Wie viel Kind ist noch in diesem Kind?
Kürzlich war Jaden Smith in der «Late Show» des US-Fernsehsenders CBS. Der Zwölfjährige machte Promo für den Actionfilm «The Karate Kid», in dem er die Hauptrolle spielt. Im TV-Studio schnappte er Gastgeber David Letterman die Pointen weg, gab sich naseweis und vorlaut. Gleichzeitig wirkte seine Forschheit einstudiert – insgesamt war es ein befremdlicher Auftritt.
Hernach hagelte es böse Zuschauer-Kommentare. Das Mehrheitsverdikt lautete: Jaden Smith ist ein Klon. Er ist verwöhnt und frech. Er kann nicht schauspielern und hat «The Karate Kid» nicht verdient. Er verdankt den Job ohnehin seinem Vater.
Der Vater: Will Smith, Grossverdiener unter den Filmstars, berühmt dank der Zukunftskomödie «Men in Black». Will Smith ist ein Saubermann mit Strahlegesicht. Neben der Schauspielerei rappt er auch, doch andere Hip-Hopper kreiden ihm an, dass er aus gutbürgerlichen Verhältnissen stammt; er besitze nicht die Ghetto-Glaubwürdigkeit, die das Genre verlange.
Ordentliche Performance
Will Smith hat seinem Sohn schon früher Rollen verschafft. Und nun die erste Hauptrolle. In «The Karate Kid», von Will Smith produziert und in den Kinos sehr gut gestartet, gibt Jaden Smith den schwarzen Buben Dre. Der zieht mit seiner Single-Mutter von Detroit nach China und wird dort von einer Jugendgang schikaniert, bis er sich mithilfe eines Abwarts zum KungFu-Kämpfer mausert. Mr. Han ist nämlich ein Meister der Kampfkunst.
Der Film enthält sadistische Szenen. Nicht die sauber choreografierten Infights tun weh, sondern die Trainingsbilder. Dre, also Jaden Smith, hat einen schmächtigen, noch präpubertären Körper. Mr. Han schindet diesen nach allen Regeln seiner Zunft. Den Spagat zum Beispiel erzwingt der Lehrer, indem er den Schlaks von Schüler brutal zu Boden drückt.
Jaden Smith seinerseits legt ein gerüttelt Mass an Biegsamkeit an den Tag und genügt den sportlichen Erfordernissen der Rolle; insgesamt ist seine Performance ordentlich. Allzu viel Character-Acting braucht er nicht zu leisten, er verkörpert bloss einen Buben, der auf dem falschen Kontinent gelandet ist. Mit anderen Worten: «The Karate Kid» ist mässig interessant.
Wie einst «Kevin»?
Ein Schauspiel ist Jaden Smith vor allem abseits der Kinoleinwand. Als Phänomen des Kinderstars. Man muss an dieser Stelle nicht gleich die schlimmsten Geschichten heraufbeschwören; das Drama des Macaulay Culkin etwa, der als Kevin in «Home Alone» grandios aufkam und nach der Pubertät grässlich verkam und versumpfte. Auch wenn die Scientology-Tendenz von Will Smith und seiner Gattin Jada Pinkett Smith skeptisch stimmt, ist Sohn Jaden anders als andere Jungstars doch eingebunden in eine intakt scheinende Familie.
Verfolgt man die Auftritte der SmithKinder, ist man dennoch ein ums andere Mal bestürzt. Jadens Schwester Willow hat sich an der «The Karate Kid»-Gala in Los Angeles arg in der Garderobe vergriffen. Gerade mal neun Jahre alt, trat sie an mit toupierten Haaren, Leopardenjacke, Goldkettchen, Riesensonnenbrille und Boots; sie kam daher wie eine Phädophilenversion der Sängerin Rihanna.
Ihr Bruder Jaden wiederum war in den letzten Jahren alles Mögliche: kleiner Gentleman im dunklen Anzug mit lila Krawatte. Gangsoldat in Vintageleder. Oder auch, vor Monaten erst in der «Ellen DeGeneres Show», ein Pummel mit riesiger Afrofrisur. Und nun ist Jaden Smith hager und mager, gibt Interviews wie ein Grosser, zeigt seinen Sixpack-Bauch vor – man fragt sich spätestens seit dem Auftritt bei Letterman: Wie viel Echtheit lebt in der Künstlichkeit? Wie viel Kind ist noch in diesem Kind? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.07.2010, 11:19 Uhr
Kultur
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