Frau noir

Ich kann das selber, dachte die Schauspielerin Ida Lupino. Also begann sie, raue Thriller zu drehen. Das Festival Fiff in Freiburg feiert eine der faszinierendsten Frauen Hollywoods.

Reife Darstellerin und kühne Regisseurin: Ida Lupino. Foto: Mondazoni, Getty Images

Reife Darstellerin und kühne Regisseurin: Ida Lupino. Foto: Mondazoni, Getty Images

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Hollywood, die 50er-Jahre. Ida Lupino dreht einen kontroversen Thriller nach dem anderen, arbeitet an den Drehbüchern mit, dirigiert die männlichen Darsteller auf dem Set. Zugleich ist sie auch noch Schauspielerin, und welche Rolle nimmt sie jetzt an? Die einer Blinden. Ausgerechnet! 1952 war das, in Nicholas Rays magnetischer Mördergeschichte «On Dangerous Ground». Eine blinde Mary spielt Ida Lupino da. Sie ist die Rettung für den einsamen Stadtpolizisten, der auf der Suche nach einem Killer an ihrer Hütte im verschneiten Nirgendwo klopft. Bald schüttelt er seine Brutalität ab, am Schluss liegt er in ihren Armen. Mary, die Erlöserin. Die verängstigte, gute Seele, die sich durch ihr Haus tastet und ihre Hand ausstreckt, auf dass sie jemand festhalte.

Ida Lupino spielte das mit kontrollierter Intensität und dunkler Stimme. Sie hatte in Hollywood als Schauspielerin angefangen, ab Ende der 40er-Jahre drehte sie selbst Filme. Wie man heute ziemlich sicher weiss, hat sie Teile von «On Dangerous Ground» selbst inszeniert, nachdem Nicholas Ray krank geworden war. So hatte ihr Leben im Regiestuhl überhaupt angefangen, die Männer fielen aus oder einfach um. Wie Elmer Clifton, der einen Herzinfarkt erlitt, sodass Ida Lupino zu ihrem ersten Regiejob kam. «Not Wanted» (1949) handelte von unehelicher Schwangerschaft; Lupino war nicht nur Regisseurin, sondern hatte das Drama mit ihrer unabhängigen Produktionsfirma mitproduziert und am Skript mitgeschrieben. In den folgenden Jahren drehte sie sechs Filme, darunter «Outrage» (1950), die kühne Studie einer Vergewaltigung in einer prüden Zeit, in der das weibliche Opfer seiner Würde wie seiner Stimme beraubt wird; oder «The Hitch-Hiker» (1953), einen Thriller um einen psychopathischen Anhalter, knapp und sehnig wie ein Pulp-Roman.

«On Dangerous Ground», Trailer. Quelle: Youtube

Die Vorlage dafür war der reale Fall eines Mörders in Kalifornien, den Lupino in der Todeszelle besuchte, um seine Einwilligung für die Filmrechte einzuholen. Die bekam sie, doch rief dann die Motion Picture Association of America bei Lupino an; gemäss den Richtlinien des Verbands nämlich war die Darstellung berüchtigter Krimineller im Kino verboten. Lupino musste die Geschichte abändern, dafür trumpfte sie als Regisseurin auf: «The Hitch-Hiker» ist nicht nur ökonomisch erzählt, der Film noir lebt auch von den dokumentarischen Aussenaufnahmen.

«The Hitch-Hiker», Trailer. Quelle: Youtube

Ida Lupino wurde 1918 nahe London geboren, ihr Vater war italienischer Abstammung und Music-Hall-Star. Sie war noch nicht vierzehn, als sie an der Royal Academy of Dramatic Art entdeckt wurde und bald darauf nach Hollywood zog, um als angemaltes Sexbömbchen in lüpfigen Komödien mitzuspielen. 1937 stand sie bei Paramount unter Vertrag, für eine Winzrolle in «Cleopatra» sollte sie als Dienerin ein bisschen mit einem Palmwedel schwenken. «Nein, danke», sagte Ida Lupino; darauf wurde sie zwangsbeurlaubt. Das sollte ihr öfter passieren; es führte dazu, dass sie «zu Tränen gelangweilt» am Set stand, wie sie in der Biografie «Beyond the Camera» erzählt, und Zeit hatte, jene Leute zu beobachten, die «die interessante Arbeit zu verrichten schienen».

