Unheimliche Fremdgeher

Wieso stürzen sich glücklich verheiratete Menschen in Affären? In der ausgezeichneten neuen US-Fernsehserie «The Affair» werden die unerklärlichen Gefühle zweier Menschen zum Ereignis.

Trailer zur ersten Staffel von «The Affair».


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Paare legen sich den Mythos ihrer Liebe zurecht. Sie erzählen sich selbst, ihren Freunden und später ihren Kindern, wie alles begann, vom ersten Blick, der ersten Nacht, den darauffolgenden glücklichsten und den traurigen Momenten. Dabei bleibt die Wahrheit liegen. Die Liebenden rekonstruieren einen Anfang, der nicht mehr in jeder Einzelheit mit der Wirklichkeit übereinstimmt, was weiter nicht schlimm ist, denn im günstigsten Fall entwickelt sich aus der idealisierenden Erzählung eine Vorliebe füreinander.

Die Erinnerung ist nichts Verlässliches. Das zeigt sich spätestens vor der Paartherapeutin, dem Scheidungsanwalt oder den Freunden, dann nämlich, wenn eine Beziehung zu Ende ist und von den Beteiligten einzeln nacherzählt wird: einseitig. Die neue Serie «The Affair», die der amerikanischen Pay-TV-Sender Showtime ausstrahlt, spielt mit diesem doppelten Blick zurück auf einen Sommer, in dem es nur ein Wir gab, in dem sich mit der Hitze die Lügen vermehrten und an dessen Ende man nicht mehr weiss, was die Wahrheit ist. Noah (Dominic West, bekannt aus «The Wire»), ein Lehrer und Schriftsteller aus Brooklyn, fährt für die grossen Ferien mit seiner Frau Helen und den gemeinsamen vier Kindern nach Montauk ans Meer. Dort begegnet er der jungen Kellnerin Alison (Ruth Wilson), die mit dem Rancher verheiratet ist und deren einziges Kind gestorben ist. Bald wirkt sich die Anziehung aus, und Noah und Alison beginnen sich heimlich zu treffen.

Das Unerklärliche zwischen zwei Menschen

In den knapp einstündigen Episoden der ersten Staffel widmet sich die erste Hälfte jeweils Noah, in der zweiten konzentriert sich das Geschehen auf Alison. Ihre Erinnerungen beginnen mit kleinen Verschiebungen der Wahrnehmung: Als sie sich zum ersten Mal allein am Strand begegnen, trägt Alison in seiner Erinnerung ein leichtes Kleid, in ihrer sitzt sie in Shorts im Sand. «You found me», sind aus Noahs Sicht Alisons Begrüssungsworte, Alison wiederum erinnert sich, dass Noah sie mit «I found you» angesprochen hat. Wollte sie gefunden werden, oder hat er sie gesucht? Befreite er im Restaurant seine Tochter von der Murmel im Hals, oder rettete sie, die servierte, das Kind? Lud sie ihn zu sich unter die Freiluftdusche ein, oder bot sie ihm an, sich allein darunter zu stellen? Wie im aktuellen Kinofilm «Gone Girl» gibt es das verwirrend disparate Narrativ der Geschlechter: Je nach Perspektive tritt Noah kühn oder zaudernd auf, Alison als Schamlose oder Schüchterne.

Für «The Affair» sind mit Sarah Treem und Hagai Levi dieselben Autoren verantwortlich, die schon die amerikanische Version der Serie «In Treatment» geschrieben haben. Eine ähnliche Struktur folgte dort in täglichen Episoden verschiedenen Patienten, die einmal wöchentlich zum Psychiater gehen. Eine zuhörende Instanz tritt auch in «The Affair» auf, wie man schon bald erfährt, es ist ein Ermittler, der Noah und Alison über die Ereignisse jenes Sommers befragt. Erst der Kriminalbeamte zwingt sie zum Erinnern. Dass alles auf ein Verbrechen zuläuft, erhöht das Geheimnishafte der Serie, die in hellen Farben gefilmt ist und entlang der Strände in Long Island spielt, wo früh morgens die Fischer mit ihrem Fang vom Meer zurückkommen und abends die Leuchttürme ihr Licht ausschicken.

