Ein Thriller wie ein Knoten im Hirn

Ein Trip ins Unbewusste: Nach dem Welterfolg mit «The Dark Knight» taucht das Blockbuster-Superhirn Christopher Nolan mit seinem neuen Film «Inception» in die Welt der Träume ab.

Eine Kinowelt voller Träume: Leonardo DiCaprio in einer seiner wachen Phasen in «Inception».

PD

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Wer einem Mann stundenlang beim Schlafen zuschauen will, kann sich entweder Andy Warhols frühen Film «Sleep» ansehen oder aber den neuen Blockbuster von Christopher Nolan. Star bei Warhol ist der Dichter John Giorno, der sechs Stunden lang vor laufender Kamera schläft. Seine Träume behält er für sich. Bei Nolan ist es Leonardo DiCaprio, der fast den ganzen Film durchschläft, aber naturgemäss ist dabei einiges mehr los als in Warhols filmischer Geduldsprobe mit dem schlummernden Dichter. «Inception» spielt praktisch durchgehend in einem Traum, und das ist noch stark untertrieben, denn der Film träumt nach dem Matrjoschka-Prinzip.

Man wäre gerne als Spion dabei gewesen, als Nolan, zweifellos beflügelt von seinem Welterfolg mit «The Dark Knight», den Studiobossen bei Warner seine Idee zu «Inception» andrehte. Und gerne hätte man damals deren Gesichter gesehen: Einen metaphysischen Thriller will er drehen über einen Dieb, der nicht Geld oder Juwelen klaut, sondern geträumte Gedanken? Einen Actionfilm, in dem sich die Action in einem Traum abspielt, später dann in einem Traum innerhalb des Traums und schliesslich in einem Traum im Traum im Traum? Ist dieser Mann noch bei Trost, oder hat er bloss die Sache mit der Traumfabrik ein bisschen zu wörtlich genommen?

Viel Geld für kluge Filme

Nun sind solche erzählerischen Eskapaden nichts Ungewöhnliches für einen Regisseur, der als 30-Jähriger mit einem Film berühmt wurde, in dem er uns auf eine Schnitzeljagd durch ein defektes Gedächtnis entführte, noch dazu weitgehend im Rückwärtsgang. «Memento» war ein raffiniert verschachteltes Puzzle über einen Mann, der nach dem Mörder seiner Frau fahndet und sich jedes Indiz auf den Körper tätowieren lässt, weil er es Stunden später schon wieder vergessen hat. Seit diesem Film weiss man: Wenn wir uns ins Ideenlabor des Christopher Nolan trauen, müssen wir damit rechnen, dass das Kino Knoten in unser Denken macht.

Erstaunlich daran ist nur, in welchen Dimensionen er heute, zehn Jahre nach «Memento», mit seinen komplexen Gedankenspielen angekommen ist. Christopher Nolan dreht Blockbuster für die Multiplexe. Seine Filme kosten 150 Millionen Dollar oder mehr. Und es gibt gegenwärtig keinen anderen Regisseur auf dieser Welt, der von einem der grossen Studios in Hollywood so viel Geld für Filme bekommt, mit denen er sein Publikum zum Denken nötigt. «Avatar», das war Staunen bei ausgeschaltetem Kopf. Nolan erschafft zwar ebenfalls hochgerüstete Spektakel für die Massen, aber diese zielen gleichermassen auf gedankliche Überforderung wie auf optische Überwältigung.

DiCaprio als Auftragsdieb

Von «Memento» bis «The Dark Knight» funktioniert jeder von Nolans Filmen wie ein präzis gebauter philosophischer Sprengkörper: Sie stiften eine anregende Unordnung in den Köpfen, die lange nachwirkt. Wundern wir uns also nicht, wenn sein neues Werk mit «The Matrix» genauso verglichen wird wie mit «L’année dernière à Marienbad».

