«Wir verstehen uns als Künstler – hoffentlich hört es niemand»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 15.10.2009 1 Kommentar
Der Schweizer Dokumentarfilm hat immer die Landesgrenzen gesprengt. Ist die Frage nach dem «Schweizerischen» in Ihren Filmen überhaupt relevant für Sie?
Peter Liechti: Jeder Film, der in diesem Land produziert wird, ist ein Schweizer Film. Das reicht mir vollkommen. Der Begriff «Schweizer Film» scheint aber kein besonders tolles Label zu sein. Ich merke, dass die wenigsten meiner Kollegen scharf darauf sind, dieses Label auf sich selbst anzuwenden. Was mir kürzlich total schräg eingefahren ist: Am Zurich Film Festival wurde ich zu einem öffentlichen Podium unter dem Titel «Welche Stoffe braucht das Land?» eingeladen. Ich bin beleidigt! Für mich ist das eine Kapitulation, und das erst noch in aller Öffentlichkeit! Welche Stoffe brauchen wir? Das klingt nicht nach Werk, sondern nur noch nach Produkt. Ich suche den Austausch mit diesem Land; ich bin nicht daran interessiert, diesem Land Produkte zu liefern. Christian Frei: Ich glaube, dass wir, vielleicht aus unserer Uhrmacher-Mentalität heraus, offenbar eine Begabung zum Dokumentarischen haben. Das hat nichts zu tun mit der Enge des Blicks auf die Schweiz. Einer wie Erich Langjahr kommt wahrscheinlich kaum je auf die Idee, seine Schafe im Ausland zu suchen. Aber auch er hat eine Eigenart des Dokumentarischen entwickelt, die wichtig ist für den Schweizer Film.
Jetzt träumen gleich zwei Schweizer Dokumentarfilme vom Weltraum: Christian Freis «Space Tourists» und bald auch Richard Dindos «Marsdreamers». Ist das Zufall?
Richard Dindo: Die Entscheidung, einen Film zu drehen, hängt für mich immer mehr mit der Lust nach neuen Landschaften zusammen. Einer der Darsteller sagt in meinem Film: Die Sehnsucht nach der Entdeckung neuer Landschaften ist ein alter Traum der Menschheit. Auf der Erde hat sich diese Suche erschöpft, nun müssen wir die neuen Landschaften auf neuen Planeten suchen. Und der Mars ist für mich die nächste unmittelbar bevorstehende neue Landschaft. Frei: In meinem Film «Space Tourists» gibt es durchaus diesen Traum von einer Reise ins All – und dazu die Herausforderung, eine Milliardärin als Protagonistin ernst zu nehmen. Daneben soll das natürlich auch ein Film sein über die Ökonomie dieses Traums. Deshalb dieser Blick nach Baikonur, in diesen einst weltgrössten Weltraumbahnhof, wo den Helden der früheren Sowjetunion nichts anderes übrig bleibt, als sich als Kutschenfahrer für westliche Milliardäre zu verkaufen. Und deshalb auch die Geschichte von den kasachischen Raketenschrottsammlern, die buchstäblich von den Raketen leben, die vom Himmel fallen. Dindo: Ich hatte auch Lust, provisorisch von einer gewissen Ernsthaftigkeit loszukommen und die Sache einmal etwas lockerer anzupacken. Ich hatte immer Humor, nur hat sich das in meinen Filmen nie gross gezeigt.
Auch Peter Liechtis «The Sound of Insects» geht bis ans Äusserste, aber ganz ohne Raumfahrt: Der Film ist das Tagebuch eines Mannes, der in eine andere Welt übersiedeln will, indem er sich zu Tode hungert. Auch ein humorvoller Film?
