Der Mord als Handwerk

Shakespeare im Kino, das ist eine Tradition fast so alt wie der Film selbst. Nun hat der australische Regisseur Justin Kurzel die Tragödie «Macbeth» neu verfilmt.

Aus Blut geboren: Michael Fassbender in Justin Kurzels «Macbeth». Foto: PD

Aus Blut geboren: Michael Fassbender in Justin Kurzels «Macbeth». Foto: PD

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Vor rund zwanzig Jahren wurde im Kinogeschäft die Aktie Shakespeare besonders gern genommen. Sie hatte eine Hausse damals, das begann mit «Henry V.» (1989) von Kenneth Branagh, und die Neunzigerjahre waren für Shakes­peare-Enthusiasten überhaupt eine tolle Zeit. Manchen wurde es fast ein bisschen viel. Der grosse Schauspieler Derek Jacobi – Branaghs Claudius in «Hamlet» (1996) – deutete das in einem Interview zu seiner Rolle des Francis Bacon in «Love Is the Devil» (1998) an: Das sei, sagte er, doch Gott sei Dank einmal ein Film, der weder Shakespeare sei noch Shakespeare zitiere. Aber es stimmte nicht, er hatte vergessen, dass Bacon dann doch zu sagen hatte: «Morgen und morgen und dann wieder morgen», diesen Seufzer des blutverkrusteten Macbeth über die Sinnlosigkeit allen Seins und Sterbens. So waren Jacobi und seine Figur dem Dichter auch dort nicht entkommen.

Seither ist es etwas ruhiger geworden im Verhältnis zwischen Shakespeare und Kino. Er war zwar immer anwesend, als ewige dramatische Inspiration. Man rieb sich an ihm und rieb sich mit ihm an der Zeit, der gegenwärtigen und der vergangenen. Doch als Branagh im Jahr 2000 mit der Komödie «Love’s Labour’s Lost» als Stellvertreter auf Erden und führender Elisabethaner zurücktrat, da fehlte es an populärer Nachkommenschaft.

Morden, bis keiner mehr da ist

Michael Radford hat mit «The Merchant of Venice» (2004) grad noch so reüssiert, dank Al Pacino wahrscheinlich. Hingegen wollte hierzulande kein Verleih Julie Taymors «Titus» (1999) bringen, immerhin mit Anthony Hopkins in der Hauptrolle. Es schlug auch der von Ralph Fiennes sich selbst auf den Leib aktualisierten Fassung des «Coriolanus» (2011) beträchtliches Desinteresse entgegen, und das war doch eine sehr saftige Darstellung eines gloriosen Dickschädels und Opfers der eigenen starrsinnigen Blankverse.

Auch ein neuer «Macbeth» von Justin Kurzel aus Australien hat es vom letzten Festival in Cannes nur auf DVD gebracht. Das ist ein Film, in dem ein Regisseur das blutige Herz der Tragödie freilegt (in der würdigen Nachfolge von Orson Welles’ wildem «Macbeth» von 1948). Jenen «wie Blut und Brei» zähen und klebrigen «Albtraum», von dem Jan Kott, der polnische Shakespeareaner, einmal schrieb. Jener Kott, der sich vor 50 Jahren die ideale Shakespeare-Inszenierung als filmische Angelegenheit träumte: Er glaubte an die Verzauberung von «hölzernen O’s» und «Hahnengruben» in magische Realitäten.

Romeo und Julia in 20 Minuten

Nicht Todesurteile werden hier gefällt, nicht Morde in Auftrag gegeben wie in «Richard III.», sondern Morde begangen. Das Morden ist Handwerk, es macht blutige Hände, buchstäblich, die Szene geht über von Blut, hässlich ist schön und schön hässlich, und Macbeth ist ganz nah an der Wirklichkeit (und mitten in seinem Albtraum im grossen geschichtlichen Albtraum), wenn er sagt: «Ich bin einmal so tief in Blut gestiegen, dass, wollt ich nun im Waten stille stehn, Rückkehr so schwierig wär als durchzugehn.»

