Ein Streifzug durch Schuberts Welt

Der englische Tenor Ian Bostridge hat Franz Schuberts 1827 komponierten Liederzyklus «Winterreise» unter die Lupe genommen – und damit auch Schuberts Leben, seine Themen, seine Zeit.

Ein Soldat spielt Schubert in Anton von Werners Bild «Im Etappenquartier von Paris». Foto: Google Art Project

Ein Soldat spielt Schubert in Anton von Werners Bild «Im Etappenquartier von Paris». Foto: Google Art Project

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Nur rund zweieinhalb Minuten dauert das Lied «Die Post» aus Franz Schuberts «Winterreise». Aber was es dazu alles zu sagen gibt! Zum romantischen Motiv des Posthorns etwa; zur Bedeutung der Briefe in der Kultur des 19. Jahrhunderts; zur Postkutsche, die zu Schuberts Zeit noch als Repräsentantin der Moderne galt; zum Zeitgefühl jener Jahre; zum Kontrast zwischen der geschäftigen Welt und der Einsamkeit des Protagonisten in diesem Liederzyklus. Über all das und noch einiges mehr schreibt der englische Tenor Ian Bostridge in seinem Buch über die «Winterreise» im Kapitel zu diesem Lied. Und man hört «Die Post» anders danach. Differenzierter, respektvoller, bewusster. Mit einer neuen Bewunderung für Schubert – und für Bostridge.

Der 52-jährige Sänger hatte in Oxford Geschichte und Philosophie studiert, bevor er sich auf die Musik konzentrierte. Dass er sich einiges überlegt zu den Werken, die er singt, war noch nie zu überhören. Wie viel er weiss, wie vieles ihn interessiert, wie anschaulich und dennoch nie simpel er es zu vermitteln versteht: Das zeigt Bostridge nun in diesem «Winterreise»-Buch, das ganze Bibliotheken von Schubert-Literatur überflüssig macht.

Dabei macht er erst einmal klar, was man alles nicht weiss, nicht wissen kann über dieses «erste und grossartigste Konzeptalbum der Musik­geschichte». Es fängt schon beim Protagonisten an, bei jenem Wanderer, der nach einer Liebesenttäuschung durch den Winter zieht: Wurde er verlassen? Oder ging er selbst? Es wird nicht klar. Offenbar, so schreibt Bostridge, handle es sich hier «um einen Gefühls-Exhibitionisten, der uns die Fakten vorenthält; aber das ermöglicht es uns, die Fakten unseres eigenen Lebens zu ergänzen und ihn so zu unserem Spiegelbild zu machen».

Wie waren die Winter damals?

Inwieweit war der Wanderer auch Schuberts Spiegelbild? Auch dazu hat Bostridge vieles zu mutmassen. Er erzählt von Schuberts frühen Verliebtheiten und davon, wie das damals neu installierte Ehe-Consens-Gesetz seine (wie auch immer geartete) Beziehung zu Therese Grob gestört haben könnte. Und natürlich setzt er sich mit den populär gewordenen Vermutungen auseinander, Schubert sei homosexuell gewesen – wobei er auch auf die Missverständnisse hinweist, die zu dieser These geführt hatten. Er vermittelt dabei so vieles über die damaligen Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Ständen, dass sein Fazit nur musikhistorische Voyeure enttäuschen wird: Der grösste Irrtum sei es, «zu glauben, wir müssten Schuberts Sexualität klar definieren».

Andere Fragen beantwortet Bostridge umso genauer bei seinem Streifzug durch den Zyklus, bei dem er jedes Lied an einem anderen thematischen Zipfel packt. Wie waren die klimatischen Bedingungen in den mitteleuropäischen Wintern der 1820er-Jahre? Welches Verhältnis hatten die Menschen zu Tränen? In welchem kulturellen, politischen, gesellschaftlichen, technikgeschichtlichen Kontext sind Wilhelm Müllers Gedichte zu lesen? Was verraten die Lieder über Schuberts Haltung dazu? Und natürlich auch: Wie sind sie komponiert?

