Wer rettet den verfluchten Film vom Sennentuntschi?
Von Florian Keller. Aktualisiert am 27.06.2009 8 Kommentare
Es ist ein grausiger Anblick, und er lässt keinen Zweifel: Für die bis aufs Skelett verdorrte Leiche, die im Trailer zum Film «Sennentuntschi» aus einer Felsspalte ragt, kommt jede Hilfe zu spät. Und der Film selbst, ist er tot? Die teuerste Leiche der Schweizer Filmgeschichte? Heute nehmen die wichtigsten Geldgeber einen weiteren Anlauf, um sich darüber zu einigen, wie sie Michael Steiners «Sennentuntschi» auferstehen lassen wollen. Die Beteiligten schweigen. Doch was ist eigentlich passiert? Eine Chronik des Debakels in drei Akten.
Prolog
2003. Pascal Walder, seit «Nacht der Gaukler» langjähriger Kameramann von Regisseur Michael Steiner, hat die Idee, die Alpensage vom Sennentuntschi neu zu verfilmen. Steiner und die Schauspielerin Stephanie Japp unterbreiten die Idee dem Zürcher Produzenten PC Fueter, der sich seinerseits seit langer Zeit mit dem Gedanken trägt, die Sage zu verfilmen. Fueters Firma C-Films will den Film produzieren und beauftragt Steiner und Japp mit einer ersten Fassung des Drehbuchs. C-Films war bereits als Koproduzent eingesprungen, als Steiner schon während der Dreharbeiten zu «Mein Name ist Eugen» das Geld ausging.
Als Regisseur bei «Sennentuntschi» ist zunächst Fueters Sohn Tobias vorgesehen, mit dem Steiner gemeinsam den Erfolgsfilm «Grounding» inszeniert hat. Als Tobias Fueter die Regie nicht übernehmen mag, entscheidet sich sein Vater für Steiner als Regisseur. PC Fueter plant «Sennentuntschi» als schweizerisch-deutsche Koproduktion. Er ist überzeugt, dass er in Deutschland Partner und finanzielle Mittel für den Film finden kann. Unterdessen schreiben Michael Sauter und David Keller, das Autorengespann von «Achtung, fertig, Charlie!», laufend neue Fassungen des Drehbuchs. Das Buch wird blutiger, drastischer, komplizierter.
Kurz vor Weihnachten 2007 kommt es zum Bruch zwischen Fueters C-Films und Michael Steiner. PC Fueter ist es bis dahin nicht gelungen, die Finanzierung in Deutschland zu sichern. Mit seiner eigenen Firma, der Kontraproduktion AG, kauft Steiner das gesamte Projekt aus der C-Films heraus. Im Februar 2008 sichert sich die Kontra für 250 000 Franken die Rechte an «Sennentuntschi». (Bis auf eine Teilschuld ist dieser Betrag beglichen.)
1. Akt: Wer macht mit?
Im März 2008 beteiligt sich der österreichische Produzent John Lueftner mit seiner Superfilm GmbH an «Sennentuntschi». Lueftner hat schon einige Serien und TV-Filme fürs österreichische Fernsehen entwickelt und ist einer der Erfinder der preisgekrönten «Sendung ohne Namen». Mit Kinofilmen hat Lueftner noch keine Erfahrung.
Im Frühling 2008 werden die bereits gesprochenen Fördergelder auf die Kontraproduktion überschrieben. Das geht reibungslos beim Bundesamt für Kultur (BAK), mit 1 Million Franken der grösste Geldgeber von «Sennentuntschi»; auch die Zürcher Filmstiftung erneuert den Herstellungbeitrag von 600'000 Franken, jedoch erst nach einer neuerlichen Prüfung des Projekts. Das Schweizer Fernsehen (SF) will sich zunächst nicht darauf einlassen, den gesprochenen Herstellungsbeitrag von 600'000 Franken auf Steiners Firma zu übertragen. Als deren Geschäftsführer Bruno Seemann insistiert, erklärt sich SF bereit, den Film wenigstens mit 300'000 Franken zu fördern. Hinzu kommen Beiträge aus dem österreichischen Filminstitut, dem österreichischen Fernsehen ORF und dem europäischen Filmfonds Eurimages. Damit sind die wichtigsten Förderanstalten an «Sennentuntschi» beteiligt. Da jeder Produzent vor Auszahlung der Beträge verpflichtet ist, einen detaillierten Nachweis über die Verfügbarkeit der für die Finanzierung notwendigen Gelder zu erbringen, sieht keine der Förderanstalten einen Anlass, dem Projekt zu misstrauen.