Liechti: Ich wollte sicher keine Komödie machen. Das heisst aber nicht, dass das humorlos sein muss. Was mich an dieser scheinbar ausserordentlich tragischen Geschichte interessiert, ist dieses hohe Mass an Selbstironie, das unterschwellig mitspielt. Die Geschichte von diesem Hungertod ist überhaupt nur dank dieser Distanz erträglich, die im Text angelegt ist. Sonst wäre sie bloss noch tranig und depressiv. Die Behauptung von Humor finde ich aber immer ein bisschen peinlich. Das sagen dann die Anderen, ob da Humor drin ist oder nicht. Das kann man selber weder planen, noch kann man das selbst von sich behaupten – genauso wenig wie Poesie. Dindo: Ich selber habe nie den geringsten Zweifel, wenn ich einen Film drehe. Ich habe den ganzen Film vorher schon im Kopf. Wenn ich Schuhe kaufe, weiss ich auch zum Vorneherein, was ich für Schuhe will. Frei: Ich habe nur Zweifel! Ich wäre komplett blockiert, wenn ich aufhören würde zu zweifeln. Die Resultate, die ich erreiche, erreiche ich aus einer Haltung des Zweifelns. Aber da haben wir auch unterschiedliche künstlerische Methoden. Es ist doch schön, dass der Schweizer Dokumentarfilm immer noch von einem künstlerischen Diskurs geprägt ist, nicht nur von Inhalten. Die Handschrift des Filmemachers ist mir enorm wichtig. Ich habe mich auch immer dagegen gewehrt, wenn Puristen meinen Approach einschränken wollten. Ich arbeite zum Beispiel gerne mit der Überhöhung der Musik. Ich liebe aber auch Filme, die sehr viel spröder sind und ihre Poesie auf einer anderen Ebene erreichen.
Die Idee vom «Diskurs in der Enge» mag sich abgenutzt haben, aber so ganz totzukriegen ist sie doch nicht. Wenn ich mir Ihre Filme ansehe, scheint diese Enge für Schweizer Dokumentarfilmer allerdings ein Fremdwort zu sein...
Frei: Ich fühlte mich immer als Weltenbürger. Für mich gibt es die Enge in diesem Sinn gar nicht. Mein Steuerberater hat herausgefunden, dass ich im Schnitt fünf Monate im Jahr im Ausland bin. Meine besten Ideen hab ich im Flugzeug. Liechti: Die Enge ist entweder in einem drin oder nicht. Ich leide natürlich in der Provinz. Aber was mir die Provinz gerade auch in ihrer Beschränkung an Stoffen anbietet, das ist sehr viel reicher, als was ich in dieser Allerweltsurbanität erlebe. Da würde ich untergehen und mich verzetteln. Ich arbeite gerne mit einem sehr beschränkten Inventar. Und ich finde die Welt auch eher in einer Porzellanvase als in der Megacity. Dindo: Natürlich kann man auch in der Provinz ein Leben lang wunderbar kreativ sein. Aber ich habe meine entscheidende intellektuelle Befruchtung in Paris erfahren. Für mich ist die Grossstadt eine fundamentale Notwendigkeit – auch das Untergehen in der Grossstadt, das Sich-verstecken-Können vor diesem Denunziantentum in den Dörfern. Ich kann ja in Zürich nicht über die Strasse gehen, ohne bei den Steuerbehörden denunziert zu werden.
Im Ausland wird der Schweizer Dokumentarfilm gerade für seine Weltläufigkeit gefeiert. Bei uns in der Schweiz schaut sich das Publikum lieber Filme über Bergbauern an, wie der Erfolg von «Bergauf, bergab» zeigt. Muss uns das zu denken geben?
Frei: Überhaupt nicht. «Bergauf, bergab» gibt einen Einblick ins Alltagsleben einer Bergbauernfamilie und begeistert damit ein grosses Publikum. Der Film mag formal nicht ein grosser Wurf sein, aber er interessiert von seinem Thema her. Ich plädiere dafür, dass man auch Werke toleriert, die vielleicht weniger künstlerisch auffallen, die aber inhaltlich sehr wohl ihre Berechtigung haben. Das gehört für mich auch zur Vielfalt, dass man da nicht einfach abgrenzt. Dindo: Es ist normal, dass das Schweizer Publikum ursprüngliche, althergebrachte und traditionelle Schweizer Sujets lieber mag. Ich habe beim Schweizer Fernsehen einmal einen Film über Che Guevara vorgeschlagen. Da sagte man mir: «Wir wollen keine ausländischen Sujets mehr. Finde uns einen Che Guevara in der Schweiz, dann finanzieren wir das Projekt.» Übrigens sind mir die Schweizer nie sympathischer, als wenn ich einen Schweizer Film sehe. Sympathischer als im täglichen Leben. Also kann ich sagen: Meine wirkliche Heimat ist der Schweizer Film. Liechti: Ich empfinde das Regionale – also die Thematisierung dessen, was man wirklich kennt – als das Internationalste, das Universellste. Was ich immer wieder peinlich fand, ist dieser herbeigezwängte Euro-Film, wie er eine Zeitlang auch vom Bund proklamiert wurde. Oder wie es der endlich abtretende Kulturminister ausdrückte: Der «volksnahe Qualitätsfilm».
