Vom Abstellgleis zur Königin von Hollywood

Von Florian Keller. Aktualisiert am 09.03.2010

Endlich! Kathryn Bigelow wurde als erste Frau in der Geschichte der Oscars für die beste Regie ausgezeichnet. Bis es so weit war, musste sie einige Tiefs überwinden.

1/7 Mit sechs Trophäen die grosse Gewinnerin der Oscar-Nacht: Kathryn Bigelow.
Bild: Keystone

   

Hollywood kann brutal sein. Kathryn Bigelow weiss das, weil sie die erbarmungslose Ökonomie der Traumfabrik am eigenen Leib erlebt hat. Vor 20 Jahren war die ausgebildete Malerin, die einst bei Vito Acconci und Susan Sontag studiert hatte, schon einmal die Frau der Stunde gewesen. Mit dem Cop-Thriller «Blue Steel» (1989), zu dem sie auch das Drehbuch geschrieben hatte, eroberte die Kalifornierin damals, mit knapp 40 Jahren, ein Genre, das bis dahin strikt eine Männerdomäne war.

Wenig später folgte ihr bislang grösster Erfolg, als sie Keanu Reeves auf die Jagd nach einer Bande von kriminellen Surfern schickte, die auf ihren Raubzügen die Masken früherer US-Präsidenten trug. Der Film hiess «Point Break» (1991), der blondgelockte Surfer war Patrick Swayze, der von «Dirty Dancing» auf die Seite des Verbrechens gewechselt hatte – und Bigelow, damals kurz mit James Cameron verheiratet, handelte sich den inoffiziellen Titel der härtesten Frau von Hollywood ein. Sie ist ihn bis heute nicht losgeworden.

Mit Werbefilmen über Wasser gehalten

Aber die Traumfabrik kann brutal sein. Zwei, drei Misserfolge genügten, und Kathryn Bigelow landete auf dem Abstellgleis. Sie war ihrer Zeit voraus mit «Strange Days» (1995), einem hochintelligenten Endzeit-Thriller, der vordergründig mit der Millenniums-Hysterie spielte. Von den Kritikern verkannt, vom Publikum verschmäht, fiel Bigelows Analyse einer entfesselten Mediengesellschaft in den Kinos durch. Der folgenschwerste Schiffbruch folgte sieben Jahre später mit «K-19», einem packenden Drama über ein sowjetisches U-Boot, für das Bigelow ausgerechnet Harrison Ford als Kapitän rekrutierte. Der amerikanische Held par excellence als Offizier der Sowjets? Das wollte das Publikum nicht sehen, schon gar nicht in Amerika. Nach dem 100 Millionen Dollar teuren Tauchgang schien Bigelows Kinokarriere vorzeitig beendet.

Jetzt hat sich Hollywood reumütig gezeigt. Mit sechs Oscars ist Kathryn Bigelow zurück in den Schoss jener Filmindustrie geholt worden, bei der man sie zuvor ins Abseits gestellt hatte. Jahrelang hatte sich die Autorenfilmerin mit Werbespots über Wasser gehalten, ehe sie den jungen Kriegsreporter Mark Boal kennen und lieben lernte. In Jordanien drehten sie zusammen «The Hurt Locker», und vor dem Hintergrund des Irak-Kriegs kehrte Bigelow hier zu ihrem grossen Thema zurück: Wie schon «Point Break» und «Strange Days» ist auch «The Hurt Locker» ein Film über die Sucht nach extremen Erfahrungen. Die Droge ist hier der Krieg, die Soldaten holen sich ihren Kick im Entschärfen von Bomben.

Bigelow selbst lebt zurückgezogen mit ihren zwei Hunden in Hollywood. Sie zeigt sich nicht an Partys, ihr Alltag ist von strikter Disziplin geprägt. Das sagt This Brunner, der Doyen der Zürcher Arthouse-Kinos und seit vielen Jahren ein enger Vertrauter von Bigelow. «Sie ist die charmanteste und talentierteste Person, die man sich vorstellen kann», sagt Brunner. Sie könne auch sehr stur sein, aber dank dieser Sturheit habe sie sich in Hollywoods Männerwelt durchsetzen können: «Ihre Filme hat sie mit einem Bruchteil des Budgets gedreht, das ein Mann in ihrer Position bekommen hätte. Das schaffte sie nur, weil sie so unglaublich präzise arbeitet.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2010, 14:22 Uhr

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