das eigentlich Wentworth Place heisst und Keats immer nur als Gast beherbergte.

Schneidern und dichten

Unter einem Pflaumenbaum im Garten schrieb er dort die «Ode to a Nightingale», die heute wohl jeder englische Gymnasiast irgendeinmal liest, und er war so produktiv und so glücklich wie nie, denn er war verliebt. Seine Liebste, Fanny Brawne, wohnte mit Mutter und Geschwistern in der einen Hälfte von Wentworth Place, Keats bei seinem Freund, dem Dichter Charles Brown, in der andern. So nah könnten sich John und Fanny in diesem Haus gewesen sein, schlägt nun Jane Campion in ihrem Film «Bright Star» vor, dass ihre Betten nur durch eine dünne Wand getrennt waren.

Überhaupt ist «Bright Star» ein Film, in dem das eine, riesengrosse Gefühl in kleinen Schritten heranwächst und das Sichverzehren in der Liebessehnsucht sacht gesteigert wird. Zuerst sieht man bloss die Nadel der jungen Londoner Schneiderin Fanny (Abbie Cornish), die sich und ihre Kundinnen mit ungewohnt kühnen Farben und Schnitten aufputzt, durch ein Gewebe sticheln und die Feder des in seiner Dichtkunst ebenso experimentell verwegenen Keats (Ben Whishaw) übers Papier kratzen. Beide sind von jugendlicher Makellosigkeit und grossem ästhetischem Selbstbewusstsein, und so kann es denn gar nicht anders sein, als dass sich die beiden so sehr ineinander verlieben, dass man am Ende das Begehren zwischen ihnen mit keinem noch so starken Säbel mehr durchtrennen könnte.

Ben Whishaw, bekannt als olfaktorisch Besessener aus «Das Parfüm», verwandelt sich bis in die letzte, fieberfeuchte Locke in den Keats, den man von Bildern kennt und wie man ihn sich aufgrund seiner Dichtung vorstellt. In einen zarten, melancholischen, zuweilen aber auch überschwänglichen und fürsorglichen jungen Mann, der seinen an Tuberkulose erkrankten Bruder bis zu dessen Tod pflegte. Und der auf dem Papier wahrscheinlich mehr sexuelle Ekstase erlebte als im richtigen Leben. Und natürlich wirkt Keats im Gegensatz zum ordinären, das Dienstmädchen schwängernden Rüpelkollegen Brown aus dem gemeinsamen BohémienMänner-Haushalt umso liebenswerter.

«Bright Star» ist neben aller sentimentalen und schauspielerischen Delikatesse aber auch ein Film, der nicht wirklich über die preziöse TV-Ästhetik im Regency-Kleid hinausgeht, wie sie die BBC ja mit ihren Jane-Austen-Verfilmungen schon lange zu einer gediegenen Tradition gemacht hat. Es fehlen visueller Wagemut und erzählerische Härte, wie sie Campion etwa bei dem dreifach oscargekrönten «The Piano» (1993) oder «In the Cut» (2004) bewiesen hat.

Dafür geht Campion hier mit unendlicher Umsicht an ihr Material heran und verhilft ein paar Bildern aus der romantischen Dichtung zu einer betörend schönen Kinogestalt: Die blaue Blume etwa, unter den Romantikern ein Symbol für Liebe, Sehnsucht und das Streben nach Unendlichkeit, füllt bei ihr ganze Wiesen auf Hampstead Heath. Und der Schmetterling, in der Antike wie in der Romantik das Sinnbild für die vom toten Körper befreite Seele und auch in den Gedichten von Keats als Falter oder Motte sehr präsent, wird gleich im grossen Stil gezüchtet. Als Keats nämlich in einer Schreibklausur mit dem eifersüchtigen Charles Brown weilt und Fanny einen glühenden Liebesbrief mit Schmetterlingsmetaphorik schickt, da verwandelt das liebeskranke Mädchen sein ganzes Zimmer in eine Schmetterlingszucht und träumt zwischen geblähten Vorhängen und zarten, geflügelten Wesen von ihrem John.

45 Jahre Trauer

Kostüme und Ausstattung, beide gewissermassen ein Feengespinst an ätherischer Schönheit, sind auch in «Bright Star» von Janet Patterson. Sie hatte für Jane Campion schon «The Piano» ausgestattet oder «Portrait of A Lady» (1996) mit Nicole Kidman. Und dass die Australierin Kerry Fox, die 1991 für Jane Campion die sture rothaarige Dichterin in «An Angel at My Table» gespielt hatte, jetzt als Mutter von Fanny Brawne auftritt, macht das Jane-Campion-Universum von «Bright Star» natürlich perfekt.

Es ist – wie auch in früheren Campion-Filmen – immer auch ein Universum, aus dem es für eine Frau, deren Geist weit freier ist als ihre Lebensumstände, kein richtiges Entkommen gibt. Im Fall von Fanny Brawne ist es die Mutter, die die Tochter erst an den mittellosen Dichter freigibt, als dieser eines Tages vom Regen durchweicht und beinah tot im brawneschen Garten liegt. Da endlich lässt sie ihn ins Haus und willigt in die Verlobung ein. Dass es für Keats keine Rückkehr von seiner Erholungsreise nach Rom geben könnte, damit scheint sie bei Campion fast zu rechnen.

Fanny Brawne erfuhr durch einen Brief aus Rom vom Tod ihres Geliebten. Sie trauerte für den Rest ihres Lebens um ihn, also für weitere 45 Jahre. Bei Jane Campion geht sie in schwarzer Trauerkleidung und mit abgeschnittenem Haar im Schnee davon. Die Farbe, der sie sich zu Beginn des Films noch so lustvoll hingab, ist da ganz aus ihrem Leben gewichen. Erhabener kann man Verlust und Trauer kaum darstellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.01.2010, 13:04 Uhr

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