Die verrücktesten Momente an der Berlinale
Von Florian Keller, Berlin. Aktualisiert am 15.02.2010
Seine Welt gerät ins Wanken: Leonardo DiCaprio als Inspektor in «Shutter Island». (Bild: pd)
Alles beginnt mit Leonardo DiCaprio, wie er seekrank unter Deck steht. Und wenn der schöne Leo in einem Film mit dem Schiff unterwegs ist, ahnen wir schon: Das kann mit seinem Untergang enden, auch ohne Kate Winslet an seiner Seite. In Martin Scorseses neuem Film «Shutter Island» hat er als junger Inspektor zwar bald wieder festen Boden unter den Füssen, aber draussen auf der Gefängnisinsel für geisteskranke Verbrecher gerät seine Welt erst recht ins Wanken.
Das Jahr ist 1954, wir sind im Klima des Generalverdachts unter McCarthy, und der Cop soll auf der Insel das Geheimnis um eine Kindsmörderin aufklären, die spurlos verschwunden ist. Doch bei seinen Ermittlungen kommt ihm immer mehr sein eigenes Trauma in die Quere. Dann begegnet der Inspektor im Traum seiner toten Frau, und ihr Rücken ist eine einzige, glühende Wunde.
Scorseses Auflösung enttäuscht
Schon das Gedröhn, das während der Überfahrt auf die Insel ertönt, ist ein Täuschungsmanöver in Stereo: Was wie ein unheilvolles Nebelhorn klingt, sind gestrichene Kontrabässe. Es ist der Auftakt zu einem bravourös orchestrierten Parcours der Paranoia. «Du bist hier nur eine Ratte in einem Labyrinth», sagt einer der Insassen einmal zum jungen Ermittler.
Und der Meister dieses Labyrinths heisst Scorsese. Letztlich ist «Shutter Island» zwar mehr ein opulent ausgestattetes B-Movie als ein Albtraum aus dem Schattenbezirk des Geistes. Und als das Rätsel endlich gelüftet ist, hat mans eigentlich immer schon gewusst. Aber bei einem Stilisten, der sein Handwerk so magistral beherrscht wie Scorsese, ist selbst eine Fingerübung wie «Shutter Island» fesselnd genug.
Wie kuriert man sich von solchem Wahn? Die beste Medizin ist noch mehr Verwirrung. Die stiftete gestern ein wahres Phantom, und das war der britische Graffitikünstler Banksy. Der grosse Mystery Man der Kunstwelt wagt mit «Exit Through the Gift Shop» erstmals den Sprung ins Kino und verblüfft dabei mit einer Doku-Satire, die nur indirekt von ihm selbst handelt.
Banksys Verwirrspiel erhellt
Das beginnt damit, dass Banksy, das Phantom mit Kapuze und verfremdeter Stimme, unser Interesse von sich ablenkt. Stattdessen schiebt er den Möchtegern-Regisseur vor, der diesen Film über ihn hatte drehen wollen. Das ist ein französischer Schlawiner namens Thierry Guetta, der anfänglich bloss die Guerillakultur der Street Art dokumentieren will – und am Ende auch dank Banksys Schützenhilfe zum neuen Star des Kunstmarkts avanciert.
Die ganze Scharade ist ein einziges Versteckspiel und ein Triumph der Schlitzohrigkeit. Da kann man sich nie sicher sein, wo die Fiktion anfängt und wo sie aufhört. Der Film ist zugleich eine Reportage über Street Art, eine gewitzte Reflexion über den Ausverkauf der Subkultur und eine Satire über den Kunstmarkt überhaupt. Sind wir da wieder nur Banksy, diesem begnadeten Selbstvermarkter, auf den Leim gegangen? Mag sein. Aber wir sind dabei auch mit grösstem Vergnügen ein Stück klüger geworden.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2010, 07:42 Uhr
Kultur
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