«Ich möchte alle kennen, und alle sollen gleich viel wissen»
Von Anna Kardos. Aktualisiert am 29.10.2009
«Ich liebe die Oper», sagt Fabio Luisi auf die Frage, ob es ihm etwas ausmache, im Graben zu stehen, statt auf dem Pult vor dem Sinfonieorchester für alle sichtbar zu glänzen. Dass dies nicht bloss schöne Worte sind, merkt man, wenn man den zukünftigen Generalmusikdirektor des Zürcher Opernhauses dirigieren hört. Beethovens «Leonoren-Ouvertüre» Nr. 3 lebt bei seinem Berner Auftritt mit den Wiener Symphonikern von beinahe szenischen Wechseln innerhalb der Musik. In der langsamen Einleitung lässt der Dirigent das Orchester den Klang auskosten. Und plötzlich braust das Allegro los. Quirlig zwitschert die Flöte, die Spannung steigt, bis hinter der Bühne wie von fern das erlösende Trompetensignal ertönt. Das ist plastisch, ist lebendig: Oper im Konzert. Und dass im anschliessenden Freudentaumel das Orchester weniger intimen Dank als lärmende Glückseligkeit ausstrahlt, gehört in Opernkreisen fast schon zum «comme il faut».
Es ist diese ursprüngliche Lust an der Wirkung von Musik, gepaart mit einer grossen Portion Ehrlichkeit, die den Italiener sympathisch macht. «Was die Stücke anbelangt, mein Gott, wir wollen das grosse Repertoire spielen», erklärt er unumwunden. Gemeint ist die Ära ab 2012, wenn er gemeinsam mit dem neuen Intendanten Andreas Homoki das Opernhaus Zürich für fünf Jahre leiten wird. Das Haus ist das Schatzkästchen der Zürcher, und entsprechend hoch sind die Erwartungen.
Keine Angst vor Stars
Da passt es nur gut, dass der Dirigent auch gegen Stars nichts einzuwenden hat. «Grosse Stars sind grosse Stars, weil sie etwas Besonderes anzubieten haben. Weil sie gut sind in ihrem Fach. Daher sind sie gut für ein grosses Haus wie Zürich. Man muss aber den richtigen Namen finden für das richtige Projekt. Das Gesamtbild muss stimmen. Wir werden nicht ins Blaue hinein grosse Namen buchen, sondern Projekte mit den passenden Namen besetzen.»
Dass er nicht auf schnellen Glanz aus ist, davon spricht allein schon sein Lebenslauf. Als Sohn eines Lokomotivführers in Genua geboren, hat er vom Klavier über Korrepetitorenstellen, als Dirigent, Chefdirigent und zuletzt als Generalmusikdirektor der Sächsischen Staatsoper Dresden die Karriereleiter Schritt für Schritt erklommen.
Korrekturen in letzter Minute
Arbeit ist für ihn nicht notwendiges Übel, sondern genauso Teil der Musik wie die Aufführung. Noch bei der Stellprobe mit den Wiener Symphonikern, eine halbe Stunde vor Konzertbeginn, greift er Stellen heraus, die ihm zu wenig perfekt erscheinen. «Achtet bitte darauf, dass ihr vor der Ouvertüre gut stimmt! – Nein, hier müssen die ersten Geigen mehr absetzen!»
Bei Mendelssohns zweitem Klavierkonzert fielen die Korrekturen auf fruchtbaren Boden. Feurig klangen die Wiener Symphoniker und trafen damit den für den Komponisten so typischen, drängend-leidenschaftlichen Tonfall – auch wenn diese Leidenschaft dann und wann eher an «Forza del destino» als an deutsche Romantik denken liess. Pointiert und bewegt begleitete man den Pianisten Louis Schwizgebel-Wang. Der junge Schweizer dankte es dem Ensemble mit einer feinfühligen und bis in die letzten Nuancen polierten Interpretation des Klavierparts. Bei ihm tönte Mendelssohn schlanker, und die lyrischen Seiten der Musik galten ihm gerade so viel wie glänzende Akkordkaskaden. Das ergänzte die satte Präsenz des Orchesters und hielt sie in einem zarteren Rahmen.
Immer die Oper im Hinterkopf
Kommt er allerdings hinaus auf die «Schienengerade», nehmen Wucht und Masse augenblicklich zu. Das zeigte sich in Schumanns vierter Sinfonie. In klangvollem, schmelzendem Mezzoforte ertönte die Einleitung – allein: Vom Komponisten war diese als Piano-Pianissimo gedacht. Weiter ging es im wahrsten Sinne des Wortes mit Pauken und Trompeten. Auch wenn es eindrückliche Momente wie das Versiegen der Musik im Scherzo gab; vieles blieb zu vordergründig. Allzu sehr war das bunte Treiben der Welt gemeint (das bei Schumann tatsächlich vorhanden ist), ohne dabei die Schatten dahinter erahnen zu lassen (die bei Schumann freilich immer mit dazugehören).
Vielleicht hatte Luisi da mehr die Oper im Hinterkopf. Sein künftiger Intendant Homoki lobt den Italiener als grossartigen Dirigenten und genauso grossen Organisator, der stets das Gesamte im Blickfeld behält – ein idealer Mann für die Oper. Trotzdem will Luisi in Zürich auch sinfonisch arbeiten. «Es ist ein hervorragendes Orchester, und ich möchte sein Selbstverständnis stärken. Auch mit bewusst programmierten philharmonischen Konzerten – das scheint mir bisher ein wenig zufällig gemacht worden zu sein.»
Familiäres Haus
Konkrete Namen mag Fabio Luisi noch keine nennen: «Oh, ich habe viele Namen im Kopf!», mögliche Schwerpunkte könnten bei Mahler und Bruckner liegen. Oder gar im 20. Jahrhundert, bei Karl Amadeus Hartmann. «Ein Komponist, den man hören und gut präsentieren kann. Er ist kein, sagen wir mal: verrückter Zeitgenosse.»
Zu seinem Führungsstil sagt er: «In Deutschland ist vieles hierarchisch organisiert, was mich immer ein wenig genervt hat. Ich möchte vom Intendanten über den Korrepetitor und Orchestermusiker alle kennen, und alle sollen gleich viel wissen. Das ist uns, Andreas Homoki und mir, sehr wichtig. Und die Zürcher Oper scheint ein eher familiäres Haus zu sein, wo so etwas auch möglich ist.» Der Italiener und seine «famiglia» – ganz klar ein Klischee. Doch hinter Klischees steckt ja oft etwas Wahres.
Kurz vor Konzertbeginn in Bern sitzt Fabio Luisi statt im Frack noch immer im grünen Wollpullover in der Garderobe. Sein Espresso ist längst kalt (er war zu höflich, ihn zu trinken, während das Band läuft). Unruhig klopft der Konzertmanager an die Tür. «Herr Luisi, Sie müssen sich jetzt umziehen, das Konzert beginnt in zwei Minuten.» – «Zwei Minuten? Zwei Minuten? Es sind sieben Minuten. Ihre Uhr geht furchtbar voraus!» – «Herr Luisi, das ist eine Schweizer Uhr!» Erschrocken springt die Journalistin auf. «Kein Problem» – zwinkert der Dirigent beruhigend: «Man wird auf mich warten.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.10.2009, 04:00 Uhr





