Kultur

Was geschah im Jahr 855 in der heiligen Stadt Rom?

Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 21.10.2009 1 Kommentar

Vielleicht gab es im 9. Jahrhundert einmal eine Päpstin namens Johanna. In seinem neuen Spielfilm erzählt der Regisseur Sönke Wortmann ihre Geschichte.

Zumindest als Legende ist die Päpstin Johanna (dargestellt von Johanna Wokalek) in die Geschichte eingegangen.

PD

Es soll im Prozedere einer Papstwahl lange ein Sessel mit einem Loch eine Rolle gespielt haben; darauf hatte der neu gewählte Pontifex sich zu setzen, sei es am Ende des Konklaves, wie manche berichten, sei es im Verlauf der Investiturfeierlichkeiten. Ein minderrangiger Diakon soll dann dem Stellvertreter des Herrn unters Gewand und durch das Loch gegriffen haben zur Überprüfung einer nach der heiligen Ordnung bestückten Männlichkeit. Nach befriedigender Abtastung wurden zu Ohren der Klerisei und des Volkes die rituellen Worte gesprochen: «Habet duos testiculos et bene pendentes!» – «Er hat zwei Hoden, und sie hängen gut!» All das geschah nur wegen der Geschichte von der Päpstin Johanna, die wahrscheinlich gar nie passiert, jedoch durch Erzählung wahr geworden ist. Im Spielfilm «Die Päpstin» versucht der deutsche Regisseur Sönke Wortmann die unwahrscheinliche Wahrheit noch etwas zu befestigen.

Von einem Diener geschwängert

Die Quellen, kurz gefasst, erzählen Folgendes: Ein Mädchen aus der Gegend von Mainz, aber von englischer Abkunft, sei in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts in Mannskleidern seinem Liebhaber nach Athen gefolgt, wo es stupende theologische, philosophische und offenbar auch medizinische Kenntnisse erwarb. Derart glänzend war diese Gelehrsamkeit, dass die junge Frau unter dem Namen Iohannes Anglicus auch in Rom bestehen konnte, «und do worent vil grosser meister die ir lere hörent (und) do wart sii under mannessforme eintrehterlich gewelet zu Bobst». Und das blieb sie nach der «Chronik der Päpste und Kaiser» des Martin von Troppau zwei Jahre, fünf Monate und drei Tage, wirkte segensreich und machte nur den Fehler, sich von einem Diener schwängern zu lassen.

Sie kam nieder im Jahr 855, ausgerechnet während einer Prozession zwischen Sankt Peter und dem Lateran, und verblutete auf der Stelle oder wurde erschlagen mitsamt ihrem Kind. Die Kirche strich sie natürlich aus dem offiziellen Register ihrer Oberhäupter, es gibt jetzt zwischen Leo IV. und Benedikt III. keine zeitliche Lücke mehr, in der ein Johannes (als Achter seines Namens) oder gar eine Päpstin Johanna Platz hätte.

Wie gemacht fürs Kino

Aber die Boulevarddramatiker der Französischen Revolution beispielsweise liebten den Stoff, es existieren ein paar hübsche antiklerikale Vaudevilles aus der republikanischen Phase. So ab den 1970er-Jahren war die Legende auch feministisch gesehen ein gefundenes Fressen, gewissermassen ein Stück matriarchale Opposition. Liv Ullmann spielte 1972 die Päpstin in einem heftig verspotteten Film. Und so hatte Johanna immer ihr bescheidenes Plätzlein in der Unsterblichkeit, schon bevor die Amerikanerin Donna W. Cross sie mit ihrem Erfolgsroman «Pope Joan» (1996, dt. «Die Päpstin») quasi zum Allgemeingut der unterhaltsamen historischen Informiertheit machte.

Das ist nun womöglich kein Buch für die literarische Ewigkeit; aber es gibt einem erfundenen Leben Farbe und dem dunkelsten Mittelalter eine schöne Helligkeit zwischen Fabeln und Fakten, zwischen Kräuterkunde und Theologie und germanischem Heidentum und christlichem Glaubenseifer. Es erlaubt auch, könnte man sagen, eine anachronistische Identifikation.

Farbige Farblosigkeit

Erstaunlich eigentlich, dass es mit der Verfilmung so lange gedauert hat. Und schade, dass aus «Die Päpstin» unter der Regie von Wortmann («Das Wunder von Bern») nicht mehr geworden ist als ein Beispiel für eine farbige Farblosigkeit: ein Durchschnittsmittelalterprodukt, das nach keiner Zeit riecht und in dem alle viel zu gesunde Zähne haben. Da ist kein dramatischer Reichtum, sondern nur eine reiche Ausstattung und ein bisschen Kunstblut und dekorativer Dreck. Vor allem ist da niemand, der eine Leinwand mit Charakter füllt. Weder die Schauspielerin Johanna Wokalek (als Johanna), trotz ihres wunderbaren, zur Heiligkeit tauglichen Gesichts. Noch der mächtige John Goodman in einer routinierten Nummer als ein Papst von fettleibiger Güte. Noch der Schweizer Antatole Taubman, der doch immer versichert, er erforsche jede Rolle bis in die feinste Seelenkapillare: Hier macht er aus einem Kardinal, der in Cross’ Roman weit differenzierter leidet unter dem Widerspruch zwischen der eigenen Gescheitheit und der Unfähigkeit, populär zu werden, einen ziemlich simplen Intriganten.

Schemen allesamt. Ein lebendiger Trost in der papierenen Stimmung ist der kleine, kluge Disput, den Johanna als Kind mit einem dogmatischen Benediktiner führt. Es handelt sich um die Frage, ob der Mann der Frau wirklich überlegen sei, wie der heilige Paulus lehrte; und Johanna macht darauf aufmerksam, dass Eva immerhin aus Liebe zum Wissen in den Apfel vom Baum der Erkenntnis gebissen habe, während Adam nur davon ass, weil sie ihn gefragt habe, ob er auch ein Stück haben wolle.

Die Päpstin (D/GB/I/E 2009). 148 Min. Regie: Sönke Wortmann. Mit Johanna Wokalek, John Goodman, Anatole Taubman u.a.

In Zürich ab Donnerstag in den Kinos Abaton, Arena, Capitol und Corso. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2009, 06:38 Uhr

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1 Kommentar

Res Zaugg

21.10.2009, 12:33 Uhr
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Die Geschichte hat mit grösster Wahrscheinlichkeit einen wahren Hintergrund. Die Kirche versucht natürlich, dies unter den Teppich zu kehren. In den Archiven des Vatikans lagern unzählige Leichen, die enorm zur Aufklärung unserer Geschichte beitragen könnte. Wenn nur diese Mauern nicht wären! Antworten




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