«Ich bin ein bisschen schüchtern»

Der grosse 86-jährige Dirigent Bernard Haitink füllt derzeit wieder die Zürcher Tonhalle – letzte Woche mit Beethoven, diese Woche mit Brahms.

«Orchester lieben im Allgemeinen keine jungen Dirigenten», sagt Bernard Haitink. Foto: Michel Neumeister

«Orchester lieben im Allgemeinen keine jungen Dirigenten», sagt Bernard Haitink. Foto: Michel Neumeister

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Fünf Konzerte in zwei Wochen, dazu die Proben: Wie schaffen Sie das?
Man soll nicht über Anstrengung nachdenken. Es ist einfach so in unserem Beruf. In einem Werk wie dem «Deutschen Requiem» von Brahms gibt es das Orchester, die Solisten, den Chor: Das muss zusammenkommen. Es passiert nichts von selbst.

Und Sie haben nie genug von Werken, die Sie so gut kennen?
Nein, es geht immer weiter. Es ist erstaunlich, wie diese Werke wachsen von Aufführung zu Aufführung. Das heisst nicht, dass es immer besser würde, aber man ist nie fertig mit dieser Musik. Sie ermüdet mich nie.

Letzte Woche ist Pierre Boulez gestorben, Nikolaus Harnoncourt ist vom Podium zurückgetreten. Was bedeutet das für Sie?
Das ist ein heikles Thema für einen 86-Jährigen . . . Beide waren Pioniere, sie haben vielen Menschen die Ohren geöffnet. Und ich glaube nicht, dass solche Figuren so einfach wieder auftauchen können. Ich hasse das Wort «Musikbetrieb», aber es ist tatsächlich immer mehr ein Betrieb. Wenn man nicht aufpasst, hat man kaum noch Zeit, nachzudenken.

Sehen Sie denn keine jungen Dirigenten nachkommen?
Es gibt Talente, und ich engagiere mich für sie – bei meinen Dirigierkursen in Luzern, auch an der Zürcher Hochschule der Künste habe ich unterrichtet. Entscheidend ist, dass die Jungen dann eine Chance bekommen, sich zu bewähren.

Und die bekommen sie nicht?
Orchester lieben im Allgemeinen keine jungen Dirigenten, das ist ein grosses Problem. Denn auch Dirigenten sind nicht von Anfang an alt!

Sie selber sind vor bald 60 Jahren als 27-Jähriger beim Concertgebouw-Orchester eingesprungen, mit 32 waren Sie dort Chefdirigent. Ein schöner Start!
Ja, wenn auch viel zu früh! Aber wer weiss, vielleicht wäre alles ganz anders herausgekommen, wenn ich nicht durch diese Hölle gegangen wäre.

«Orchester lieben im Allgemeinen keine jungen Dirigenten, das ist ein grosses Problem.»

Hölle?
Das ist ein zu starkes Wort. Aber das Concertgebouw-Orchester war damals ein sehr altehrwürdiges Orchester, mit vielen älteren Musikern. Und da kam ich als junger Mann, der überhaupt nichts verstand; das war natürlich eine Beleidigung für die. Es hat sich später gut eingerenkt. Aber es hat gedauert.

Wie haben sich die Orchester seither verändert?
Sie sind nicht besser geworden, aber anders. Viele Musiker haben ihre eigenen Ensembles für zwischendurch, sie suchen die individuelle Beschäftigung, und das ist gut. Früher war Orchestermusiker so eine Position, man hat Dienst gemacht – ein furchtbares Wort. Heute sind die Musiker alerter und vifer. Sie müssen das auch sein.

Auch die Dirigenten?
Ja. Als ich jung war, habe ich in Holland einen Dirigierkurs besucht. Da gab es 30 Anmeldungen, 26 wurden genommen. Wenn ich jetzt in Luzern einen Dirigierkurs anbiete, bewerben sich 320!

Was vermitteln Sie jenen, die Sie auswählen?
Manche meiner Kollegen sind da sehr strikt: So und so macht man das. Ich kenne keine Regeln. Die Jungen sind so unterschiedlich, ich versuche, mich auf jeden einzulassen. Ein grosser Dirigent hat deshalb einmal zu einem meiner Schüler gesagt: Aha, du sagst also dem Herrn Haitink, was er tun soll. Das fand ich lustig. Vielleicht ist es ja so. Aber man muss nun mal einen eigenen Weg finden, auch wenn das schwieriger geworden ist.

Warum schwieriger?
Die Jungen – vor allem die Asiaten, aber nicht nur sie – schauen sich alle bestehenden Videos aller Dirigenten an. Man trifft da auf viele junge Karajans und Bernsteins, die vor dem Spiegel geübt haben. Das bringt gar nichts.

