«Es herrscht ein Klima der Angst»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 14.01.2009 2 Kommentare
Zur Person
Lionel Baier (*1975) leitet seit acht Jahren die Abteilung Film an der Kunsthochschule in Lausanne. Sein neuer Film «Un Autre Homme» läuft in Zürich im Kino Riffraff.
Mit seiner Filmpolitik stösst Nicolas Bideau in der Branche auf immer stärkeren Widerstand. Wieso?
Er hat immer noch nicht begriffen, dass seine Rolle nicht die des künstlerischen Direktors ist. Sein Job ist es, dafür zu sorgen, dass der Schweizer Film in seiner ganzen Vielfalt überleben kann. Der Herr ist Bundesbeamter, kein Studioboss. Ich habe nichts gegen Bideau als Person. Aber mit seiner Politik gefährdet er die Produktionsvielfalt und die Freiheit der Autoren. Das Klima der Angst, das im Schweizer Film herrscht, ist untragbar.
Was läuft denn falsch in der Filmpolitik?
Herr Bideau bezeichnet sich gern als liberal. Aber was er macht, ist das Gegenteil von liberal. Er versucht, das Schweizer Filmschaffen auf zwei oder drei Produzenten zu bündeln. Das ist wettbewerbsfeindlich, das reinste Kartelldenken. Ein Beispiel: Man legt vielen Regisseuren nahe, ihre Produzenten zu wechseln. Ich kenne Kollegen, denen man klar zu verstehen gegeben hat: Wenn sie Fördergelder wollen, um ihren Film zu drehen, müssten sie sich einen anderen Produzenten suchen. Auch bei mir hat man alles daran gesetzt, um mich dazu zu bringen, den Produzenten zu wechseln. Das ist absolut rechtswidrig.
Für Ihren neuen Film «Un Autre Homme» haben Sie keine Fördergelder vom Bund bekommen. Was waren die Gründe?
Die offizielle Begründung lautete, das Drehbuch sei nicht gut. Aber als ich mich mit Bideau darüber unterhalten habe, sagte er mir: Er glaube, dass ich besser einen anderen Film drehen sollte – nicht diesen kleinen Film, sondern etwas Grosses, mit einem Budget von 3 bis 4 Millionen Euro. Es ist ein Skandal, dass Bideau meint, er müsse uns Filmemachern sagen, was wir für Filme zu drehen hätten. Das gibt es nur in einem totalitären Staat.
Im Jahr 2008 erzielte der Schweizer Film einen Marktanteil von nur 3 Prozent. Gibts eine Krise wegen der Politik von Bideau?
Im Gegensatz zu dem, was Bideau sagt, geht es dem Schweizer Film sehr gut. Die Filmemacher leiden, aber das Kino ist zum Glück stärker als die Politik von Herrn Bideau. Und bleiben wir fair: Es ist nicht seine Schuld, wenn der Schweizer Film nur 3 Prozent Marktanteil erzielt. Genauso wenig war es sein Verdienst, als der Schweizer Film 10 Prozent erzielte. Aber an seiner Stelle würde ich jetzt nicht warten, bis mich jemand zum Rücktritt auffordert. Ich würde freiwillig gehen. Damit das klar ist: Ich fordere nicht seinen Rücktritt. Aber wenn man ihn an seiner eigenen, marktorientierten Logik misst, ist er gescheitert.
Schlechte Zahlen sind kein Grund zur Sorge?
Eine kranke Filmwirtschaft erkennt man daran, dass eine Menge Erstlinge gedreht werden, aber ohne Kontinuität beim Nachwuchs. Diese Gefahr sehe ich bei uns nicht. Was Bideau nicht begreift, ist, dass diese Kontinuität Zeit braucht. Man kann nicht in einem Horizont von einzelnen Jahren denken. Und ich freue mich auf den Tag, da Bideau nicht mehr Filmchef sein wird. Dann wird er endlich in der Lage sein, mir die Wahrheit zu sagen. Denn ich kann nicht glauben, dass er ein Idiot ist.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.01.2009, 19:55 Uhr
2 KOMMENTARE
Bezeichnend, was Bideau im Interview zur Verkürzung der Eingabetermine sagt: keine Antwort, keine Begründung, aber er zieht über die Verbände her. Ja hallo - für Kurzfilme wurden die Eingabetermine von 4 auf 2 pro Jahr halbiert. Aber die Mittel lassen weiterhin gar keinen Wettbewerb zu. Armer Intendant. Armer Kurzfilm. Armes Publikum,das lieber kleine Kunststücke sehen würde statt grosse Flops.
Zu was die Politik der Förderung von einzelnen Herausragenden führt, hat uns der schweizerische Skiverband gezeigt. Nach der Ära Zurbriggen, Walliser und Co. gab es KEINE Nachfolge. Das ganze Pulver wurde in wenige investiert und potenter Nachwuchs be- und verhindert. Das Selbe produziert z.Zt. das Bundesamt für Kultur. Schade. Nun ist Kreativität gefragt.
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