Der grosse Sprengmeister

Der Komponist und Dirigent Pierre Boulez ist im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war eine Jahrhundertfigur.

Suchte stets neue Wege: Pierre Boulez probt 2005 mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy.

Suchte stets neue Wege: Pierre Boulez probt 2005 mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nein, Opernhäuser hat Pierre Boulez entgegen seiner berühmt gewordenen Forderung aus den 1960er-Jahren nie in die Luft gejagt. Trotzdem wird er als einer der beiden grossen Sprengmeister in die Musikgeschichte der letzten Jahrzehnte eingehen (der andere ist der Alte-Musik-Pionier Nikolaus Harnoncourt). Als Komponist und Dirigent, als Visionär und Pragmatiker, als Lehrer und Förderer, als Gründer von Institutionen und pointierter Redner, als Vorbild und Reizfigur hat Boulez das Musikleben grundlegend verändert.

Er hatte den idealen Geburtsjahrgang dafür. Pierre Boulez, geboren 1925 in Montbrison, gehörte zu jener Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg bereit war für einen radikalen Neuanfang. Der führte zwar ziemlich bald in eine Sackgasse: Die serielle Kompositionstechnik, die in einer Fortentwicklung der Zwölftonmusik auch Klangfarben, Tondauern und alle weiteren musikalischen Parameter in Reihen organisierte, erschöpfte sich zumindest in seiner extremen Form ziemlich rasch. Und Boulez, der als Galionsfigur des Serialismus die 1946 gegründeten Darmstädter Ferienkurse und damit die ganze westeuropäische Avantgarde geprägt hat, war einer der Ersten, die es merkten.

Mit raschen Schritten aufs Podium

Wenn es eine Konstante gab in seinem bewegten Musikerleben, dann war es diese: dass er nie beharrte auf einer Idee, die er einmal für richtig befunden hatte, sondern stets weiterdachte, neue Wege suchte und dabei alles einbezog, was die Gegenwart zu bieten hatte und die Zukunft versprach. So wurde er zum Dirigenten (als Einspringer, der zu seinem eigenen Erstaunen feststellte, dass er das ja ganz gut konnte). So wurde er auch zum Forscher, der 1977 mit dem Pariser Forschungsinstitut für Akustik/Musik Ircam eine wegweisende Institution gründete. Und zweifellos hatte es mit dieser Vorwärtshaltung zu tun, dass er noch bis vor wenigen Jahren verblüffend jugendlich wirkte: im Konzert, wenn er mit raschen Schritten aufs Podium eilte und ohne jede Anlaufzeit (und stets ohne Stab) zu dirigieren begann. Und im Gespräch, wenn er vif und charmant und bis in die letzte Faser präsent wirkte – bis er irgendwann ohne weitere Formalitäten aufsprang, weil der nächste Termin anstand.

Boulez hatte viele Termine, denn er hatte schon früh realisiert, dass er innerhalb der grossen Institutionen mehr bewirken konnte als in irgendwelchen Nischen. Zwar reiste er weiterhin nach Darmstadt, aber daneben auch nach Bayreuth, also ins Zentrum des einst kritisierten Opernbetriebs; er dirigierte zwar weiterhin Spezialensembles für neue Musik, vor allem das von ihm gegründete Ensemble Intercontemporain, aber dazu auch berühmte Sinfonieorchester. Boulez wurde so selbst zur Institution oder, weniger freundlich formuliert, zu einem Machtzentrum. Vor allem in Frankreich störten sich viele daran, dass zeitgenössische Musik ausserhalb seines Circuits kaum wahrgenommen wurde. Wer von ihm nicht geschätzt und gefördert wurde, hatte es nicht leicht.

Wer dagegen in seine Nähe kam oder sogar sein Interesse weckte (und das waren viele), der erhielt wohl die nachhaltigste Unterstützung, die er oder sie sich wünschen konnte. Das war seit 2004 auch beim Lucerne Festival zu erleben, wo Boulez die Festival Academy leitete und mit jungen Interpreten Klassiker der Moderne und neue Kompositionen einstudierte.

«Kompositionen sind wie geschneiderte Kleider»

Bei diesen Academy-Proben erlebte man Boulez als einen Musiker mit absolut unbestechlichem Gehör («The French Correction» wurde er früher genannt, weil er jeden Ausrutscher nicht nur bemerkte, sondern auch korrigierte). Dazu kam eine pädagogische Begabung, die viel mit der Kenntnis der Werke zu tun hatte. Schicht um Schicht liess er die Musik entstehen, erarbeitete die einzelnen Elemente, um sie dann in immer grösseren Zusammenhängen zu verzahnen – bis jeder Ton seine Notwendigkeit hatte, seinen Kontext, sein Innenleben. Oder manchmal auch: bis klar wurde, dass diese Notwendigkeit eben fehlte in einem Werk. Natürlich könne er einem jungen Komponisten sagen, sein Stück sei nicht gut, meinte Boulez einmal: «Aber er glaubt es nicht, bis er es nicht selber gehört hat.»