Auch weil sich die Figur des Dirigenten seither gewandelt hat?
Dirigenten sind weniger eitel heute. Früher waren sie Gottheiten, wie Furtwängler oder Böhm. Das ist glücklicherweise vorbei. Die sozialen Kontakte sind wichtiger geworden, man relativiert sich.

Und man ist schneller wieder weg: Sie waren immer sehr lange bei «Ihren» Orchestern.
Das ist meine Philosophie, ich fand es richtig so. Aber die Zeit läuft jetzt schneller. Es ist wie im Supermarkt: Auch Dirigenten haben ein Verfallsdatum, und es kommt heute früher. Das Publikum langweilt sich rascher. Dass einer 28 Jahre bei einem Orchester bleibt wie ich beim Concertgebouw, das gibt es nicht mehr.

Auch weil es nicht besonders glamourös ist, immer an einem Ort zu bleiben. Aber Glamour hat Sie nie interessiert?
Nein. Ich bin ein bisschen schüchtern. Am wohlsten fühle ich mich im Kontakt mit Orchestermusikern, das geht immer gut. Wenn ich mit Leuten zu tun habe, die nichts wissen über Musik, ist es ein bisschen . . . Wissen Sie, die Musik ist wirklich mein Leben.

Erzählen Sie doch ein wenig aus diesem Leben: Sie haben zum ­Beispiel Schostakowitsch gekannt.
Gekannt nicht, nur getroffen. Ich war ja der erste West-Dirigent, der alle seine Sinfonien eingespielt hat. Und als ich einmal ein Konzert in Moskau gab, ist er gekommen; es war Bruckners 9. Sinfonie, die hatte er noch nie zuvor gehört. Er sagte, er sei sehr berührt gewesen – und ich war sehr berührt, dass er das sagte. Es ging ihm nicht gut, es war 1975, in seinem letzten Lebensjahr. Nach seinem Tod wurde ich von seiner Frau eingeladen zu einem Essen im Haus der Musik; das hat mir weniger gepasst, das war so richtig Partei-Atmosphäre. Aber ich sah sein Arbeitszimmer: Er hatte Büsten von Beethoven und Mahler drin.

«Es ist wie im Supermarkt: Auch Dirigenten haben ein Verfallsdatum, und es kommt heute früher.»

Die beiden sind auch für Sie wichtig.
Ja! Aber man muss ihre Werke dosieren. Es ist einfach, immer Beethoven zu dirigieren, diese Konzerte sind sofort ausverkauft. Aber es wird langweilig. Ich habe ja ein Etikett als Bruckner-Dirigent um den Hals, und ich bewundere diese Musik, ich liebe sie. Aber sie muss ein Erlebnis sein, keine Routine.

Auch neben dem Podium geben Sie Ihre Routine auf: Sie haben kürzlich Ihr Haus bei Luzern verkauft.
Leider, ja. Es wurde zu gross. Wir ziehen nach London, meine Frau kommt von dort, und wir haben schon früher dort gelebt. Ich hoffe, dass ich mich noch einmal akklimatisieren kann. Aber wir behalten eine Mietwohnung hier; ich werde weiter in der Schweiz dirigieren.

Und dazu Ihre alten Kontakte in London wieder vertiefen?
Die sind immer geblieben, das läuft einfach weiter, solange es geht. Ich sage immer allen, die mich anfragen: Wenn ihr mich haben wollt, ist es ein Risiko.

Haitink dirigiert Brahms’ «Deutsches Requiem» in der Tonhalle: Fr 15. 1. und Sa 16. 1., 19.30 Uhr; So 17. 1., 17 Uhr. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2016, 18:32 Uhr)

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Bernard Haitink
Vom Geiger zum Dirigenten

Bernard Haitink (geboren 1929 in Amsterdam) startete als Geiger, wechselte aber bald aufs Dirigentenpodium. 1956 sprang er für Carlo Maria Giulini beim Concertgebouw-Orchester ein, das dann während 28 Jahren seine musikalische Heimat werden sollte. Eine zweite Heimat fand er beim London Philharmonic Orchestra (1967 bis 1979) und später an der Royal Opera London (1987 bis 1998). 2002 wurde er Chefdirigent bei der Staatskapelle Dresden, trat aber 2004 wieder ab. Haitink hat in den 60er-Jahren viel zur Mahler-Renaissance beigetragen, auch für Schostakowitsch hat er sich früh engagiert. Ansonsten liegen seine Schwerpunkte bei Beethoven, Brahms und Bruckner. (suk)

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