Was finden Sie so schlimm daran?
Liechti: Das klingt für mich nach Zeughaus, nach DDR, nach etwas Grundsolidem, das maximal weit entfernt ist von allem, was mir Kunst bedeutet. Ich traue mich ja in den Fördergesuchen nicht mehr, von «Kunst» zu schreiben. Es gibt ein paar Worte, die ich konsequent vermeide, auch in der Promo für den Film: «Kunst» oder «Experiment» – ja nicht! Aber unter uns können wir es ja sagen: Wir verstehen uns als Künstler. Hoffentlich hört es niemand. Dindo: Wir müssen mehr denn je unsere Unabhängigkeit als Kulturschaffende verteidigen. Im Kapitalismus sind ausser den Milliardären ja nur die Kulturschaffenden freie Menschen. Und Kunst hat immer auch mit Widerstand und mit Poesie zu tun. Wir sollten uns wieder darauf besinnen, dass Film in letzter Instanz Kunst ist. Und nicht nur Kommerz, Kalkül und Berechnung. Liechti: In der Schweizer Filmpolitik wird seit Jahren genau das Gegenteil proklamiert. Man versucht zu planen, zu analysieren und sich abzusichern – das sind alles verkehrte Werte. Filmen heisst, mit Unsicherheiten umzugehen, offen zu sein, neugierig zu sein, auch Irrtümer einzubeziehen. Ich habe kürzlich von einem Biochemiker gelesen, der sagte, dass die Forschung eigentlich nur durch Irrtümer weiterkomme. Die Forschung habe das dem Leben abgeschaut: Wenn sich das Leben ohne Fehler, ohne Irrtümer abwickeln würde, wären wir alle noch Bakterien.
Sie haben die Filmpolitik von Nicolas Bideau angesprochen, dem umstrittenen Filmchef des Bundesamtes für Kultur. Was ist verkehrt an seiner Politik?
Dindo: Der Bund versucht, immer mehr Geld in immer weniger, hauptsächlich kommerzielle Spielfilme zu stecken. Wir haben in der Person von Bideau einen Bundesbeamten, der am liebsten über alles bestimmen würde und uns quasi auch noch vorschreiben möchte, wer was für Filme machen soll. Wir brauchen aber keinen staatlich verordneten Einheitsbrei, sondern die grösstmögliche Vielfalt. Und aus dieser Vielfalt heraus werden immer wieder spontan grossartige und vielleicht auch erfolgreiche Filme entstehen. Bideau meint, dass die Filme umso besser und erfolgreicher würden, je mehr Geld er in kommerzielle Projekte stecke. Das ist eine Milchmädchenrechnung, die selten aufgeht. Erfolg kann man nicht amtlich dekretieren.
Christian Frei, Sie sind Präsident der Förderkommission für Dokumentarfilme: Ist Bideaus Förderpolitik wirklich eine Gefahr für den Schweizer Film?
Frei: Es ist längst eine Diskussion nötig, aber Nicolas Bideau und sein Amt haben diese dauernd verschoben. Es fehlt an Transparenz. Ich erwarte zum Beispiel, dass die Resultate des Begutachtungsausschusses, wie sie publiziert werden, auch wirklich die Empfehlungen der Kommissionen wiedergeben.
Das ist nicht der Fall?
Frei: Dazu darf ich hier nichts Konkretes sagen. Dindo: Wir haben heute drei Generationen von Filmemachern in der Schweiz. Meine Generation ist ja noch nicht tot! Unsere Leichen bewegen sich noch. Das Geld reicht aber nicht für drei Generationen. Es gibt heute so viele Talente, deshalb ist das ganze Fördersystem objektiv überfordert. Frei: Kulturförderung ist keine geschützte Werkstatt, in der alle ein bisschen dürfen, was sie wollen. Kunst ist nie eine geschützte Werkstatt. Mit einer gewissen Angst müssen wir als Künstler leben. Aber: Es geht mir um die Radikalität in der Sorgfalt und um einen respektvollen Umgang in der filmkünstlerischen Begutachtung.
Um den politisch engagierten Schweizer Dokumentarfilm ist es allerdings still geworden. Ist es heute schwieriger, kritische Filme zu drehen?
