Klassiker der Woche: Der falsche Mozart

Was für ein Schreck! Die Pianistin Maria João Pires wartet auf ihren Einsatz – aber dann stimmt das Orchester ein Konzert an, mit dem sie nicht gerechnet hat.

Irgendwie gehts dann doch: Maria João Pires spielt Mozarts Klavierkonzert KV 466. (Video: YouTube)

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Das ist der Stoff, aus dem Pianisten-Albträume sind: Man sitzt am Flügel, vor erwartungsvollem Publikum – und das Orchester startet mit dem «falschen» Werk. Wahr geworden ist dieser Albtraum für Maria João Pires im Amsterdamer Concertgebouw, vor rund vier Jahren. Sie hatte ein Mozart-Konzert vorbereitet, und ein Mozart-Konzert hatte auch der Dirigent Riccardo Chailly auf dem Pult; aber eben ein anderes, jenes in d-Moll KV 466. Zum Glück hat es eine relativ lange Orchestereinleitung: Zeit für die Pianistin, um sich nach dem Schock wenigstens einigermassen zu fassen.

In der Regel würde man ein solches Missverständnis in der Probe bemerken. In diesem Fall war die Probe aber – wie im Concertgebouw nicht unüblich – als öffentliches Lunchkonzert angesetzt. Keine Chance also für Pires, die Verwechslung in aller Ruhe zu klären, mal kurz die Noten zu konsultieren oder auch nur die eigene Erinnerung. Auch wenn sie das d-Moll-Konzert schon dutzendfach gespielt hat: Sich blitzschnell und unter Stress umzustellen, im Kopf wie in den Fingern, das ist schon eine höhere Herausforderung. Erst recht für eine Pianistin, die ihre Auftritte so gewissenhaft vorbereitet wie sie.

«I'm sure you'll do that», ermuntert Chailly sie optimistisch, während er das Orchester durch die Einleitung dirigiert, oder vielleicht auch nur zweckoptimistisch. Denn was soll er sonst tun in dieser Situation, mit einer Pianistin am Flügel, die fast in Tränen ausbricht vor Verzweiflung? Die Musik läuft, und mit ihr die Zeit – auch bei diesem Konzert kommt irgendwann der Klaviereinsatz. Klar, man könnte abbrechen, dem Publikum die Verwechslung erklären. Aber das tut man nur im äussersten Notfall, wenn es wirklich nicht anders geht.

Und tatsächlich, es geht. Pires setzt ein, und so verzagt sie dreinblickt, so pannenfrei spielt sie. Täuscht der Eindruck, oder gelingt ihr dieser Einstieg inniger, beseelter als üblich? Sicher ist, dass zumindest sie noch nie eine aufregendere Mozart-Aufführung erlebt hat.

PS: Maria João Pires ist derzeit auf Schweizer Tournee mit dem Budapest Festival Orchestra. Sie spielt Beethoven (die Nummer 4, ganz bestimmt) am 25. Oktober in St. Gallen, am 26. in Zürich, am 27. in Bern und am 28. in Genf. Infos unter Migros-kulturprozent.classics.ch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 24.10.2013, 15:12 Uhr)

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