Züchtig, aber wild durchwühlt

Das Oscar-nominierte ­Jugenddrama «Mustang» aus der Türkei begeistert mit seinem Freiheitsdurst. Doch die Realität ist komplizierter.

Die Mädchen sehnen sich nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Foto: PD

Die Mädchen sehnen sich nach mehr Freiheit und Selbstbestimmung. Foto: PD

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Wir sind am Strand, Mädchen und Buben tollen im Wasser herum. Die nassen Schuluniformen kleben an den Mädchenkörpern, wir erkennen die Umrisse ihrer Hüften und Brüste. Später sagt Lale, die junge Erzählerin und eine der fünf Protagonistinnen von «Mustang»: «Erst waren wir frei, danach war alles nur noch Scheisse.» Das Drama aus der Türkei erzählt, wie das unschuldige Spiel am Strand das Leben der fünf Mädchen schlagartig verändert: Die Grossmutter und der Onkel, bei denen die fünf Mädchen seit dem Tod ihrer Eltern leben, sperren die Geschwister wegen ihres «unzüchtigen» Benehmens im Haus ein. Dort lernen sie kochen, ­nähen, putzen. Ihre modernen Kleider ­tauschen sie gegen lange, weite, braune Tücher – damit sie als Heiratskandidatinnen auf dem Markt Chancen haben.

Untypische junge Türkinnen

In ihrem Erstling zeigt die in Frankreich lebende türkische Regisseurin Deniz Gamze Ergüven, wie sich die Mädchen gegen die patriarchal geprägte Gesellschaft in der ländlichen Türkei auf­lehnen. Sie versuchen, sich aus den ­Fesseln der Tradition zu befreien – weg von Unterdrückung, häuslicher Gewalt, der drohenden Zwangsverheiratung. Die Bildsprache ist farbig verspielt, und inmitten der Trostlosigkeit leuchtet ­immer wieder die Lebenslust auf: Die Mädchen sonnen sich im Bikini auf dem eingezäunten Balkon, machen mit ihren Badehosen auf dem Bett Schwimm­bewegungen, fantasieren von Freiheit.

«Mustang», nominiert für den Oscar in der Kategorie bester fremdsprachiger Film, wird derzeit überall gelobt – ausser in der Türkei. Dass konservative ­Stimmen den Film als «Kritik an der türki­schen Kultur» werten, ist im Erdogan-­Land kaum überraschend. Aller­dings gibt es auch Kritik aus linken Kreisen: Man wirft dem Film eine un­differenzierte westliche Sichtweise vor.

In der türkischen Provinz findet die ­Repression von jungen Aufwachsenden durchaus statt. Doch die Mädchen entsprechen gar nicht dem Bild junger Türkinnen, die in einer streng traditionellen Familie auf dem Land leben. Aussehen und Verhalten erwecken eher den Eindruck, man habe sie direkt aus der Grossstadt einfliegen lassen. Sie sprechen astreines Istanbuler Türkisch, so wie es vor allem in sozial höheren Schichten der Fall ist. In der Schwarzmeerregion, die gerade für ihren Dialekt bekannt ist, wirkt das genauso befremdend wie die Kleidung: Die wenigsten Leute da können sich Markenturnschuhe leisten. Und Mädchen, die in streng traditionellen Familien auf­wachsen, haben selten die Wahl zwischen engen Jeans und weiten Kleidern. Diese müssen sie tragen, sobald sie ihre erste ­Regel haben. Dann werden aber auch die Haare unterm Kopftuch zusammen­gebunden – und nicht wild durchwühlt wie bei den Mädchen in «Mustang», die den Anwärtern auf dem Dorfplatz ohne Kopfbedeckung präsentiert werden.

Stimmt schon: Wir sind im Gefühlskino, die Kritik mag spitzfindig klingen. Doch die Widersprüche ziehen sich durch den ganzen Film – bis man sich fragt: Wie kann die Darstellung von kulturellen Codes in einem Drehbuch nicht zu Ende gedacht sein, von dem die Regisseurin sagt, es beruhe auf ihren eigenen Erfahrungen? «Ich habe nicht den Blick von aussen auf die Türkei. Die französische Kultur ist mir zwar näher, aber meine Geschichten sind von der Türkei geprägt», sagte Ergüven den Medien. Sie wurde in Ankara geboren, studierte in Johannesburg und lebt heute in Paris. Doch «Mustang» zeigt das Gegenteil: Es ist ein fürs westliche Publikum präparierter Film. Dass die französische Autorin Alice Winocour beim Drehbuch mitgewirkt hat, mag ein Grund dafür sein.

Welches Publikum Ergüven erreichen will, lässt sich schwer sagen. Aus beiden Perspektiven fehlte an Tiefgang: Für westliche Augen werden kulturelle Eigenheiten wie «namus», die Familienehre, oder die Zwangsehe kaum nachvollziehbar, da die Ursachen der patriarchalischen Gesellschaft ausgeblendet werden. Aus türkischer Sicht wirken die Figuren so überzeichnet, dass sich die dortigen Zuschauer kaum vom rebellischen Geist der Mädchen anstecken lassen würden. Aber wäre das nicht erstrebenswert?

In Zürich in den Kinos Arthouse ­Piccadilly und Houdini.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.02.2016, 17:28 Uhr)

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