Dindo: Mit meinen letzten zwei politischen Filmen hatte ich überhaupt keinen Erfolg mehr. Das hat die Leute einfach nicht mehr interessiert. Also habe ich aufgehört, politische Filme zu machen. Es fallen mir typischerweise auch keine politischen Stoffe mehr ein. Ich bin immer noch ein 68er und denke ungefähr dasselbe wie damals, nur interessiert das die Leute nicht mehr. Ich kann aber nicht alle meine Träume und Hoffnungen einfach aufgeben, weil sich die Welt verändert hat. Man hat heute den Eindruck, die Menschheit habe keinen Traum mehr. Es gibt keine Utopien mehr. Der Begriff der Utopie ist wie ausgestorben. Das ist ein Elend, auch gedanklich und künstlerisch. Mein Film «Marsdreamers» ist auch eine Reflexion über die Frage: Wo könnte ein neuer Traum erwachen? Frei: Ich fühle mich umso wacher, je komplexer und ambivalenter die Debatten werden. Ich kann mich dieser Milliardärin in «Space Tourists» sicher freier nähern, weil ich eben kein 68er bin. Damals hätte zumindest die Gefahr bestanden, dass man gesagt hätte: Eine Milliardärin kann a priori kein interessanter Mensch sein. Ich habe grossen Respekt vor 68, und der marxistische Instinkt, wonach die Ökonomie unser Leben bestimmt, der ist in mir drin. Gleichzeitig habe ich den Anspruch, dass es heute politische Filme geben könnte, die auch eine linke Selbstgefälligkeit oder linke Mythen kritisieren. Wo ist der Film, der kritisch auf die Entwicklungshilfe schaut? Das ist eine Debatte, die mittlerweile auch von afrikanischen Intellektuellen sehr scharf geführt wird: Wie sinnvoll ist gutgemeinte Hilfe? Wie stark wirkt darin auch ein kolonialistischer Gestus? Da gibt es auch wieder Tabus. Liechti: Die Selbstverständlichkeit, wie hier mit dem Begriff des politischen Films operiert wird, irritiert mich. Ich kann damit nichts anfangen.
Was irritiert Sie daran?
Liechti: Der Begriff des «politischen Films» hat für mich etwas Anrüchiges. Das klingt für mich nach Propaganda. Ich empfinde alle Filme, die ich gemacht habe, als politisch. Politisch ist ein Film dann, wenn er die Leute dazu bringt, genauer hinzuschauen. Egal worauf. Bevor man Stellung bezieht, muss man ja überhaupt einmal etwas sehen. Das Kino war für mich immer ein Augenöffner. Und die besten Filme waren immer die, die mich irgendwie beunruhigt haben, weil ich plötzlich etwas sah, was ich vorher nicht gesehen hatte. Dindo: Als ich mein Fördergesuch für «Marsdreamers» einreichte, kam der Vorwurf, ich sei naiv und würde zu unkritisch mit diesem unglaublichen Traum umgehen, auf dem Mars eine neue Zivilisation zu errichten. Aber man kann nicht einen Traum kritisieren. Man kann nicht Menschen kritisieren, die einen Traum haben. Träume sind der Motor unserer Existenz. Wenn ich nicht träumen würde, würde ich einschlafen und untergehen. Es gehört für mich zum Kino und letztlich auch zu unserer Existenz, dass wir lernen, wieder einen Traum zu haben. Liechti: Oder eben einen Traum zu verwirklichen. Dindo: Ich finde den Traum als solchen fast wichtiger, als ihn dann auch zu verwirklichen.
Das Gespräch leitete Florian Keller (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.10.2009, 10:46 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Kultur
Kultur
Meistgelesen in der Rubrik Kultur
Internet auf dem Fernsehen: Der Trend geht klar in diese Richtung. Werden Sie sich einen Smart TV kaufen?
Ja, auf jeden Fall
Nein, interessiert mich nicht
Erst wenn die Geräte billiger geworden sind
Ich habe schon einen
3308 Stimmen





























































































































