Der nächste Schweizer Oscargewinner?

Der Walliser Filmemacher Claude Barras mischt bei den Oscars mit, wo «Ma vie de Courgette» als bester Animationsfilm nominiert ist.

«Manche Erwachsene haben sogar geweint»: Regisseur Claude Barras bei der Vorpremiere seines Films im Zürcher Kino Riffraff. (Video: Lea Blum und Mario von Ow)

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Vor einer Stunde erst ist er gelandet nach seinem Flug von Los Angeles nach Zürich. Doch das sieht man Claude Barras wahrlich nicht an: Der hagere, schwarzhaarige Mann lächelt frisch und entspannt. Verfügt er über besonders wirksame Meditationstechniken, ist es die Oscarnomination für seinen Film «Ma vie de Courgette» – oder einfach das Wissen, dass ihm mit diesem Puppenfilm etwas ganz Besonderes gelungen ist? Denn das ist «Courgette». Im Gegensatz zu den meisten Animationsfilmen geht es hier nicht um lustige Tiere, sondern um ein Heim für missbrauchte oder sonst wie geschädigte Kinder. Barras – «Das Schluss-S spricht man aus, ich bin ja Walliser, geboren 1973 in Siders» – verbrachte eine idyllische Kindheit in der Nähe von Crans-Montana: Seine Eltern waren Weinbauern, seine Grosseltern züchteten Ziegen. Der Vater, ein Hobbymaler, weckte Claudes Interesse für Kunst, bestand aber dennoch darauf, dass der Sohn etwas Richtiges lerne.

Nach einer Lehre als Tiefbauzeichner studierte Barras Illustration in Lyon, lernte an der Kunsthochschule Ecal in Lausanne den Umgang mit digitalen Bildern, machte erste Kurzfilme und arbeitete mit an «Max & Co» (2008), dem Puppentrickfilm der Brüder Guillaume. Das war mit 30 Millionen Franken das teuerste Projekt der Schweizer Filmgeschichte, das trotz grossem Trara seine Kosten aber nie einspielte. «Die Guillaumes haben mir sehr wichtige Ratschläge gegeben», erzählt Barras. «Erstens solle ich auf die Animation der Augen achten.» Denn die Figuren von «Max & Co» waren wunderschön, aber viel zu kompliziert. Ihre Augen waren sehr klein, ständig in Bewegung, und dann veränderte sich noch ihre Form. «So gingen bei den Guillaumes sehr viel Zeit und Energie verloren. Deshalb habe ich meinen Figuren grosse Augen gegeben, die völlig rund sind. Das vereinfacht die Animation extrem. Der andere wichtige Ratschlag war, erst dann loszulegen, wenn ich ein Drehbuch hatte, mit dem ich wirklich zufrieden war.» Dieses stammt von Céline Sciamma, der Regisseurin und Autorin von «Bande de filles» (2014).

Echte Kinderstimmen

«Als Kind hat mich die ‹Heidi›-Animationsserie von Isao Takahata oder die Geschichte des Waisen Rémi sehr berührt», erklärt Barras. «Ich mag ja Animationsfilme mit komischen Tieren, wollte aber etwas machen, das direkter mit der Lebenswelt von Kindern zu tun hat, und so stiess ich auf den Roman ‹Autobiographie d’une courgette› von Gilles Paris.» (Mehr über den Unterschied von Film und Buch im Kasten.)

Aber wie findet man Geldgeber für einen Film über einen kleinen Jungen, der aus Versehen seine Mutter umbringt und dann in ein Heim für geschädigte Kinder kommt? Und das in einem Puppenfilm, dessen Figuren riesige Köpfe und mickrige Körperchen haben und dazu noch gern über Sex reden? «Das hat ja auch sechs Jahre gedauert», sagt der Regisseur lachend. «Ich drehte einen Pilotfilm, in dem man sozusagen das Casting von Courgette erlebt. Und da haben die Leute begriffen, dass der Film seinem Thema zum Trotz lustig sein kann und dass die Figuren einen trotz ihres Aussehens berühren können.»

