Die verrückte, singende Ex

Die neue Serie von Rachel Bloom ist feministisch, enthält Musical-Einlagen und heisst «Crazy Ex-Girlfriend». Warum sie trotzdem gut ist.

Erst lobt Rapper Nipsey Hussle die sexy Kleider, dann schockiert ihn das Schönheitsprogramm der Frauen: «The Sexy Getting Ready Song» von Rachel Bloom. (Quelle: Youtube / racheldoesstuff)


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Komikerin Rachel Bloom macht es einem wirklich nicht einfach, jemanden von ihrer neuen Serie «Crazy Ex-Girlfriend» zu überzeugen. Zu diesem frauenfeindlichen Titel, packt sie doch tatsächlich hochemotionale Musical-Einlagen in die Episoden. Schon hier läuft das deutschsprachige Publikum davon. Doch Bloom setzt noch einen obendrauf: Sie erzählt die Geschichte der jungen, erfolgreichen Anwältin Rebecca (gespielt von ihr selbst), die auf den nächsten Karriereschritt in einer renommierten New Yorker Kanzlei verzichtet, um ihrem Ex-Freund Josh (Vincent Rodriguez III) hinterherzulaufen – in die kalifornische Pampa West Covina. Come on. Müssen wir tatsächlich einer Frau zuschauen, die für einen Mann alles aufgibt und dazwischen noch ihre Gefühlslage auf eine Broadway-Bühne übersetzt?

Nein, so weit geht sie dann doch nicht. Glücklicherweise entlarvt die «verrückte Ex» den Titel mit einem selbstbewussten Zwinkern und beweist, dass er Teil dieser subversiven, selbstironischen und selbstreflexiven Serie ist. Dass sogar die musikalischen Einlagen im Kontext dieser postmodernen Erzählung funktionieren und irrwitzig sein können, muss man spätestens nach der zweiten Folge zugeben.

Bereits ab der ersten Episode überzeugt aber Rachel Bloom in ihrer Rolle als smarte, unabhängige und humorvolle Ex-Freundin. Man sieht ihr gerne zu, wie sie ihre unvollkommene Art akzeptiert, ein glückliches Leben anstrebt und dabei halt auch Fehler macht. Nicht im beruflichen, dafür im privaten Bereich umso mehr. Schnell wird aber ersichtlich: Rebecca ist nicht crazy. Ihrem Ex hinterherzulaufen, scheint einfach eine plausible Ausrede, um dem Grossstadtdschungel von New York zu entfliehen, der ihr offensichtlich nicht guttat.

Stilmix aus Pop und Komik

Die Entstehungsgeschichte von «Crazy Ex-Girlfriend» ist schnell erzählt. 2010 machte die damals 23-jährige Rachel Bloom mit dem Musikvideo «Fuck Me, Ray Bradbury» die Comedy-Branche auf sich aufmerksam. Im sexuell expliziten Video preist Bloom die Schreibkünste von Sci-Fi-Autor Bradbury an und parodiert Britney Spears’ «Baby One More Time». Autorin Aline Brosh McKenna («The Devil Wears Prada») war schnell für eine Zusammenarbeit zu haben. Fünf Jahre später ist «Crazy Ex-Girlfriend» entstanden und Bloom nach wie vor ihrem Stilmix aus Popmusik und Komödie treu geblieben.

Ein Beispiel aus der Musical-Serie. Rebecca hat ein Date. Dafür will sie sich hübsch machen. Sie raspelt Hornhaut, zupft die Brauen, schnürt ihre Fettpolster weg, entfernt Nasenhaare, Damenbart und waxt Stellen blutig, die hier nicht näher beschrieben werden sollen. Wie sich ihre männliche Verabredung auf das Treffen vorbereitet? Die pennt auf dem Sofa. Die beschriebene Szene gehört zum «Sexy Getting Ready Song», einem herrlich mokanten R-’n’-B-Track, der Szenen parodiert, die an eine Victoria’s-Secret-Show oder Clips von Beyoncé («Naughty Girl») erinnern – gleichzeitig die grausig ehrlichen Backstage-Aufnahmen enthüllen. Dazu rappt Nipsey Hussle, bricht den Song ab, sieht sich das Chaos im Badezimmer an und meint: «So machst du dich zurecht? Das ist entsetzlich... Das ist eine patriarchalische Scheisse.»

Eifersucht in der Yogaklasse: Die aktuelle Freundin singt «I'm so Good at Yoga» und zeigt, was im Kopf der Ex-Freundin passiert. (Quelle: Youtube / The CW Television Network)

Ein anderes Mal ist es Rebeccas Rivalin, die einen Song anstimmt: Valencia (Gabrielle Ruiz), Yogalehrerin und aktuelle Freundin von ihrem Ex-Freund Josh. Rebecca besucht zum ersten Mal eine Yogalektion bei ihr. Während des Songs «I’m so Good at Yoga» läuft Valencia ihr mit einem orientalischen Tanz und irrwitzigem Songtext («I orgasm instantly», «I'm so much better than you») den Rang ab und projiziert Rebeccas Verunsicherung auf eine überzeichnete Bollywood-Performance.

Was der Dialog nicht zu vermitteln mag, weiss Bloom auf die musikalischen Einlagen zu übersetzen. Sie sind Formen der Subjektivierung, die nicht nur Rebeccas, sondern auch das Innenleben der Nebendarsteller auf einer Metaebene präsentiert. Auch wenn man sich erst an diese überzeichneten Sequenzen und den Erzählstil gewöhnen muss, kann es gut sein, dass man die verdammten Ohrwürmer zu mögen beginnt. Denn die Pointe liegt genau in der Künstlichkeit und Referenzialität zur Populärkultur.

Wenn der One-Night-Stand in die Hose geht: Bloom zeigts in «Sex with a Stranger». (Quelle: Youtube / The CW Television Network)

«Crazy Ex-Girlfriend» läuft auf The CW Television Network. Rachel Bloom ist zusammen mit Julia Louis-Dreyfus («Veep») in der Kategorie Beste Hauptdarstellerin (Komödie/Musical) für einen Golden Globe nominiert. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.12.2015, 15:12 Uhr)

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Trailer Crazy Ex-Girlfriend

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