Ein handverlesenes Orchester der Extraklasse

Von Tobias Rothfahl, Luzern. Aktualisiert am 14.08.2009 1 Kommentar

Bereits das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival setzte Massstäbe: Claudio Abbado faszinierte mit Gustav Mahlers Erster Sinfonie.

Dirigiert auswendig: Maestro Claudio Abbado und sein Lucerne Festival Orchestra (Archivbild 2008).

Dirigiert auswendig: Maestro Claudio Abbado und sein Lucerne Festival Orchestra (Archivbild 2008).
Bild: Keystone

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Grosse Klangkörper, kluges Programm

Das Lucerne Festival, das noch bis zum 19. September dauert, steht unter dem Motto «Natur» – ein weites, aber musikalisch sehr ergiebiges Thema, das angesichts des Alpenpanoramas auch bestens zum KKL passt.
Mit der finnischen Komponistin Kaija Saariaho kommt eine Musikerin nach Luzern, die sich immer wieder von Naturereignissen wie dem Nordlicht inspirieren liess. Der andere Composer in Residence ist der Deutsche Jörg Widmann, der auch als Soloklarinettist auftritt. Das Collegium Novum Zürich spielt am 22. August ein reines Widmann-Programm.
Den beiden «artistes étoiles», der Mezzosopranistin Magdalena Koená und dem Pianisten Yefim Bronfman, sind Schwerpunkte gewidmet. Darum herum dreht sich der Reigen der grossen Orchester. Zu Gast sind unter anderem das Mahler Chamber Orchestra und das Gustav-Mahler-Jugendorchester, das Ensemble Intercontemporain und das Orchestre des Champs-Elysées, das Philharmonia Orchestra London unter Esa-Pekka Salonen sowie English Baroque Soloists und Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner.
Das Royal Philharmonic Orchestra und das City of Birmingham Symphony Orchestra, die Sächsische Staatskapelle Dresden unter dem designierten Zürcher Opernhauschefdirigenten Fabio Luisi, das Gewandhausorchester Leipzig, Concertgebouworkest und Chicago Symphony Orchestra, die Wiener sowie natürlich die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle sind weitere grosse Klangkörper, die in diesem Jahr in Luzern auftreten werden.
Pierre Boulez arbeitet wieder in der Lucerne Festival Academy. Das Luzerner Theater zeigt als Rarität die Oper «Wozzeck» von Manfred Gurlitt (Premiere am 6. September) sowie das Schauspielmusical «Woyzeck» von Tom Waits (Premiere am 18. September).

Viele, sehr viele Male schon wurde Gustav Mahlers «Sinfonie Nr. 1» aufgeführt, doch noch lange ist nicht alles ausgeleuchtet, was in ihr steckt. Gerade Werke mit solchem Potenzial überdauern die Zeit. Und nur solche sind geeignet, eine phänomenale Aufführung wie das Eröffnungskonzert des Lucerne Festival möglich zu machen. Das vielleicht Denkwürdigste daran: All das Wunderbare, das da erklang, steht exakt so in der Partitur.

Am Dirigentenpult stand Claudio Abbado (ein Pult brauchte der auswendig dirigierende Maestro allerdings keines), und es spielte natürlich das Lucerne Festival Orchestra, das sich aus – von Abbado sozusagen handverlesenen – Mitgliedern namhafter Orchester und Kammermusikformationen und Solisten vom Hagen Quartett bis zur Cellistin Natalia Gutman zusammensetzt. Von einem solchen Orchester darf man Aussergewöhnliches erhoffen; aber ein Höhenflug wie am Mittwoch ist dann doch ein Ereignis.

Instrumentale Klasse

Mahlers «Sinfonie Nr. 1», die quasi mit Naturlauten beginnt, erfuhr dabei keineswegs eine grundsätzlich neue Deutung. Überragend waren vielmehr Genauigkeit, Konsequenz und die Klasse der Instrumentalisten. Faszinierend, wie Abbado die schemenhaft verhaltene Klangwelt des Anfangs hinauszog – weit über die Einleitung des ersten Satzes bis zu den einbrechenden Fanfaren der Pseudo-Reprise: Erst hier durfte die Musik mit aller Wucht aufschiessen und ein pulsierendes Leben hervorbringen, das eben noch höchstens als Utopie denkbar war. Und hat man – selbst verglichen mit Abbados eigenen Einspielungen – den zweiten Satz schon einmal so erbarmungslos zugespitzt gehört?

Da fallen alle Deutungen, es handle sich ja bloss um einen bäuerisch-harmlosen Tanz mit walzerseligem Zwischenspiel, ins Leere. Vollkommen überraschend und ebenso einleuchtend auch die Nähe zum dritten Satz, der tragikomisch anklagenden Verzerrung des Kanons «Bruder Jakob». Der Publikumsjubel: Immens.

«Flashy fingerwork»

Zur Tradition scheint es zu werden, dass am Luzerner Eröffnungskonzert vor der Pause ein Klavierkonzert erklingt und dabei künstlerisch eher wenig Relevantes geschieht. Dieses Jahr war es aber weniger schlimm als im vergangenen. Yuja Wang hiess die Auserwählte. Die 22-jährige chinesische Pianistin wehrt sich mit Worten und Taten dagegen, in die Schublade der Klavierstars aus der Retorte geschoben zu werden. Sie wolle auf der Bühne ein Statement als Künstlerin abgeben und nicht bloss eine Virtuosin mit «flashy fingerwork» (blitzendem, grellem Fingerspiel) sein, erklärt sie und lässt dabei durchblicken, dass sie sich ganz gerne von gewissen Landsleuten abgrenzen möchte, in deren Schatten sie in der öffentlichen Wahrnehmung noch steht.

«Flashy fingerwork» beherrscht allerdings auch sie. Und ohne dieses lässt sich Sergei Prokofjews vertracktes «Klavierkonzert Nr. 3» auch gar nicht bewältigen, schon gar nicht, wenn man beabsichtigt, die rastlose Motorik dieser Musik so unglaublich durchsichtig zu gestalten. Überhaupt liegt ihr das Perkussive, das Motorische der Musik.

Die Welt der Klangfarben

Überdreht Prokofjew aber den kraftvollen Schwung motorischer Intensität und lässt ihn in irre Vulgarität kippen, dann wissen die Musiker des Orchesters damit doch mehr anzufangen als die Solistin – und man erinnert sich in solchen Momenten vielleicht an die Fragen, die man zwischenzeitig vor lauter Staunen vergessen hat: Wie viele Dimensionen hat die Welt der Klangfarben? Eine? Warum diese interpretatorische Konformität, dieser Anschein des Einstudierten? Trotz alledem: Der Name Yuja Wang wird noch oft zu hören sein. Am 1. November gibt sie einen Soloabend in der Tonhalle Zürich. Sie springt für Martha Argerich ein.

Das Konzert wird am Freitag um 19.30 Uhr und am Samstag um 18.30 Uhr wiederholt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2009, 07:47 Uhr

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1 Kommentar

Peter Vogler

14.08.2009, 08:21 Uhr
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Faszinierend war der Auftritt der jungen Pianistin Yuja Wang,nur, schon wieder so ein Steinnway. Dabei gibt es doch noch Bösendorfer,Fazioli,Bechstein oder Ibach.Vielleicht eignet sich ein Steinway für das Pekurssive besser als der mehr grundtönige,weichere Bösendorfer,aber Fazioli wäre sicher eine Alternative zum Steinway. Antworten



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