Weiss, weisser, Oscar

In Hollywood wird die Wut über die ausnahmslos weisse Oscar-Liste stetig grösser. Nun hat auch Will Smith seine Teilnahme abgesagt.

War für seine Rolle als Dr. Bennet Omalu in «Concussion» als Oscar-Kandidat gehandelt und dann übergangen worden: Will Smith im Drama von Peter Landesman.

War für seine Rolle als Dr. Bennet Omalu in «Concussion» als Oscar-Kandidat gehandelt und dann übergangen worden: Will Smith im Drama von Peter Landesman.

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Als die Vorsitzende der Oscar-Academy, die Afroamerikanerin Cheryl Boone Isaacs, die diesjährigen Nominierungen bekannt gab, las sie einen Film nach dem anderen herunter, in dem nur Weisse mitspielen: «Mad Max: Fury Road», «Bridge of Spies», «The Danish Girl», «Steve Jobs» und so weiter; es war, als müsse sie den Atem anhalten. Aber dann kam «Straight Outta Compton», die Filmbiografie über die Hip-Hop-Gang aus Kalifornien, und Isaacs atmete endlich aus, worauf der Saal den Applaus aufdrehte.

Allerdings ist «Straight Outta Compton» fürs Drehbuch nominiert, das von Weissen geschrieben wurde, und selbst für den Rocky-Film «Creed», aufdatiert mit schwarzem Held und Regisseur, wurde lediglich Nebendarsteller Sylvester Stallone aufgestellt: Als wolle die Academy die Blackness noch aus den schwarzen Filmen herausfiltern.

Nach seiner Frau Jada Pinkett Smith hat nun auch der Schauspieler Will Smith, bislang nicht als Sozialkritiker aufgefallen, die Teilnahme am Schaulaufen abgesagt. Die Auswahl der Akademie demonstriere eine «rückläufige Entwicklung» hin zum Separatismus, sagte er – ein deutlicher Hinweis auf die Geschichte der Rassentrennung. Auch die Regisseure Spike Lee und Michael Moore, beide selten um eine Polemik verlegen, warfen der Academy Regression vor; die Ausschliessung von Schwarzen bei den Oscars sei «einfach verrückt», meinte Moore. George Clooney hat inzwischen ebenfalls seine Kritik angebracht, so wie Lupita Nyong’o, im vorletzten Jahr geehrt für ihre Nebenrolle in «12 Years a Slave».

Über 90 Prozent weiss

Vor 14 Jahren gewann Halle Berry als erste Afroamerikanerin den Oscar für ihre Rolle in «Monster’s Ball». Das führte damals zu einer Spezialistendiskussion über die noch immer fehlende Repräsentation von Vielfalt, diesmal hat sich mit dem Hashtag #OscarsSoWhite sofort das Entrüstungsfeuer ausgebreitet: Der Boykott fällt in die empfindliche Zeit von Polizeigewalt und einer mit Füssen getretenen schwarzen Würde. Im Netz kursieren bereits Vorschläge, wie eine ausschliesslich afroamerikanische Nominierungsliste für die Oscars aussehen könnte. Sie wirkt wie ein fremdartiges Funksignal vom Mutterschiff, dieser galaktischen Rettungsfantasie schwarzer Mythologie. Die Realität auf Erden dagegen: weiss, weisser, Oscar.

Sogar der Schnee ist weiss in den nominierten Brutalitäten «The Revenant» von Alejandro González Iñárritu und «The Hateful Eight» von Quentin Tarantino: Die Akademie scheint da in einer eigenen Form des Whiteouts festzusitzen, dieser überhellen Diffusion von Nebel und Schnee, in der sich das Weisse unendlich ausdehnt und der Horizont verschwindet. Dass die Oscars die Diversität in Hollywood genauer abbilden sollen, wird seit Jahren gefordert, so schnell aber scheint eine andere Zukunft nicht zurückzukommen: Nicht nur sind deutlich über 90 Prozent der Academy-Mitglieder weisse Männer, sie stellen auch den krass überwiegenden Teil der Studiobosse und höheren Kader.

Der Druck des Kapitals

Der Missstand steckt im System, das die weisse Welterfahrung als Standard setzt, von dem alles andere abweicht; das dem Publikum kaum schwarze Identifikationsfiguren zutraut und selbst Einwanderungsgeschichten vor allem dann finanziert, wenn sie von Europäern handeln. Die Academy kann insofern nicht auszeichnen, was es gar nicht gibt, auch wenn zwischen Studiogelände und Galateppich ein zirkulärer Kreislauf entsteht, überwacht von Meinungs- und Weissmachern des profitablen Mittelmasses. Hollywoods Arroganz gegenüber schwarzen Lebensrealitäten – und afroamerikanischen Darstellern in nominierten Filmen – wirkt indes umso irritierender, je fahler die laufende Produktion daherkommt.

Vielleicht wird irgendwann der Druck des Kapitals für den Umschwung in den Köpfen sorgen. Bis es so weit ist, kann man von einer Oscar-Verleihung träumen, an der schwarze Darsteller für Filme nominiert sind, die nicht einmal von Weissen gedreht worden sind. Ein Afroamerikaner wird Ende Februar in Los Angeles sicher auf der Bühne stehen: Chris Rock, der Komiker und Moderator. Einen Spassmacher am Hof gönnt man sich ja immer. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2016, 17:06 Uhr)

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