Das tun sie, weil ihr Aussehen zwar sehr stilisiert ist, ihre Stimmen aber die Stimmen echter Kinder sind. «Das war mir ungeheuer wichtig», erläutert Barras. Entscheidend für das ?Gelingen war Marie-Eve Hildbrand, die auch Regisseurin ist, vor allem aber Casting macht. Aus 200 Kindern wurden zunächst 20 ausgewählt, die in Zweier- und Dreiergruppen kombiniert wurden, bis man am Schluss die sieben richtigen hatte. «Claude wollte Ecken und Kanten», erzählt Hildbrand in einem Interview. «Je mehr die Kinder lispelten oder sonstige Eigenheiten aufwiesen, desto besser.»

Barras, Hildbrand sowie zwei weitere Erwachsene spielten den Kindern die Szenen jeweils vor und liessen sie sie dann nachspielen. «Wenn etwas nicht natürlich wirkte», erzählt Barras, «haben wir Wörter verändert, bis es richtig klang. Marie-Eve hat aus dreissig Stunden Material das zusammengeschnipselt, was sich jetzt so natürlich anhört.» Davon ist in der deutschen Synchronfassung nichts zu spüren: Sie klingt so steril, wie die meisten Synchronfassungen klingen. Wer kann, sollte sich den Film also auf jeden Fall im französischen Original anschauen.

Uneitle Musik

Und wie kommt ein Song wie «Eisbär» der Deutschschweizer Gruppe Grauzone in diesen Westschweizer Film? «Mein Produzent Max Karli riet mir, für die animierte Fassung des Storyboards unter manche Szenen Musikstücke zu legen, die mir gefielen», erzählt Barras. «So sah man, wie sich die Wirkung veränderte. Da war ‹Eisbär› dabei, der damals nicht nur den Rösti­graben übersprang, sondern auch in Frankreich ein Hit war. Und ich wollte Sophie Hungers Version des Noir-Désir-Songs ‹Le vent nous portera› an den Schluss des Films stellen.» Als der Regisseur die Musikerin der Rechte wegen anrief, fragte er sie, ob sie interessiert wäre, die Filmmusik zu komponieren. Er zeigte ihr die Puppen und das Drehbuch, und Hunger schuf daraufhin eine uneitle, vor allem instrumentale Musik, die viel zur Atmosphäre beiträgt.

Als der Film am Festival von Cannes gezeigt wurde, gab es stehende Ovationen. Seither hat er Unmengen an Preisen eingeheimst und tritt nun bei den Oscars gegen Animationsfilme wie «Zootopia» und «Vaiana» an, die ein Vielfaches seines Budgets hatten. Mit dem amerikanischen Verleiher gab es grosse Diskussionen darüber, dass eines der Kinder erzählt, beim Sex explodiere der Pimmel des Mannes. Dieses Satzes wegen ist der Film in den USA erst für Kinder ab 13 Jahren zugelassen. Das könnte ihm auch bei den Oscars abträglich sein. Doch das ist egal: So oder so hat Claude Barras mit «Ma vie de Courgette» einen Animationsfilm geschaffen, der Kinder und ihre Probleme ernst nimmt, lustig und berührend ist. Und seine Kosten hat er allein dank Frankreich und der Westschweiz bereits eingespielt.

(Zueritipp)

Erstellt: 15.02.2017, 15:21 Uhr

Claude Barras.

Romanvorlage

Im 2002 erschienenen Roman «Autobiographie d’une courgette» von Gilles Paris stirbt die Mutter des Icherzählers beim Gerangel um einen ?Revolver. In einem Kinderfilm kommt so etwas nicht infrage. Deshalb fällt die Alkoholikerin nun im Streit mit ihrem Sohn von der Dach­bodentreppe. Der Roman, der von Kindheit handelt, aber für Erwachsene geschrieben ist, wartet auch mit viel mehr Figuren auf, über deren Innenleben wir einiges erfahren. Doch Drehbuchautorin Céline Sciamma hat nicht verharmlost. Es geht auch im Film um Kindsmissbrauch und Adoption. Sie hat aber aus Courgettes Erzählung Szenen geschaffen, die auch visuell funktionieren. (bod)

Ma vie de Courgette

Weil seine Mutter, eine Alkoholikerin, bei einem Streit mit ihm gestorben ist, kommt ein Neunjähriger in ein Heim. Dort lernt der Junge mit dem Spitznamen Courgette andere Kinder aus schwierigen Verhältnissen kennen. Er verliebt sich in ein Mädchen, dessen raffgierige Tante es aber aus dem Heim holen will. (bod)

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