Unterdessen weckt die Alpensage über eine dämonische Sexpuppe den kommerziellen Appetit. Steiners noch ungedrehtes «Sennentuntschi» lockt erste Käufer an. Die Schweizer Zweigstelle des US-Konzerns Warner sichert sich für 200'000 Franken vorzeitig die DVD-Rechte am Film. Als Schweizer Koproduzent beteiligt sich zudem Hans G. Syz mit seiner Turnus Film AG. (In der Schweiz hat Syz den Publikumserfolg «Handyman» produziert, in Hollywood verdiente sich sein Paris-Hilton-Film «The Hottie and the Nottie» zwei Antipreise bei den Goldenen Himbeeren.) Auch die Schweizer Zweigstelle von Walt Disney Studios will an Steiners Film mitverdienen: Für 150'000 Franken sichert sich Disney die Verleihrechte von «Sennentuntschi» für die Schweizer Kinoauswertung. (Dieser Betrag steht noch aus.)
Im April 2008 bittet Regisseur Steiner die erfahrene Zürcher Produzentin Ruth Waldburger («Ernstfall in Havanna») um Rat. Waldburger schlägt ihm vor, «Sennentuntschi» in Koproduktion mit Frankreich zu drehen. Sie macht keine definitive Zusage über eine finanzielle Beteiligung, will sich aber über ihre französische Tochtergesellschaft Avventura Films SA in Frankreich um Gelder bemühen. So wird «Sennentuntschi» zu einer Drei-Länder-Koproduktion zwischen der Schweiz, Österreich und Frankreich.
2. Akt: Nacktes Chaos.
Am 2. September 2008 fällt im Schächental die erste Klappe zum «Sennentuntschi». Joel Basman, Carlos Leal und Andrea Zogg spielen die Sennen, die stumme Titelrolle übernimmt die Französin Roxane Mesquida. Bei einem Gesamtbudget von 5,5 Millionen Franken ist der Film zwar noch lange nicht ausfinanziert, aber der Produzent Bruno Seemann, Geschäftsführer und Verwaltungsratspräsident bei Kontra, gibt trotzdem grünes Licht für den Drehstart.
Für die Dreharbeiten rechnet die Kontra mit Kosten von maximal 4,1 Millionen Franken, die durch Fördergelder und Partner gedeckt sind. Weil die Zahlungen dieser Gelder in Raten erfolgen, kann für den Dreh nur mit 2,4 Millionen Franken gerechnet werden. Die restlichen 1,7 Millionen Franken sollen durch Überbrückungskredite finanziert werden, notfalls auch aus den Reserven der Kontra. Aufgrund der Einkünfte aus «Mein Name ist Eugen» und der von Kontra produzierten TV-Serie «Stunt Hero» rechnet Steiner mit Reserven in Höhe von rund 500'000 Franken. Gibt es von «Sennentuntschi» einmal einen Rohschnitt, so darf man damit rechnen, dass sich die Fertigstellung des Films aus dem Verkauf der Weltrechte finanzieren lässt. (Für den Verkauf der Weltrechte sollen Absichtserklärungen in der Höhe von 450'000 Franken vorliegen.)
18. November 2008. Nach 50 Drehtagen fällt im Studio in Uster die letzte Klappe. Der Film ist abgedreht. Schon während der Dreharbeiten gibt es jedoch Anzeichen dafür, dass Steiners Kontraproduktion mit Liquiditätsproblemen kämpft. Der Firma geht das Geld aus, bis Mitte November türmen sich bei der Kontra offene Rechnungen in der Höhe von rund 1 Million Franken. Viele Mitglieder der «Sennentuntschi»-Crew warten bis heute auf ihren Lohn. Für einen Star wie Carlos Leal beläuft sich das geschuldete Honorar auf rund 70'000 Franken, bei Kameramann Pascal Walder gar auf 80'000 Franken. Dem Berner Kopierwerk Schwarzfilm, das den abgedrehten Film verarbeitet hat, schuldet die Kontra über 100'000 Franken.
Das wahre Ausmass der finanziellen Probleme wird nach Abschluss der Dreharbeiten klar: Geschäftsführer Bruno Seemann hat keine ausreichende Zwischenfinanzierung sichergestellt, in der Buchhaltung der Kontra herrscht das nackte Chaos. Steiner muss sich vorwerfen lassen, dass er seiner Aufsichtspflicht als Verwaltungsrat nicht nachgekommen ist. Im November 2008 liegt noch kein ordentlicher Abschluss für das Geschäftsjahr 2007 vor, auch erste Betreibungen datieren aus dem Vorjahr. Geschäftsführer Seemann, ein Anwalt mit Harvard-Diplom, ist schon 2005 mit einer eigenen Rechtsberatungsfirma Konkurs gegangen. Steiner: «Seemann hat die Gelder hinter unserem Rücken verjubelt.» Es kommt zum Bruch mit Seemann. Ende November tritt der Geschäftsführer per sofort aus Steiners Firma aus.