Die Serie erhielt schnell viel Kritikerlob und zog Mal für Mal mehr Zuschauer an. Sie verbreitete sich rasant im Netz, soeben hat Showtime die zweite Staffel bestellt. Die erste dürfte es bald auf DVD geben. Psychologen sollten sich «The Affair» anschauen, um mitreden zu können, wenn Paare sich auf sie beziehen. Paare schauen sie sich an, weil sie den Spiegel suchen. Denn nicht der ungelöste Fall macht «The Affair» zum Ereignis, sondern das Unerklärliche zwischen zwei Menschen.

Unheimlich sind nicht ihre Taten, sondern ihre Gefühle. Sowohl Noah wie Alison leben in scheinbar guten Beziehungen und haben noch das miteinander, was als Indikator dafür gilt: Sex. Zumindest bemühen sich der vierfache Vater Noah und seine Frau darum, bevor sie wieder ein traumgeplagtes Kind dabei stört, während Alison Sex in ihrer Ehe sucht wie eine Ertrinkende. Also geht es weniger um die Frage, jedenfalls nicht anfänglich: Wer ist der Mörder? Auch nicht darum, wer die Affäre provoziert hat, auch wenn beide in ihrer einseitigen Darstellung dem andern die aktive Rolle zuweisen. Interessant ist vielmehr, was genau sie dazu getrieben hat.

Unzuverlässige Erzähler

Darauf könnte die amerikanische Therapeutin Esther Perel eine Antwort geben, die «The Affair» beratend zur Seite stand. Untreue, schreibt sie in ihrem Bestseller «Wild Life», sei nicht immer ein Symptom für tieferliegende Beziehungsprobleme; manchmal hätte sie mit Sehnsüchten zu tun, die viel existenzieller seien. Sie sagt: Wir wollen nicht unseren Partner verlassen mit einer Affäre, sondern uns selbst. Das könnte für Noah heissen: Nicht seine Frau erträgt er nicht mehr, die er seit dem College kennt, sondern sich selbst, in seinem Älterwerden und dem Schreiben, das nicht mehr geht. Esther Perel sagt: Wir suchen nicht eine andere Person, wenn wir fremdgehen, sondern ein anderes Selbst. Das könnte für Alison heissen: Sie verliebt sich nicht in Noah in seinem Noahsein, sondern in den Familienvater, er verkörpert den Aspekt von ihr, den sie mit ihrem Kind verloren hat.

So unzuverlässig die beiden Erzähler berichten, so glaubwürdig wirken sie trotzdem dabei. Jemand von ihnen weicht von der Wahrheit ab, möglicherweise beide, aber ob sie den Polizisten oder sich selbst belügen, ob vorsätzlich oder aus Selbstschutz, sei dahingestellt. «Die Ehe bedeutet für verschiedene Leute verschiedene Dinge», sagt Alison zu Beginn der Serie und gibt damit die Richtung vor. Darüber lohnt sich nachzudenken. Zum Beispiel: Treue schliesst alle andern Möglichkeiten aus, wie man auch noch leben könnte. Das trifft vor allem auf Noah in seiner Langzeitehe zu. Auf Alison, deren Mann etwas zu ahnen scheint, das Geheimnis aber mitträgt, passt dafür eher: Die Grenzen einer Beziehung, also wie viel Freiheit man sich nehmen darf, sind verhandelbar. Wenn im Lauf von «The Affair» beide Fremdgeher wieder in ihre Ehe zurückweichen, bestätigen sie wohl jene Experten, die sagen, Paare müssten die Paradoxie aushalten lernen: dass man in den Gefühlen treu bleiben, aber sexuell fremdgehen kann.

Aushalten und lernen: Wie das genau gehen soll, weiss kein Experte, zeigt keine Serie.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.12.2014, 08:17 Uhr)

Die Affäre aus therapeutischer Sicht

«Männer vergessen vieles»

Laut Paartherapeut Ulrich Clement kann man Lügen auch moralisch rechtfertigen.

Gibt es Leute, die trotz glücklicher Ehe eine Affäre beginnen?
Ja, wobei ich die glückliche Ehe, bei der alles stimmt, für ein Phantom halte. Ich würde eher von Ehen sprechen, in ­denen beide Partner zufrieden sind, sie ­lieben sich, kommen aus, sind ein gutes Gespann. In einem normalen Bereich des Wohlbefindens kann es nun durchaus vorkommen, dass einer sich auf eine andere Geschichte einlässt und über sein Verhalten selbst überrascht ist.