Heute würdigt man Ida Lupino als reife Darstellerin, die in Filmen von Fritz Lang oder Don Siegel mitspielte. Ihre Saloneleganz in diesen finsteren Krimis wirkte wie eine Fassade, hinter der sich die Gossenerfahrung und das Wissen um die Grenzen der Liebe verbargen. Das hatte auch mit ihrem Talent als Rechercheurin zu tun, die im Unterbauch von Los Angeles zerrüttete Seelen antraf: Während der Vorbereitung zu einer Rolle sah sie im Gericht eine junge schwangere Frau, die wegen Herumlungerns verhaftet worden war – in Lupinos Kopf entstand darauf das Bild von den «100 000 Mädchen», die Kinder gebären, ohne verheiratet zu sein. Darauf überarbeitete sie das Drehbuch von «Not Wanted».

Lupino fand in den sozialen Tabus ihrer Zeit und der Ausgrenzung der Frauen den Stoff für kraftvolles Kino.

Noch immer jedoch kennt man die Regisseurin Lupino kaum, die in den sozialen Tabus ihrer Zeit und der Ausgrenzung der Frauen den Stoff für ein kraftvolles Ermächtigungskino fand. Sie hatte ein hervorragendes Auge für Filmisches, fand gespenstische Bilder für innere Zustände, nutzte Überblendungen und Synekdochen, bei denen das Einzelne fürs Ganze steht, ein Fuss für einen Mörder, eine Hand für ein Opfer. Trotzdem ist auf DVD von ihren Regiearbeiten fast nichts erhältlich, manches zirkuliert in grausliger Qualität im Netz.

Ida Lupino war unter den ersten Frauen, die in die Directors Guild of America aufgenommen wurden; sie war die erste Regisseurin, die sich selbst in einem Film besetzte, sie wurde als Fernsehregisseurin zur Pionierin und drehte Folgen von mehr als 50 TV-Serien, darunter «Alfred Hitchcock Presents». Sie trainierte den filmischen Blick zu einer Zeit, als in Hollywood Frauen vor allem dazu dienten, Frauen darzustellen, als Vamps oder als Damen mit unergründlicher Ausstrahlung. In Lupinos Filmen aber wurden die Männer zu irrationalen Kräften, gesteuert von einer Frau.

«Outrage», Trailer. Quelle: Youtube

«Die Arbeit des Regisseurs ist viel einfacher als die des Schauspielers», erzählt Lupino in ihrer Biografie. «Der Darsteller liefert auf Knopfdruck falsche Gefühle. Die Regisseurin hat auch Probleme, aber die sind alle normal.» Auf dem Set gab sich Lupino betont weiblich, um den Männern das Gefühl zu geben, sie sei Teil des «schwachen Geschlechts», obwohl sie befahl. So seien die Männer eher bereit gewesen, mitzuarbeiten. Manchmal ging sie hin zum Kameramann und tat so, als habe sie keine Ahnung. Darauf lief es wie geschmiert.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.03.2016, 18:25 Uhr)

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Ida Lupino

Am Fiff und im Filmpodium

Das 30. Festival International de Films de Fribourg (Fiff) zeigt ab heute sechs Filme von Ida Lupino, darunter «Outrage», «The Hitch-Hiker» und «Not Wanted». Als Schauspielerin ist sie etwa in «While the City Sleeps» von Fritz Lang zu sehen. Überhaupt steht die 30. Ausgabe quer durch die Sektionen im Bann der Frau, ob Genrefilm oder afrikanisches Kino. Die Reihe «Décryptage» widmet sich Werken von Regisseurinnen, die andere Filmemacherinnen gemäss einer Umfrage des Festivals für zentral halten; Jane Campion und Agnès Varda sind gut vertreten. Im Mai zeigt das Filmpodium in Zürich dann eine grosse Ida-Lupino-Retrospektive. (blu)

Bis 19. 3. www.fiff.ch.

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