Und das sieht man nun in Justin Kurzels Film, nicht splatterhaft, aber in konzentrierter Brutalität. Und hinter der blutüberströmten Welt und dem Drama des Mordens und Gemordetwerdens sieht man die Tragödie eines Helden (Michael Fassbender), Macbeth, Königsmörder und schottischer König, der aus Blut gewissermassen geboren wurde – als kriegstraumatisiertes, mörderisch zwangskrankes Produkt all des Mordens vor ihm. In sein eigenes Morden ist er dann hineingewachsen und konnte gar nicht anders, und es wird die Ursache sein von künftigem Morden, wenn er längst selber gemordet ist.

Infografik: So oft wurden Shakespeares Stücke verfilmt

Derart treibt Kurzel den «Macbeth» über das hinaus, was Büchner einmal den Fatalismus der Geschichte genannt hat und Kott – bei der Interpretation von Shakespeares Königsdramen – einen «Grossen Mechanismus» von kalter Logik. Hier ist Geschichte Fieberhitze und Mordzwang in Nebel und Nächten ohne Schlaf; und Macbeth und die Lady Macbeth (Marion Cottillard), die ihn gehetzt hat als Co-Neurotikerin, wissen, dass das nicht aufhört, bis niemand mehr zum Morden da ist (aber es wird immer jemand da sein). Und dass sie es erkennen, ist ihr Horror und, dramatisch betrachtet, ihre wahnsinnige Würde.

Dieser texttreu inszenierte «Macbeth» wäre nun ein schöner Beweis für ein immer wieder zu entdeckendes Filmgenie avant la lettre. Für ein Gemisch aus Gedanken und Fleisch am Knochen, aus Theatralität und Tatsächlichkeit, dessen Erdichter, wie der Regisseur Peter Brooks sagte, die Füsse im Schmutz, den Blick in den Sternen und einen Dolch in der Hand hatte. Es darf sogar unterstellt werden, der Film habe dem elisabethanischen Drama innegewohnt, es habe auf seine Erfindung nur gewartet, und Shakespeare würde heute fürs Kino arbeiten und wäre dank hervorragender Originaldrehbücher ein reicher Mann.

Jedenfalls hat Shakespeare im Kino eine Tradition, die fast so alt ist wie der Film selbst. Als es begann, mit Mr.Herbert Beerbohm Trees Kurzfassung des «King John» im 61.Regierungsjahr der Queen Victoria, da begann allerdings vorerst nur eine Fortsetzung der Theatergeschichte mit anderen Mitteln. Die Filmarchäologie berichtet von einem gewissen experimentellen Charme und guten Geschäften mit stummen «Romeo und Julia»-Versionen von zwanzig Minuten Länge. Man trug die üblichen Strumpfhosen in den üblichen Tableaus. Aber bis Shakespeare im Film zu Sprache und Leben kam oder anders gesagt: zu sinnlicher Wörtlichkeit und überlebensgrosser Wahrheit, das dauerte, bis Laurence Olivier und Orson Welles kamen und später Kenneth Branagh.

Wie war das Wetter?

1989 konnte man deutlich erkennen, wie Epochen sich in ihrem Shakespeare spiegeln. Da war etwa die meteorologische Frage, bei welchem Wetter im Film die Schlacht von Agincourt gewonnen wird. Ein englischer Kollege stellte das fest beim Vergleich von Branaghs «Henry V» mit dem von Laurence Olivier (1944); es war eine kluge Beobachtung, dass bei Olivier das Schlachtenwetter mild und das Töten sauber gewesen sei, während sich bei Branagh der Krieg als sumpfige Sauerei im Vorwinter zeige. Beim einen kommt nach der Schlacht der Sieg, beim anderen erst das Entsorgungsproblem mit den Leichen. Und der Unterschied besteht darin, dass Englands Armee, als Olivier drehte, die Invasion in der Normandie erst vor sich und 1989 den Falklandkrieg schon hinter sich hatte; deshalb reitet der eine Heinrich durch den Frühling eines gotischen Stundenbuchs und schlägt der andere sich verschmutzt durch den nasskalten Naturalismus.

So hat Shakespeare immer den historischen Instinkt und das Wirklichkeitsbewusstsein herausgefordert, selbst wo er magisch wird. Und man könnte das fast als einen Anspruch für jeden Shakes­peare-Film formulieren: dass es nicht nur ums poetische Klima gehen sollte, sondern auch ums wirkliche Wetter.

Macbeth. Regie: Justin Kurzel. 2015, 113 min., DVD Arthaus, ca. 22. Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2016, 19:00 Uhr

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