«Ich könnte auf jeder Kiste spielen»

Der deutsch-russische Pianist Igor Levit ist mit 28 ganz oben angekommen. Derzeit spielt er in der Zürcher Tonhalle Beethoven – und auch mal einen Ragtime.

«Es ist doch Käse, zu behaupten, gute Musik sei nur bis Mahler entstanden», sagt Igor Levit. Foto: Sabina Bobst

«Es ist doch Käse, zu behaupten, gute Musik sei nur bis Mahler entstanden», sagt Igor Levit. Foto: Sabina Bobst

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Er warte auf eine wichtige Nachricht, sagt Igor Levit gleich als Erstes, und legt sein Smartphone neben sich. Es würde piepsen, wenn die Nachricht käme, aber Levit scheint sich nicht darauf zu verlassen. Jedenfalls geht sein Blick wie ein auf Tempo Andante con moto gestelltes Metronom zwischen der Gesprächspartnerin und dem Gerät hin und her. Und man kann nur staunen, wie konzentriert seine Antworten dennoch sind.

Kein Zweifel, Levit ist mit seinen 28 Jahren ein Exponent der Generation Multi­tasking – auch wenn er auf dem ­Podium jeweils so komplett fokussiert wirkt, als gebe es nichts ausser dem Flügel für ihn. Auch musikalisch ist er auf unterschiedlichen Gleisen unterwegs, wie sich während des Fototermins zeigt, wo er zwischendrin ganz locker William Bolcoms «Graceful Ghost Rag» anschlägt.

Sie spielen Ragtimes?
Ja, ich habe grad eine kleine Schwäche dafür, das ist zum Teil wirklich gross­artige Musik, auch jenseits von Scott ­Joplin und Co. Ich bin dran, ein bisschen herumzuforschen, was es alles gibt, das ist hochinteressant. Und macht Spass.

Aber in den Konzerten spielen Sie derzeit vor allem Beethoven. Ist das Ihr Wunsch? Oder jener der Veranstalter?
Meiner! Ich habe zum Glück wenig zu tun mit Veranstaltern, die mir Vorschriften machen. Umgekehrt bin ich auch nicht einer, der sagt: Das ist mein Programm, und dabei bleibt es. Ich entwickle die Dinge gern im Austausch.

Igor Levit spielt Beethoven, Sonate Nr. 17, 2. Satz. Video: Youtube

Warum gerade Beethoven? Bei ihm ist die Aufführungstradition so stark, dass man sich ihr nur unterordnen oder verweigern kann.
Meine Lieblingsantwort: Warum nicht?

Und die ehrliche Antwort?
Weil mir Beethoven schon immer sehr nahe war. Weil mir seine Musik guttut. Und weil es ein sehr starkes Identifika­tionsmoment gibt. Es verbindet mich vieles mit diesem Komponisten: Dieses wahnsinnig starke Ich, der Wille, sich mitteilen zu wollen, die eigene Umwelt in Musik zu übersetzen. Er war ja ganz ohne Scheuklappen unterwegs, ein echter Gegenwartsmensch.

Was bedeutet das für Sie, ein ­Gegenwartsmensch zu sein?
Zunächst einmal, sich nicht hinter dem Beruf zu verstecken und sich seines Alltags bewusst zu sein. Also nicht zu sagen: Ich mach Musik, die ist so gross, dagegen ist alles andere klein. Das halte ich für falsch, gefährlich und hohl. Ich will offen bleiben gegenüber anderen Menschen, gegenüber dem, was «draussen» passiert – politisch, gesellschaftlich.

Igor Levit spielt Bach, Partita No. 1, Präludium. Video: Youtube

Wie kommen Sie denn zurecht mit dem ritualisierten Konzertbetrieb? Der hat mit dem heutigen Alltag wenig zu tun.
Er verändert sich doch ständig!

Ein bisschen.
Der Ablauf eines Klavierabends von Liszt hatte nichts mit einem heutigen zu tun. Ich finde, es wird zu viel Wind ­gemacht um die scheinbare Verknöcherung des Klassikbetriebs. Das Publikum ist sehr offen.

Aber es hat doch präzise Erwartungen an einen Klavierabend?
Klar. Aber damit kann ich mich gut arrangieren. Ich sehe das ganz entspannt: Natürlich freue ich mich über einen schönen Saal und einen grossartigen Flügel. Aber ich behaupte, dass ich in jedem Raum und auf jeder Kiste spielen könnte – weil ich überzeugt bin, dass nicht der Ort die Musik macht, sondern die Menschen: die Interpreten und die Zuhörer. Es gibt ein Youtube-Video, in dem der amerikanische Pianist und Komponist Frederic Rzewski im Fischmarkt von Pittsburgh seinen Zyklus «The People United» spielt. Und man merkt, dass dieser Fischmarkt in dem Moment der beste Konzertsaal der Welt ist.

Frederic Rzewski in Pittsburghs Fischmarkt. Video: Youtube

Ungewöhnliche Konzertorte sind en vogue.
Darum geht es nicht. Vieles, was als neu postuliert wird, ist unglaublich alt – jeder hat schon mal in einer Fabrik gespielt. Es geht um den Moment, um das Miteinander, das irgendwo entstehen kann.

