Willkommen im Selbstmitleidszoo der jungen Männer
Von Florian Keller. Aktualisiert am 01.07.2009
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«Alle anderen» läuft ab morgen in Zürich im Kino Riffraff, «Two Lovers» im Arthouse Le Paris. «Tag am Meer» startet eine Woche später in einem Arthouse-Kino.
Wäre das Kino ein Instrument für gesellschaftliche Diagnosen, man müsste sich jetzt wieder ernsthaft Sorgen machen um die Zuversicht und das Selbstwertgefühl von jungen Männern. In den Filmen heissen sie Chris, Dave oder Leonard, sie leben in Zürich oder Brooklyn oder machen Ferien auf Sardinien. Sie streifen gerade das kritische Alter von 30 Jahren, und sie haben immer noch eine wahnsinnige Angst vor dem Erwachsenwerden.
Dave ist der Mann in Zürich, aber er spricht Berndeutsch, denn gespielt wird er vom Berner Dominique Jann. Das ist der Bräutigam mit den grossen, dunklen Augen, der in Micha Lewinskys «Die Standesbeamtin» vor den Altar treten sollte und sich in letzter Minute doch für seine alte Jugendliebe entschied. Jetzt, in Moritz Gerbers flüchtigem Generationenporträt «Tag am Meer», entscheidet er sich am liebsten gar nicht. Dave verkauft tagsüber Platten, nachts legt er welche auf. Das ist nicht ohne Ironie, wenn er als DJ im Club Zukunft aufspielt, denn genau vor dieser ist ihm ja so bange. Die blutjunge Französin, die mit dem Rucksack unterwegs nach Süden ist, kommt ihm da gerade recht, um vor der Schallmauer 30 noch einmal ein bisschen «Naivität zu tanken», wie das sein Mitbewohner nennt.
Irgendwie zusammen oder auch nicht
«Tag am Meer» ist ein Film über den Abschied von der Jugend, den diese Generation so spät vollzieht, dass er einer Midlife-Crisis täuschend ähnlich sieht. Dave steht dann spätnachts an der Tramhaltestelle am Limmatplatz und lässt seine Ex, mit der er jetzt irgendwie wieder zusammen ist (oder irgendwie auch nicht), an seiner Schwellenangst teilhaben: Manchmal, sagt er da, habe er halt das Gefühl, dass er zu viele Fehler noch vor sich habe und zu wenige hinter sich, als dass er schon 30 sein könne.
Dem Manne kann geholfen werden. An dieser Stelle im Film könnte man nämlich gut einen energischen Weckruf von Birgit Minichmayr dazwischen schneiden, die sich als Gitti im Film «Alle anderen» mit einem mindestens so unschlüssigen Freund herumschlagen muss. Der heisst Chris (Lars Eidinger), und zusammen machen sie Urlaub im Ferienhaus seiner Eltern auf Sardinien. Chris ist ein Architekt ohne Aufträge und fühlt sich auch deshalb nicht immer männlich genug für die resolute Gitti. Dafür verfügt er über die nötige Selbstironie, um sich mit kindischem Bastelwerk über seine Selbstzweifel lustig zu machen; er öffnet dann seine Hose und holt als Ersatzpenis eine Ingwerwurzel hervor, als Potenzprothese. Und bevor jetzt ein falscher Eindruck entsteht: Nein, dieser Film ist überhaupt nicht albern.
Der Witz sagt die Wahrheit
Bestechend genau schildert die deutsche Regisseurin Maren Ade in «Alle anderen» die zwischenmenschliche Feinmechanik, die ein junges Paar in der Isolation der Ferien zusammenhält – oder wieder auseinandertreibt. Dabei passiert vordergründig ganz wenig in diesem Film, der das Licht des Südens atmet, aber die Ferieninsel nie als Postkarte zeigt, sondern als spiessiges Ersatzparadies. Die beiden Verliebten albern am Pool herum, sie gehen wandern oder machen Disco im Kitschzimmer der Mama, und sie gehen grillen bei einem Architekturkollegen, der sich samt Frau von seinen Erfolgen erholt. Auch da sind beide berufstätig, aber ganz auf die alten Rollenmuster eingespielt: «Sie ist so erfolgreich, dass ich sie befruchten musste, damit alles noch im Lot bleibt», witzelt er über seine schwangere Frau. Die Ironie zündet fehl, und in der folgenden Verlegenheit ist allen klar: Der Witz sagt die Wahrheit.