Leonardo DiCaprio spielt hier diesen Auftragsdieb namens Cobb, der sich in den Träumen anderer Leute einnistet, um ihnen wertvolle Ideen zu stehlen. Anders gesagt: Cobb ist ein krimineller Gedankenleser, der seinen Job im Schlaf verrichtet. Und wie der Held in «Memento» trauert auch er um seine tote Liebe. Gespielt von Marion Cotillard, verfolgt sie ihn bis in die Träume. Das wäre nicht weiter lästig, aber für einen Traumdieb heisst das: Die tote Frau stört ihn am Arbeitsplatz. Dabei will Cobb nur zurück zu seinen Kindern, die er nicht mehr sehen darf, seit er verdächtigt wird, seine Frau getötet zu haben.

Jetzt winkt Cobb ein Auftrag, mit dem er sich seine Rückkehr zum Familienglück erkaufen könnte. Statt eine Idee zu klauen, soll er sie seinem Opfer unbemerkt einpflanzen. Und damit das Opfer diese Idee auch wirklich als seine eigene akzeptiert, muss Cobb eben – so will es die Logik dieses Films – einen Traum im Traum im Traum entwerfen. Dazu engagiert er eine brillante junge Ingenieurin (Ellen Page aus «Juno»), die er in die Architektur der Träume einführt. Sie heisst Ariadne (wie im Mythos die Erfinderin des Ariadnefadens, mit dem man den Weg durchs Labyrinth findet) und macht sich daran, ihr Talent als Baumeisterin des Unbewussten zu testen.

Das sind dann grandiose Bilder, wie man sie vielleicht im Traum schon gesehen hat, nicht aber im Kino. Im Schlaf, heisst es mehrfach in diesem Film, sind wir zu allem fähig. Und tatsächlich: Da erheben sich nun ganze Stadtteile und falten sich zusammen zu einem Raum, der jede physikalische Logik aushebelt. Da wächst eine paradoxe Endlostreppe wie von M. C. Escher in den Raum, und als es die Baumeisterin in ihrem jugendlichen Spieltrieb übertreibt mit den unmöglichen Räumen, lässt Christopher Nolan den Traum buchstäblich platzen. Dann explodiert Stück für Stück und in atemberaubend schöner Zeitlupe diese imaginäre Welt.

In diesen Momenten erreicht «Inception» jene epochale Grösse, die als Versprechen in diesem Film schlummert. In diesen Momenten entfaltet Nolan aus einem entfesselten menschlichen Geist eine ganze Welt, in der sich der Schrecken im Schönen zeigt und umgekehrt.

Mag sein, dass ihm dann doch bange wurde vor der eigenen Fantasie. Der Bauplan zu diesem Film ist so verrückt wie beeindruckend, und wie souverän Nolan seinen Plot parallel auf bis zu vier verschiedenen Bewusstseinsebenen spielen lässt, das weist ihn erneut als Meister der Manipulation von Raum und Zeit aus. Aber das Unbewusste, in das er mit diesem Film abtaucht, funktioniert dann doch weitgehend nach den kommunen Regeln des gehobenen Actionkinos: Es gibt Schiessereien, Explosionen und Verfolgungsjagden, es werden Autos zu Schrott gefahren, und es müssen Tresore geknackt werden.

Aufgeräumte Räume

Für einen metaphysischen Trip ins Unbewusste vermisst man hier das Labyrinthische von Marc Forsters «Stay» oder auch den Aberwitz von Michel Gondrys «Eternal Sunshine of the Spotless Mind». Nolan ist ein brillanter Ingenieur des Erzählens, aber das Irrationale ist seine Sache nicht. Selbst die schiefen, kaputten Räume wirken irgendwie aufgeräumt, und als er ins dritte Traumlevel wechselt, fällt ihm dort nur James Bond im Schnee ein. Ist das aber wirklich ein Makel oder nur der Fantasie des Träumers geschuldet? Und wer träumt denn eigentlich diesen Traum namens «Inception»?

Am Ende reibt man sich die Augen und weiss doch nicht, ob man wirklich aufgewacht ist. Sicher ist: Wer keine Explosionen mag, sieht sich besser Warhols «Sleep» an. Aber wer weiss, vielleicht träumt auch John Giorno darin von einem Actionfilm.

Inception (USA 2010). 148 Minuten. Regie und Drehbuch: Christopher Nolan. Mit Leonardo DiCaprio, Marion Cotillard, Joseph Gordon-Levitt, Ellen Page u. a.

Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Abaton, Arena, Corso und Metropol.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.07.2010, 22:23 Uhr

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