Sie haben Rzewskis «The People United» kürzlich auf CD eingespielt, mit Bachs Goldberg-Variationen und Beethovens Diabelli-Variationen. Manche Kritiker fanden das frech.
Frech gegenüber wem? Für mich – und ich bin es, der diese Aufnahme zu verantworten hat – sind diese drei Werke die absolut grössten Variationszyklen des Klavierrepertoires. Es ist doch Käse, zu behaupten, bedeutende Musik sei nur bis Mahler entstanden. Es gibt sie auch heute noch. Ein Freund hat einmal den schönen Satz gesagt: Bedeutend wirds später. Nur sehr selten war es sofort klar, bei Strawinskys «Sacre du printemps» etwa. Oder bei Wagners «Tristan». Bei Beethovens «Eroica». Meist braucht es länger, bis der Wert eines Werks erkannt wird.

Levit spielt Rzewskis «The People United Will Never Be Defeated!» Video: Youtube

Jenes Identifikationsmoment, das Sie bei Beethoven erwähnt haben – spielt das bei Ihrer Begeisterung für Rzewski auch eine Rolle?
Ja, wir sind beide Dickköpfe . . . Er hat übrigens gerade wieder ein Stück für mich geschrieben, mit dem schönen Titel «Résistance».

Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hat Sie vor fünf Jahren als Jahrhundertpianisten porträtiert. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe es nie als Last empfunden. Ich habe mich über den Artikel gefreut und basta. Es war das erste Porträt, das über mich geschrieben wurde; ich wusste, dass es kommt, aber nicht, wie gross. Ich bin dann an die Tankstelle gegangen und habe es gesehen . . .

Und 5000 Exemplare der Zeitung gekauft?
Ich hatte zehn, glaube ich. Aber jetzt habe ich keine mehr. Herr Google hat das ja alles gespeichert heute.

Welche Perspektiven kann denn einer entwickeln, der schon so jung so hoch gehandelt wird?
Wenn Sie wüssten! Ich bin ein inhaltlicher Nimmersatt, und es gibt so vieles zu entdecken. Ich habe keine eigentlichen Ziele, ich bin einfach neugierig und gebe mir Mühe, dass es so bleibt. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 07.01.2016, 18:31 Uhr)

Am liebsten pianissimo

Zweimal Beethovens «Dritte»: Bernard Haitink dirigierte die «Eroica» und das c-Moll- Konzert mit Levit als Solisten.

Schlechte Zeiten für Huster. Die fallen bei Pianissimo-Stellen besonders auf, und Igor Levit hielt sich besonders gern, lange und langsam in den leisen Passagen auf. Beethovens drittes Klavierkonzert wird oft wuchtig gespielt, als monumentale c-Moll-Trutzburg. Levit bürstete es sanft gegen den Strich, zeigte, wie viel Lyrik und Melancholie darin stecken, dehnte die Eingangspassage des zweiten Satzes fast ins Unendliche, ­sodass es eine Weile dauerte, bis das ­Metrum überhaupt erkennbar war. Er suchte im Leisen das noch Leisere und zwang dadurch auch das Tonhalle-Orchester zu grösserer Zurückhaltung, als es bei diesem Werk wohl gewohnt ist.

Pianistisch fehlt Levit nichts, aber er muss es nicht ausstellen. Er vermeidet demonstratives Virtuosentum, erst recht jeden Narzissmus am Flügel. Auch physiognomisch ist er das Gegenteil eines Lang Lang, manchmal wirkt es, als kröche er am liebsten in sein Instrument hinein, als täte dieses die eigentliche Arbeit. So ist es natürlich nicht, was man spätestens merkt, wenn die Kadenz des ersten Satzes erreicht ist: Alles Bisherige, zeigt der Interpret, war nur Vorspiel, die Konvention wurde bedient und wird nun gesprengt, in einem wilden Auf und Ab quer über die Klaviatur, in masslosen Trillerketten, im Nebeneinander von Nullpunkt und Explosionen.

Die Wahl der Zugabe zeigte dann eine ganz andere Seite seiner Musikerpersönlichkeit. Ein kleiner Walzer von Schostakowitsch, hingetupft im Stile einer schüchternen, leicht klappernden Spieluhr. Humor in der Musik: Selten erschliesst er sich so leicht, so unmittelbar.

Nach der Pause dann die «Eroica», ein niemals abgespieltes, mit seinen Schocks und Surprisen ewig modernes Stück, kapellmeisterlich solide dargeboten vom 86-jährigen Bernard Haitink. Diesen grossen alten Mann hier so präsent zu erleben: Das war eine erhabene, eine bewegende Stunde. Ovationen.
Martin Ebel

Igor Levit spielt in der Zürcher Tonhalle am 9. und 10. 1. mit Julia Fischer Beethovens Violinsonaten, Bernard Haitink dirigiert am 15., 16. und 17. 1. Brahms’ «Deutsches Requiem». (Tages-Anzeiger)

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