Klassiker der Woche: Die Steilstarterin

Mirga Gražinyte-Tyla ist 29 Jahre alt – und frisch gewählte Chefdirigentin des City of Birmingham Symphony Orchestra.

Kantige Eleganz: Dirigentin Mirga Gražinyte-Tyla. (Video: Youtube/Los Angeles Philharmonic Association)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Simon Rattle hat sich in Birmingham die Sporen abverdient, bevor er zu den Berliner Philharmonikern wechselte. Auch Andris Nelsons startete hier durch. So ist es kein Wunder, wenn es in England heisst, man müsse bei der Suche nach vielversprechenden Dirigenten nach Birmingham reisen – und nicht nach London.

Auch künftig dürfte sich eine Reise lohnen. Letzte Woche ist nämlich Mirga Gražinyte-Tyla als Nelsons’ Nachfolgerin gewählt worden: 29 Jahre alt ist die Dirigentin, die aus einer litauischen Musikerfamilie stammt und unter anderem an der Zürcher Hochschule der Künste bei Johannes Schlaefli studiert hat. In Bern hat man sie als erste Kapellmeisterin am Stadttheater kennen gelernt. Aber schon sehr bald hat Gražinyte-Tyla den Wechsel an die ganz grossen Adressen geschafft: In Los Angeles wurde sie (wie der Zürcher Tonhalle-Chefdirigent Lionel Bringuier) Assistentin von Gustavo Dudamel. In Salzburg gewann sie den Young Conductors Award. Und ebenfalls in Salzburg, am Landestheater, trat sie ihre erste Stelle als Chefdirigentin an.

Klarheit und Charisma

Fast so bemerkenswert wie diese Karriere ist, wie wenig sich Mirga Gražinyte-Tyla auf Youtube vermarktet. Während andere junge Dirigenten jeden Auftritt hochladen, finden sich von ihr nur ganz wenige Beiträge: In einem singt sie als kleines Mädchen im Tupfenkleid selbstvergessen ein Lied. In einem anderen dirigiert sie einen Chor. Dann gibt es noch ein paar, die in Los Angeles zur Promotion ihrer Konzerte entstanden sind. Und basta.

Im hier gezeigten Beitrag aus Los Angeles sagt sie ungefähr das, was die meisten Dirigenten unterschreiben würden: Dass es um Kommunikation gehe, um den besonderen Moment, um den Spass an der Sache. Aber wie sie es sagt: Da kann man sich durchaus vorstellen, dass sie ein Orchester bei der Stange halten kann. Noch stärker ist der Eindruck bei den wenigen Einspielern, in denen man sie dirigieren sieht: Klar, mit einer kantigen Eleganz, sichtlichem Vergnügen – und jenem Charisma, ohne das man auf dem Podium chancenlos ist.

Live wird man Mirga Gražinyte-Tyla übrigens noch vor ihrem Amtsantritt in Birmingham beim Lucerne Festival erleben: Am 21. August 2016 wird sie im KKL das Chamber Orchestra of Europe dirigieren; neben Beethoven hat sie die litauische Komponistin Raminta Serksnyte aufs Programm gesetzt.

«Prima la donna» lautet das Motto des Lucerne Festivals dieses Jahr. Aber künftig wird Mirga Gražinyte-Tyla wohl keine Frauenschwerpunkte mehr brauchen, um eingeladen zu werden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.02.2016, 12:16 Uhr)

Artikel zum Thema

Klassiker der Woche: Dudamel ganz privat

Klassiker der Woche Als Dirigenten kennt man Gustavo Dudamel an allen grossen Adressen; hier ist er für einmal als Feierabendgeiger zu erleben. Mehr...

Klassiker der Woche: Bringuiers Durchbruch

Klassiker der Woche Als 18-Jähriger gewann der neue Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters seinen ersten wichtigen Preis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Weekend-Abo für 1.- testen

Unter der Woche Zugang auf das digitale Angebot, am Wochenende die Zeitung im Briefkasten. Jetzt testen.

Werbung

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kühle Erfrischung: Der Bademeister hat während der sogenannten «Heat Dome»-Hitzewelle in New York besonders viele Badegäste zu beaufsichtigen. (24. Juli 2016)
(Bild: Eduardo Munoz) Mehr...