Die Leiden des Startenors

Der Peruaner Juan Diego Flórez probt im Zürcher Opernhaus für Jules Massenets «Werther». Mit viel Sympathie für den Selbstmörder aus Liebe.

Im Einklang mit der Welt: Startenor Juan Diego Flórez. Foto: Raisa Durandi

Im Einklang mit der Welt: Startenor Juan Diego Flórez. Foto: Raisa Durandi

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Das Bähnlein rumpelt den Berg hinauf, und man sitzt mit gemischten Gefühlen darin. Oben, im Hotel gleich neben der Endstation, residiert standesgemäss der peruanische Startenor Juan Diego Flórez, die Bibliothek ist reserviert für das Interview – aber was soll man einen fragen, der jede Frage schon tausendmal beantwortet hat? Ein kurzer Besuch auf Youtube, ein paar Klicks auf Google, und man weiss alles, was Flórez preisgeben will: Warum er derzeit sein Repertoire erneuert (weil die Stimme sich allmählich verändert). Wie er seine Frau kennen gelernt hat (sie wollte ein Autogramm). Oder dass seine Mutter zunächst gegen eine Sängerlaufbahn war (weil das kein Geld bringt – sie dürfte mittlerweile beruhigt sein).

Auch Flórez selbst scheint sich die Frage gestellt zu haben, ob nach einem langen Probentag jetzt wirklich auch noch ein Interview nötig sei; jedenfalls hat er sichtlich keine Lust, sein Sunnyboy-Image zu pflegen. In der Bibliothek summt die Klimaanlage, das ist schlecht für die Stimme; also sucht er erst mal den Knopf, mit dem er sie abschalten kann. Dann sitzt er da und antwortet eben doch, geduldig und durchaus ausführlich. Er ist schliesslich ein Profi und vermutlich wirklich ein netter Mensch.

Berufswunsch: Popstar

Auf jeden Fall aber ist er ein Sänger, der auf der Bühne mehr bietet als professionelle Routine. Das wird auch in Zürich, wo er den Werther in der Oper von Jules Massenet gibt, nicht anders sein. Flórez singt die Partie noch nicht lange, aber mit viel Sympathie für den Selbstmörder aus Liebe. Der Text vor allem hat es ihm angetan, «weil er so poetisch ist». Und damit genau richtig für diesen Werther, für den das Leiden «wie eine Droge» sei: «Er ist anders als die anderen, hat eine andere Sensibilität, nimmt die Dinge anders wahr.» Tatjana Gürbaca betone das in ihrer Zürcher Inszenierung, «das ist schön». Und wenn es nicht so wäre? Er zuckt mit den Schultern: «Ich bin flexibler geworden in Sachen Regie, man kann jede Geschichte auf ganz unterschiedliche Weise erzählen.» Solange ein Regisseur erklären kann, warum er etwas will, spielt Flórez mit.

Massenet, «Pourquoi me reveiller». Quelle: Youtube/ Opera Lover

Im Interview singt er nun auch, ein paar Takte wenigstens, um zu zeigen, dass dieses Stück mehr ist als eine Belcanto-Show. Und tatsächlich, da ist dieser Werther: ohne Orchester und ohne Kostüm, aber mit der ganzen Intensität seiner Gefühle, mit seiner Einsamkeit in einer Welt, die ihn nicht versteht und die er nicht verstehen will.

Juan Diego Flórez war im Unterschied zu Werther wohl schon immer im Einklang mit der Welt. Geboren wurde er 1973 in Lima; sein Vater wurde zwar nicht reich als Sänger peruanischer Volksmusik (darum die Sorgen der Mutter), aber er steckte seinen Sohn an. Popstar wollte dieser werden, und das Ziel galt auch dann noch, als er die Aufnahmeprüfung ans Konservatorium machte.

Die Oper hat Flórez erst während des Studiums für sich entdeckt – und er ist froh darum. Das Leben eines Popstars wäre wesentlich anstrengender, meint er, «die müssen Stadien füllen, sich immer wieder neu erfinden, auf Trends reagieren, sich verkaufen». Opernsänger hätten es da einfacher: «Wir singen in Theatern, die sind nicht so gross, und auch wenn nur eine Minderheit der Leute hingeht, werden sie doch voll.»

Donizetti, «Una furtiva lacrima». Quelle: Youtube/ Gabba02

Ganz bestimmt werden sie es, wenn Flórez auf der Bühne steht: Seit seinem Durchbruch 1996 am Rossini-Festival in Pesaro gehört er zu den am höchsten gehandelten Sängern überhaupt. Ein paar Jahre davor hatte er als Student am Curtis Institute noch in den U-Bahn-Gängen von Philadelphia gesungen, um ein paar Dollar zu verdienen; nun rollten ihm die glamourösesten Opernhäuser den roten Teppich aus, die Connaisseurs jubelten, gestandene Kritiker kamen ins Hyperventilieren. Wie eine Bolschoi-Ballerina auf Spitzen singe Flórez seine Koloraturen, schwärmte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung»: verbale Hilflosigkeit gegenüber einem vokalen Phänomen, dem mit den üblichen Adjektiven nicht beizukommen war.

Rossini blieb Flórez’ Spezialität und ein bisschen auch sein Gefängnis, bald kamen die Belcanto-Meister Donizetti und Bellini dazu. Seine leichte, helle, ­lyrische Stimme war ideal dafür, und er war klug genug, sie nicht zu forcieren. Erst in den vergangenen zwei, drei Jahren hat er sich allmählich umorientiert; am Rossini-Festival in Pesaro singt er nur noch alle zwei Jahre, wohl auch als Dankeschön. Die Spitzentöne gelingen ihm immer noch mühelos, aber in der Mittellage ist die Stimme voller geworden. Das eröffnet neue Perspektiven, im französischen Repertoire, auch bei Mozart. Wobei er Opern knapp dosiert: Der Aufwand ist gross, und schliesslich mögen die Leute auch Konzerte.

Nationalheld in Peru

Dort singt er neben klassischem Repertoire gern auch peruanische Volkslieder – das Publikum liebt es, wenn er zur Gitarre greift. Aber er tut es nicht nur deshalb. Der Kontakt zur Heimat ist eng, nicht nur musikalisch; Flórez wird dort verehrt wie ein Nationalheld. Als er 2007 heiratete, jubelten Tausende vor der Kathedrale in Lima, das Fernsehen übertrug die Feier live (auf Youtube findet man auch das).

Juan Diego Flórez singt «Contigo Peru». Quelle: Youtube/ Eduardo Sosa Villalta

Flórez revanchiert sich als Initiator eines Projekts, das er nach dem Vorbild des venezolanischen «El Sistema» aufbauen liess. Seit sechs Jahren läuft es, 6000 Kinder werden in 20 Musikschulen im ganzen Land unterrichtet. Als erfolgreicher Sänger habe er eine Verantwortung, sagt Flórez: «Wenn man mit Musik bewirken kann, dass die Gesellschaft besser wird, muss man das tun.»

Dann steht noch der Fototermin an, Flórez holt seine Jacke: Erkältung unerwünscht. Vor dem Hotel schaut er in die Kamera oder in die Weite, mal ernst, mal lachend, stets fotogen. Er kann das. Und wenn es nötig ist, macht er es auch.

Premiere von «Werther» am Zürcher Opernhaus: 2. April, 19 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.03.2017, 17:40 Uhr

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