Bostridge analysiert die Musik nur punktuell, aber dann umso präziser. Die Frage etwa, ob in der Klavierbegleitung der «Wasserflut» die punktierten Rhythmen in der linken Hand den Triolen in der rechten angeglichen werden sollen oder nicht, führt bei ihm nicht zu musikologischer Erbsenzählerei, auch nicht zu einem gestalterischen Dogma. Sondern zu einem hochspannenden Einblick in die Möglichkeiten der Interpretation und die Erfahrungen eines Sängers, der weiss, wie sehr ein Detail die Botschaft eines Liedes verändern kann.

Diese Botschaft liegt nicht immer auf der Hand; das zeigt sich in jenen Passagen, in denen Bostridge die Lieder in die Welt einfügt, in der sie entstanden sind und verbreitet wurden. Während der von der Liebe enttäuschte Wanderer scheinbar ziellos umherstreift, macht der Sänger sehr konkrete Wegmarken fest. Den rätselhaften Köhler etwa, bei dem der Protagonist unterkommt, identifiziert er mit den revolutionären «Carbonari», die der Dichter Wilhelm Müller auf seiner Italienreise kennen gelernt hatte: ein Hinweis darauf, dass Müller und Schubert keine Freunde des Metternich-Kurses waren und ein Ende der «politischen Eiszeit» herbeisehnten.

Schuberts Kunst wurde denn auch keineswegs als weltabgewandt empfunden, wie Bostridge am Beispiel von Anton von Werners Gemälde «Im Etappenquartier vor Paris» von 1894 zeigt. Deutsche Soldaten in schmutzigen Stiefeln sitzen da in einem französischen Salon, einer spielt Klavier; schaut man genau hin, erkennt man ein Schubert-Lied in seinen Noten. Militarismus und Empfindsamkeit, Krieg und Bildung – diese Spannung prägte Schuberts Zeit, als Ausdruck dieser Spannung wurden seine Lieder noch Jahrzehnte später wahrgenommen. Und es ist wohl kein Zufall, dass sie gerade nach dem Zweiten Weltkrieg einen erneuten Boom erlebten.

Weitersingen im «Zauberberg»

Auch das zeichnet Bostridges Buch aus: dass es nicht nur ein lebendiges Bild von Schuberts Zeit zeichnet, sondern die «Winterreise» in ihren Motiven aus der Vergangenheit herleitet und in Richtung Gegenwart weiterverfolgt. Am eindrücklichsten beim «Lindenbaum», einem der berühmtesten Lieder des Zyklus: Auch Hans Castorp kennt es, der Protagonist von Thomas Manns «Zauberberg»; er singt das Lied, wenn er am Ende des Buches in den Krieg zieht, wohl seinem Tod entgegen. Umgekehrt kannte Wilhelm Müller zweifellos Goethes Werther, der unter Linden begraben sein wollte. Und vielleicht auch Ovids Metamorphosen oder Walther von der Vogelweides Minnesang, die den Mythos der Linde begründeten. Wer Schuberts «Lindenbaum», das erste Dur-Lied der «Winterreise», je harmlos fand, wird hier eines Besseren belehrt.

Und das ist das Verblüffendste an diesem Buch: Wenn man es weglegt, weiss man sehr viel mehr über die «Winterreise» als vorher. Gleichzeitig hat der Liederzyklus jene Rätselhaftigkeit, die ihm Horden von Musikwissenschaftlern und Interpreten austreiben wollten, wieder zurückerhalten. Mehr kann man von einem Musikbuch nicht verlangen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2016, 17:33 Uhr)

Stichworte

Buch

Ian Bostridge: Schuberts Winterreise – Lieder von Liebe und Schmerz. Aus dem Englischen von Annabel Zettel. C.H. Beck, München 2015. 405 S., ca. 27 Fr. Zur Leseprobe.

Videos

Ian Bostridge singt Lieder aus der Winterreise:

«Der Lindenbaum»



«Wasserflut»



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