Von Gruyère nach Bollywood
Von Georg Gindely. Aktualisiert am 11.03.2010
Artikel zum Thema
- Inder entsetzt über Behandlung ihres Lieblings in den USA
- In den Alpen wird in Tamil oder Telegu gejauchzt
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Die Geschichte klingt nach einem Bollywood-Film: Eine alleinerziehende junge Tamilin, die im Globus am Bellevue Käse verkauft, schafft den Sprung auf die Kinoleinwand. Die 24-jährige Sugeetha Srividdunupathy spielt eine der Hauptrollen im Film «Madly in Love» von Anna Luif, der heute in den Schweizer Kinos anläuft. Sie verkörpert Nisha, eine Tamilin aus Sri Lanka, die eine arrangierte Ehe mit einem in der Schweiz lebenden Landsmann eingehen soll. Doch der verliebt sich kurz vor der Hochzeit in seine deutsche Arbeitskollegin Leo und ist hin- und hergerissen zwischen Pflichtgefühl und Liebe.
Ein Kunde hat Srividdunupathy auf die Rolle angesprochen, ihr Interesse der Regisseurin Anna Luif übermittelt, und diese sprach dann an der Käsetheke bei ihr vor. Nach dem Casting bekam die junge Tamilin die Zusage. Ihre Filmfigur Nisha lebt traditionell, spricht wenig und ist schüchtern. «Ich bin das pure Gegenteil», sagt Srividdunupathy, die von Freundinnen Suschi genannt wird.
Tabubrüche am laufenden Band
1986 in Sri Lanka geboren, flüchtete sie mit ihren Eltern 1990 in die Schweiz. Aufgewachsen ist sie in Oerlikon, Winterthur und Schlieren. Als sie in die Pubertät kam, begannen die Probleme. Die Eltern stellten unzählige Verbote auf. «Sie bekamen plötzlich Angst, dass ich zu schweizerisch würde», sagt Srividdunupathy. Die Tochter rebellierte. Mit 16 Jahren lernte sie einen Tamilen aus Basel kennen, in den sie sich Hals über Kopf verliebte.
Die beiden bekamen einen Sohn, zogen zusammen und heirateten. Das Familienglück schien perfekt. Doch nach fünf Jahren begann es in der Ehe zu kriseln, und es kam zur Trennung. Die junge Frau kehrte zu ihren Eltern zurück, mit denen sie sich ausgesöhnt hatte. Heute lebt sie zusammen mit ihrem Sohn in einer eigenen Wohnung und arbeitet zu 90 Prozent. Manchmal trinkt sie nach der Arbeit mit ihren Kolleginnen ein Cüpli. Und spielt nun in einem Kinofilm mit. Das sind Tabubrüche am laufenden Band für viele Tamilen.
Tamilen auf dem Vormarsch
Der Ruf sei ihnen sehr wichtig, sagt Srividdunupathy. Wer sich nicht an die Konventionen halte, riskiere Kritik oder Ächtung. Es gilt die Devise: Nur nicht auffallen. In der Schweiz lebende Tamilen gelten denn auch als höflich, nett und unscheinbar. Jahrelang spielten sie eine Nebenrolle. Das beginnt sich jedoch zu ändern. Im Kulturbereich zeigt sich das im Moment am deutlichsten: Nicht nur in «Madly in Love» spielen Tamilen die Hauptrollen, auch die Titelfigur in «Der Koch», dem neusten Buch von Martin Suter, ist ein Tamile. Angehörige der jüngeren Generation sind mit der Frage konfrontiert: Sollen sie traditionell leben oder sich dieselben Freiheiten nehmen wie ihre Schweizer Kollegen?
Der Film spricht diese Probleme an, aber auf eine spielerische, komödiantische Weise. «Madly in Love» ist ein Feelgood-Film, wie wir Tamilen ihn lieben», sagt Srividdunupathy. Elf Tage stand sie im August 2008 vor der Kamera. Nun hängen in der ganzen Stadt Filmplakate mit ihrem Foto. Beim Einkaufsbummel in «Tamil Town», wie die Josefstrasse im Kreis 5 mit ihren vielen tamilischen Läden genannt wird, sprechen viele Landsleute sie darauf an.
Ihre Mutter hat den Film bereits gesehen. «Er hat ihr sehr gut gefallen», freut sich die Tochter. Auch sie selbst ist zufrieden mit dem Resultat. «Anna Luif hat eine tolle Arbeit geleistet.» Eine Karriere als Filmschauspielerin strebt Srividdunupathy aber nicht an. Ihr gefällt die Arbeit beim Globus. Und sie braucht das Geld: «Ich will etwas aufbauen für mich und meinen Sohn.»
«Madly in Love» läuft ab heute in den Kinos. Filmkritik im «züritipp».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.03.2010, 07:30 Uhr
Kultur
Kultur
Meistgelesen in der Rubrik Kultur
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen






























































































