Kleine Gemeinheiten fordern Opfer
An der Oberfläche ist das ein Film von trügerischer Beiläufigkeit. In der Sprache jedoch und in der Choreografie der Blicke und der Körper verwickelt Regisseurin Maren Ade ihr Darstellerpaar in ein flirrendes Hin und Her aus Zärtlichkeiten, Missverständnissen und kleinen Gemeinheiten, die über kurz oder lang ihre Opfer fordern. Bald weiss man gar nicht mehr: Sind das noch feine Risse zwischen den beiden oder schon Abgründe?
Der schauspielerische Motor in diesem Paar ist die grossartige Birgit Minichmayr. Sie allein ist Grund genug, sich diesen Film anzusehen, den sie auch über die eine oder andere Länge hinwegträgt. An der Berlinale wurde Minichmayr für die Rolle mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Dabei ging vielleicht vergessen, dass sie ihre Wucht hier vor allem aus dem Kontrast zu Lars Eidinger entwickeln kann, der seinen Chris wie einen deutschen Hamlet im Urlaub spielt. Und so sexy muss man einen Schlappschwanz auch erst mal bringen. Einmal, da sitzt er müde auf dem Sofa und sagt, er habe nachgedacht, über sich und über alles: «Ich weiss nicht, was ich machen soll», sagt er. «Ich find das alles so albern. Was man so macht. Wie ich lebe. Meine Arbeit.» Da wären wir wieder, im Selbstmitleidszoo der jungen Männer, die nicht wissen, was sie wollen.
Zurück im Kinderzimmer
Da gehört schliesslich auch Leonard aus Brooklyn hin, der labile Sonderling aus James Grays «Two Lovers», gespielt von Joaquin Phoenix. Nach einem Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik wohnt er jetzt wieder im Kinderzimmer bei seinen jüdischen Eltern, wo es nach Mottenkugeln riecht und wo das kleinbürgerliche Milieu gleichermassen liebevoll wie bedrückend ist. Der Vater will Leonard im Interesse seiner kleinen chemischen Reinigung verkuppeln: Der Sohn soll die Tochter eines befreundeten Unternehmers heiraten, damit die anstehende Fusion der beiden Familienbetriebe auch ehelich besiegelt ist.
Eigentlich dürfte sich Leonard sogar glücklich schätzen mit der Frau, die ihm die Eltern andienen wollen. Denn Sandra (Vinessa Shaw) ist nicht nur bildschön, sondern auch lieb, klug und sexy. Aber Leonard träumt lieber von der blonden Nachbarin (Gwyneth Paltrow), mit der er an seinem Fenster zum Hof sehnsüchtige Blicke tauscht und die er auch heimlich in die Disco begleitet. Von Michelle verspricht er sich ein glamouröses Leben jenseits der elterlichen Zwänge und der Verantwortung im Familienbetrieb. Dass die Nachbarin unerreichbar bleibt, weil sie selber hoffnungslos in eine Daueraffäre mit einem verheirateten Mann verstrickt ist, macht sie für Leonard umso begehrenswerter – hindert ihn aber nicht, mit Sandra ins Bett zu gehen.
Was will dieser Mann mehr?
Regisseur James Gray, bislang ein Experte für Milieufilme über die russische Mafia in Brooklyn, erzählt diese simple kleine Liebesgeschichte in dunklen, bedrückenden Tableaus. Und es braucht wohl die kontrollierte Verkrampftheit eines Joaquin Phoenix, dass man die Einsamkeit und die innere Verzweiflung dieses Leonard überhaupt nachvollziehen kann. Man sieht seine beiden Frauen und fragt sich: Was will dieser Mann mehr? Nun, eine Birgit Minichmayr an seiner Seite würde ihm vielleicht ganz gut tun. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.07.2009, 08:18 Uhr
Kultur
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