Was sucht man in einer Affäre?
Das andere Leben, die Idee, dass das ­Leben auch anders sein könnte. Es geht gar nicht so sehr um die andere Person. Sondern man begegnet sich selbst neu und entdeckt unbekannte Seiten an sich. Man fühlt sich lebendiger. Das ­bekomme ich am häufigsten zu hören: Ich fühle mich wieder lebendig.

In «The Affair» erinnert sich das fremdgehende Paar recht unterschiedlich an jene Zeit. Erleben Sie das auch als Therapeut?
Klar. Manchmal ist etwas für den einen wichtig, der andere findet es ein vernachlässigbares Detail oder erinnert sich nicht mal mehr daran. Zum Beispiel die Frage, wann eine Affäre begann. Der fremdgehende Partner sagt: Ich war ­völlig arglos, und plötzlich kam es über mich wie ein Unwetter. Der ­Betrogene sagt: Das stimmt nicht, du warst vorher schon offen, hast immer deine Blicke schweifen lassen und ­geflirtet.

Erinnern sich Frauen anders an Affären als Männer?
Frauen sind besser in den Kleinigkeiten: Sie wissen noch, was sie beim ersten gemeinsamen Essen redeten oder erinnern sich an das Kleid, das sie an jenem Abend trugen. Männer vergessen vieles.

Kann eine Affäre helfen, eine Beziehung zu beenden?
Na ja, das Wort helfen ist sehr wohl­wollend formuliert. Ich würde eher sagen: Sie kann zu einer Trennung führen. Also wenn man in einer Beziehung sehr unzufrieden ist, dann kann die Affäre auch eine Ausstiegshilfe sein. Bewusst kalkuliert wird das aber in den sel­tensten Fällen. Unbewusst schon.

Kann eine Affäre eine Beziehung verbessern?
Ab und an werde ich gefragt, ob man eine langweilige Ehe durch eine Affäre beleben könne. Aber man kann nie wissen, wie zerstörend oder heilend die Folgen sind. Erst nachher sagen Paare manchmal, es war zwar schlimm, aber es hat uns in Bewegung gesetzt und auf eine neue Weise zusammengebracht.

Wie hat sich der Umgang mit Affären im Lauf der Zeit verändert?
Man trennt sich nicht mehr so leicht. Als ich vor über dreissig Jahren mit Paaren zu arbeiten begann, war eine Affäre noch häufig ein Anlass zur Trennung. Heute sehe ich oft Paare mittleren Alters, die sich sagen: Wir haben so viel zu verlieren, lass es uns lieber noch mal versuchen. Oft trennt man sich ja nicht nur vom Partner, sondern auch von ­Kindern, Freunden, Vermögen, Haus und einem Lebensgefühl.

Soll man eine Affäre verschweigen?
Ich sage es mal so: Wenn es mich nicht tiefer ergreift oder dazu zwingt, mir grundsätzliche Fragen über mein bis­heriges Leben zu stellen, dann muss man es nicht unbedingt beichten. Die meisten finden einen selbstverantwortlichen Umgang mit dem Verschweigen. Jeder muss für sich abwägen, wie ehrlich er sein will. Ich rate weder zu Lügen noch zu Offenlegung, sondern vertrete eher eine Moral der Konsequenzen: ­Wohin führt es, wenn ich A tue, was richtet es an, wenn ich B tue?

Also kann Lügen auch ein Schutz sein?
Ja. Ich würde so weit gehen und sagen: Man kann Lügen moralisch recht­fertigen. Es kann sogar eine Form des Respekts sein. Ich hatte mal eine Frau in Therapie, die sich ausserehelich verliebte. Sie sagte, dass sie es ihrem Mann sagen wolle, aber Angst habe, er würde sich etwas antun. Denn er hatte einmal gesagt, dass er eine Affäre von ihr nicht überleben würde. In diesem moralischen Dilemma entschied sie sich, nichts zu sagen, und irgendwann be­endete sie auch die Affäre. Interview: Birgit Schmid

(Tages-Anzeiger)

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