Aus Paris folgt der nächste Rückschlag: Der Avventura ist es wider Erwarten nicht gelungen, Geldgeber in Frankreich zu gewinnen; ohne eine finanzielle Beteiligung der Avventura verfällt der Koproduktionsvertrag mit Frankreich. Ausserdem wurde in Frankreich versäumt, für den Film die offizielle Bescheinigung als französische Koproduktion zu beantragen. Ohne die Beglaubigung sämtlicher beteiligter Koproduktionsländer bezahlt die europäische Förderanstalt Eurimages die gesprochenen Herstellungsbeiträge von rund 592'000 Franken nicht aus.
Damit die Eurimages-Gelder nicht verfallen, wird «Sennentuntschi» im Januar 2009 in eine Zwei-Länder-Koproduktion umgewandelt. Angesichts der massiven Geldprobleme und der undurchschaubaren Buchhaltung in Steiners Firma unterschreibt jedoch der Schweizer Koproduzent Hans Syz den neuen Koproduktionsvertrag nicht. Solange der Vertrag nicht von allen Partnern unterzeichnet ist, fliesst weiter kein Geld von der europäischen Förderanstalt Eurimages.
3. Akt: Wer räumt auf?
Als grösster Geldgeber beim «Sennentuntschi» beauftragt das BAK einen Buchprüfer mit dem Fall. Der Revisor kommt im Februar zum Schluss: Die Kontra steht mit 3,8 Millionen Franken im Minus. Eine abschliessende Buchhaltung zu «Sennentuntschi» steht allerdings noch aus. Die beteiligten Förderanstalten stehen jetzt vor der Frage: Sollen sie den unfertigen Film seinem Schicksal überlassen und die bereits ausbezahlten Förderbeträge abschreiben? Oder sollen sie zusätzliche Gelder für die Fertigstellung von «Sennentuntschi» auslösen, damit wenigstens die Möglichkeit besteht, dass der Film dereinst seine Kosten wieder einspielt?
Im März 2009 kommt es zu einer ersten «Elefantenrunde», bei der die wichtigsten Geldgeber über eine Rettung des Films verhandeln. Dazu gehören das BAK, die Zürcher Filmstiftung, das Schweizer Fernsehen, die österreichische Superfilm und die Zürcher Turnus. Koproduzent Hans Syz von Turnus erklärt sich einverstanden, einen provisorischen Abschluss der Buchhaltung von «Sennentuntschi» und der Kontraproduktion zu bezahlen. Dieser zweite Bericht stellt bei der Kontraproduktion einen Verlust von 2,5 Millionen Franken fest.
Ende Mai 2009 setzt das BAK den Unternehmensberater Philipp Schnidrig als Sanierer ein, um einen Rettungsplan für «Sennentuntschi» auszuarbeiten. Die Absicht ist, eine Auffanggesellschaft mit der Beteiligung aller Geldgeber zu gründen. Über die Details ist nichts bekannt, vielleicht bringt die Verhandlungsrunde von heute eine Einigung. Über die Verhandlungen wurde Stillschweigen vereinbart. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.06.2009, 15:12 Uhr
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8 Kommentare
Ich glaube ich bin im falschen Film! Wie viel Arbeit wurde darauf verwendet, Beziehungen spielen zu lassen und Subventionen (notabene alles über Zwangsabgaben wie Steuern und Gebühren finanziert!) zu ergattern. Künstlerisch gibt der Film nichts her und ist ein typisches Produkt schweizerischen Kulturschaffens. Subventionen bedingen politischen Einfluss und töten die Kunst. Begraben wir's einfach! Antworten
Bedauerlich. Da hat man ein interessantes, in der Schweiz verwurzeltes Thema, einen Regisseur, der das Handwerk versteht (wenn ich mir den Trailer ansehe), und nun das. Es zeigt sich einmal mehr, wie verknorzt das CH-Filmschaffen ist. Schrott wie "Räuberinnen" oder "Max & Co." kommen ins Kino, beim "Sennentuntschi" ist alles ungewiss. Entlässt die Filmförderer. Die haben wirklich keine Ahnung! Antworten
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