Auch er selbst hat beim Dirigieren vieles gelernt über seine eigenen Werke, und er hat seine Schlüsse daraus gezogen. Kaum eine Komposition liess er unangetastet. Manches hat er nur leicht retuschiert wie etwa «Le marteau sans maître» (1955), jenen frühen Wurf nach Texten des Surrealisten René Char, der mit seiner kristallinen Orchestrierung, dem orientalisierenden Schlagzeug und dem expressiven (Sprech-)Gesang zu den Meisterwerken seiner Zeit gehört. Anderes wurde radikal weiter entwickelt, «Pli selon pli», Falte um Falte, wie eines seiner bekanntesten Werke heisst. «Kompositionen sind wie selbst geschneiderte Kleider», sagte Boulez einmal: «Anfangs spürt man sie beim Tragen. Sie fallen ein bisschen unbequem, zwicken hier und sind dort zu weit.»

Inspiration kam ihm irgendwann abhanden

So überarbeitete er in einem oft jahrzehntelangen Prozess, was zwickte, veränderte die Besetzungen, liess die Töne wuchern und bändigte sie wieder, baute neue technische Möglichkeiten ein (erst die Elektronik, später die digitale Tonerzeugung) und reagierte auch auf das Echo des Publikums, das ihm keineswegs gleichgültig war. Neues dagegen entstand kaum noch; die kompositorische Inspiration scheint ihm irgendwann abhandengekommen zu sein, vielleicht waren auch die eigenen Ansprüche zu hoch. Aber den Komponistenblick auf die Werke, den hat er nie verloren. Was funktioniert? Und wohin führt es? Diese Fragen stellte Boulez auch zu den Werken der Vergangenheit. Sein mit dem Regisseur Patrice Chéreau entwickelter «Jahrhundert-Ring» in Bayreuth 1976 war auch deshalb so revolutionär, weil er sich nicht an der Wagner-Tradition orientierte, sondern die Innovationskraft dieser Kunst ins Zentrum stellte. Auch bei Mahler und Berg, bei Strawinsky oder Messiaen interessierte sich Boulez stets für das, was neu war an ihrer Musik, was in die damalige Zukunft wies, was weiterentwickelt werden konnte.

Deshalb wirkte die von ihm dirigierte Musik oft anders als gewohnt: klar strukturiert, ballastfrei, dynamisch. Aber sie klang dabei nie nach Mathematik in Tönen, nie nach jenem Kalkül, das man Boulez gelegentlich (wenn auch immer seltener) vorwarf: Da war eine Sinnlichkeit, eine Lockerheit in seinem Musizieren, das bei aller Präzision stets auch intuitiv war.

Er wollte auch architektonisch nachhelfen

Auch seine eigenen Werke wirken weder kühl noch unnahbar. Im Gegenteil, es macht sehr oft Spass, Boulez-Musik zu hören. «Répons» etwa, um nur ein Beispiel zu nennen: Ursprünglich ein Klavierstück, hat es sich seit seiner Uraufführung 1981 entwickelt zu einem Werk, das in ebenso neuer wie überwältigender Weise vorführte, dass das Ircam eben nicht nur eine Geldvernichtungsmaschine ist, sondern tatsächlich grosse Musik ermöglichte. Mittendrin sass man als Zuhörer bei der Luzerner Aufführung 2002, man wurde überspült und gekitzelt von den live gespielten und live-elektronisch gespiegelten Klängen, die von allen Seiten her durch den Raum strömten. Da hörte man keine technischen Spielereien, sondern das Ergebnis einer geniesserischen Klangfantasie, eines meisterhaften Handwerks. Einer Kunst, die tatsächlich Grenzen zu sprengen verstand.

Kein Wunder, wollte Sprengmeister Boulez da auch architektonisch nachhelfen: mit Projekten für flexible Säle, die er als konstruktive Variante zur einstigen Provokation in Sachen Opernhäuser entwickelt hatte und die ganz neue musikalische Konzepte erlauben sollten. Die aus seinen Ideen entwickelte Salle Modulable in Luzern soll nach dem Scheitern eines ersten Projekts im zweiten Anlauf nun doch noch realisiert werden; und in Paris wurde Anfang 2015 die Philharmonie eröffnet, die Jean Nouvel nach Boulez’ Vorstellungen konzipiert hatte. Damit hinterlässt dieser Jahrhundertmusiker über seine Werke hinaus auch Strukturen, die den Musikbetrieb weit über seinen Tod hinaus prägen werden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.01.2016, 15:26 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

«Es ist ein bisschen wie beim Papst»

Fragen zu Pierre Boulez Michael Haefliger hat Pierre Boulez einst ans Lucerne Festival geholt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Panzerparade in Weissrussland: In der Nähe der weissrussischen Stadt Minsk probt das Militär den Auftritt am Tag der Unabhängigkeit am 3. Juli. (31. Mai 2016)
(Bild: Sergei Grits (AP, Keystone)) Mehr...