Kultur

Wehe, wenn Eastwood kommt

Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 04.03.2009 5 Kommentare

Wer Clint Eastwood sagt, meint längst nicht mehr Dirty Harry, sondern souveräne Alterswürde. Eastwoods neuster Film «Gran Torino» ist wieder grimmig gute Wertarbeit.

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Walt Kowalski (Clint Eastwood) ist ein jähzorniger Kriegsveteran, ein Rassist, frisch verwitwet.

   

Der Film

Gran Torino (USA 2008). 116 Minuten. Regie: Clint Eastwood. Mit Clint Eastwood, Bee Vang, Ahney Her u. a.

Ab Donnerstag im Kino.

Letzte Woche hat der Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood in Paris vorzeitig eine goldene Ehrenpalme des Filmfestivals Cannes erhalten. Sie galt, wie es hiess, dem «Talent eines grossen Meisters auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft», und die Pariser Premiere von Eastwoods neuem Film «Gran Torino» schien wohl eine gute Gelegenheit ausserhalb der nervösen Festivalschlachten, in die dieser unaufgeregte, altmodische Mann gar nicht so richtig passt. Der 78-Jährige nahm die Auszeichnung mit der gleichen lakonischen Dankbarkeit entgegen wie früher seine vier Oscars – vielleicht sogar etwas dankbarer; denn die französische Filmkritik hat ihn schon mit Respekt behandelt, als man ihn zu Hause noch für einen ideologisch bedenklichen Schlagetot hielt.

Zwischen Image und Altersreife

Es ging von ihm in dem Augenblick – wie in vielen seiner Filme, seit er dazu steht, auch nicht jünger zu werden – wieder der unnachahmliche Ernst einer sanft ironischen Würde aus, die kein Theater macht. Sie ruht in sich selbst und ist jetzt sozusagen Eastwoods künstlerische Natur. Das kommt vom schönen Gleichgewicht zwischen dem Image, das ihm anhaftet, seit er Dirty Harry war, und der souveränen Altersreife, die darüber längst hinaus ist. Wenn er heute manchmal (und unter eigener Regie) noch ein wenig den Harry spielt, dann nur uns und seiner Sache zuliebe.

Man könnte sagen, darin stecke die List seines Anstands. Als Regisseur, Produzent und Schauspieler vertritt Eastwood immer – und immer besser, je älter er wird – den moralischen Hauptsatz, dass Kino etwas nützen und bedeuten müsse für sein Geld. Hier steht er und kann nicht anders und erzählt seine Geschichten von den Anständigen und den Unanständigen; von Schuld, die irgendwann bezahlt werden muss; von der Ehre von Freunden und Feinden; und davon, wie alte Männer tun, was sie müssen, obwohl sie nicht mehr so können, wie sie wollen, weil das Hüftgelenk kalkig geworden ist und der Atem kurz (sie rauchen nämlich oft). Es sind solide, sorgfältig gefertigte, konservative Erzählungen. Sie neigen zur dialogischen Langsamkeit und zu den lapidaren Imperativen der Menschlichkeit. Und die besten wie «Unforgiven» (1992) oder auch die zartkitschigen wie «Bridges of Madison County» (1995) haben etwas von brutaler Melancholie und alterskluger Sentimentalität. Unter diesen behauptet sich «Gran Torino» würdig.

Verteidigen, was Recht ist

Im neusten Film gibt es wieder einen dieser holzgeschnitzten Eastwood-Charaktere: Walt Kowalski aus Detroit, der 1952 in Korea gekämpft und getötet hat und danach 50 Jahre lang für Ford Autos zusammenschraubte, und alle Tage war er stolz auf seine Arbeit, und alle Nächte träumte er schwer von den Koreanern, denen er das Gesicht weggeschossen hat; aber man konnte es doch ein gutes amerikanisches Leben nennen.

Nun ist diesem Walt die Frau weggestorben, und die Söhne sind ihm gefühlsmässig abhanden gekommen; und jetzt sitzt er in Detroit, sozusagen am Grab der einst blühenden Autoindustrie, und trinkt und nährt seinen Altersgrimm auf alles, was jünger und anders ist als er, insbesondere die Vietnamesen in der Nachbarschaft (vom Volk der Hmong – es herrscht eine eigentümliche ethnografische Exaktheit in diesem Film). Die nennt er «Bambusratten» und «Schlitzaugen» oder Schlimmeres – bis zu dem Tag, an dem eine Bande junger Hmong die Tochter der asiatischen Nachbarn und ihren scheuen Bruder Thao (Bee Vang) bedroht. Das müsste so einem Kowalski ja egal sein, solange niemand seinen Rasen betritt, aber es bricht aus ihm eben seine bessere Natur und die Erinnerung an den im Krieg erworbenen «Silver Star» und an das gut geölte Sturmgewehr in der Truhe. Er verteidigt, was Recht ist (wenn auch nicht unbedingt Gesetz); daraus entsteht dann die Geschichte neuer Freundschaften und eines Opfergangs für den Seelenfrieden.

Eine selbstmörderische Nostalgie

Das klingt ein wenig nach den Standards des moralischen Reinlichkeitsbedürfnisses von Hollywood, und tatsächlich weht hier ab und zu auch der Geist eines rüstig gebliebenen Dirty Harry. Was gesagt werden muss, wird gesagt. Recht bekommt, wer Recht hat. Jedoch: In keinem Moment wird «Gran Torino» zur Schnulze. Es ist, als ob dieser demonstrativ unfreundliche, grimmig gute Kowalski doch eher ein Nachfahr des traurigen Revolverhelden aus «Unforgiven» wäre und dies alles ein Film voll klugem Hintersinn. Es wirkt darin eine zwar hartnäckige, aber durchaus desillusionierte und selbstmörderische Nostalgie nach einer besseren Welt. Und nebenbei, aber beträchtlich, erstaunt die Inkorrektheit, mit der Eastwoods Inszenierung und das Drehbuch von Nick Schenk ein Spiel mit verbalen Rassismen treiben. Das rassistische Schimpfen ist in «Gran Torino» geradezu multikulturell; und der Versuch, ihm so sein Gift zu nehmen, ist mindestens kitschlos und kühn.

Ganz am Schluss – nach dem wirklichen Ende, wo der Friede seinen Preis hat – fährt allerdings der scheue Thao, den der Nachbar zum Mann erzog, in einem 1972er Ford Gran Torino Sport in die optimistische Eindeutigkeit. Er hat den Wagen, von dem der Film seinen Titel hat, von Kowalski geerbt. Ein wenig Kitsch fährt da mit. Warum auch nicht? Nehmen wir es als Symbol für das, was Clint Eastwood hinterlassen wird, wenn es einmal – hoffentlich noch lang nicht – so weit ist: eine auch nach Jahren noch funktionierende amerikanische Wertarbeit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2009, 09:05 Uhr

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5 Kommentare

Peter Wiesendanger

04.03.2009, 07:08 Uhr
Melden

Das Volk der Hmong sind keine Vietnamesen! Sie sind eine asiatische ethnische Gruppe von den Berg Regionen in Südostasien. Antworten


stef palman

04.03.2009, 09:04 Uhr
Melden

na toll, den ganzen film inkl. schluss niedergeschrieben. vielen dank auch! Antworten




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