So klingt die neue Ära

Es war lang, es war klug konzipiert – und es war fulminant bis zum letzten Takt: Lionel Bringuiers erstes Konzert als Chefdirigent des Zürcher Tonhalle-Orchesters.

Eine neue Ära in der Zürcher Tonhalle: Lionel Bringuier, der 27-jährige Franzose und Nachfolger von David Zinman.

Eine neue Ära in der Zürcher Tonhalle: Lionel Bringuier, der 27-jährige Franzose und Nachfolger von David Zinman.

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Schwer liegen die Bässe im Raum, ein Wispern erhebt sich darüber, ortlos, zeitlos zunächst. Dann kommen die Streicher dazu mit ihren Pizzicati, die wie Bäume in der Klanglandschaft stehen oder wie Schritte durch sie hindurchführen: Die «Karawane» – so der Titel von Hugo Balls Dada-Gedicht, aus dem Esa-Pekka Salonen sein neues Werk entwickelt hat – setzt sich in Bewegung, und wir gehen nur zu gerne mit. Denn es ist ein starker Beginn, der dem Finnen hier eingefallen ist. Ein starker Beginn auch für eine neue Ära in der Zürcher Tonhalle: Lionel Bringuier, der 27-jährige Franzose und Nachfolger von David Zinman, trat sein Amt mit einer Uraufführung an – ein Statement, zweifellos. Aber Bringuier formulierte es so klar, so intensiv, so unaufgeregt, dass man es eben doch nicht als demonstrativen Akt erlebte, sondern als Musik.

Wie unverbraucht viele von Salonens Klangeffekten sind, wie unmittelbar sie wirken: Das war das eine, was auffiel in dieser Aufführung. Das Zweite war die an Zauberei oder zumindest an höhere Akrobatik grenzende Schlagtechnik, mit der Bringuier den Riesenapparat aus Tonhalle-Orchester und Singakademie im Griff hatte. Tempowechsel, Rhythmuswechsel, Überlagerungen verschiedener Schichten, kammermusikalische Interaktionen, die Übergabe eines Klangs von einer Gruppe zur anderen: Das alles zeigte er so unmissverständlich an, dass man es sich schon fast zugetraut hätte, die Partitur allein aufgrund seiner Bewegungen nachschreiben zu können.

Vielleicht standen ein paar Fortissimi zu viel in dieser Partitur, vielleicht kippte die Zugänglichkeit von Salonens Tonsprache zwischendrin (und vor allem im zweiten Teil des Werks) allzu sehr in eine Bombastik à la Carl Orff. Aber Bringuier nützte jeden Moment, um wieder auf die Magie des Beginns zu verweisen, auf das Gewicht und die Bedächtigkeit der Schritte, auf die bernsteinfarbene Wärme dieser Klangwelt. Nach 25 Minuten jubelte das Publikum zum ersten, aber noch längst nicht zum letzten Mal an diesem knapp dreistündigen Abend.

Keine Bewegung zu viel

Denn es folgten noch zwei weitere Werke, zwei weitere Statements. Fürs Erste kam die chinesische Pianistin Yuja Wang auf die Bühne: Wie Salonen ist sie in dieser Saison für vielerlei Projekte in der Tonhalle engagiert, wie der Finne kennt sie Bringuier schon lange. Und auch sie hat ganz offensichtlich keine Lust, sich den musealen Regeln des klassischen Konzertbetriebs zu unterwerfen. Ihr ebenso rotes wie knappes Kleid jedenfalls hätte glatt als Ablenkungsmanöver wirken können – wenn sie so etwas denn nötig hätte.

Hat sie aber nicht. Sie spielte Prokofjews höllisch schweres 2. Klavierkonzert so kraftvoll und elegant, so virtuos und leicht, dass man atemlos auf der Stuhlkante sass und fasziniert ihren Fingern zuschaute (nein, so schnell kann man sie als normalsterblicher Mensch selbst ohne Tasten drunter nicht bewegen). Ebenso fasziniert hörte man zu, wie Bringuier mit dem Orchester auf ihr Spiel reagierte: gelassen auch im höchsten Tempo, souverän in jedem einzelnen Takt und ebenso fokussiert wie seine Solistin. Da war keine Bewegung zu viel, kein Blick überflüssig. Ausufernd geriet einzig der Publikumsjubel Nummer zwei.

Dann kam die Pause, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Abonnenten normalerweise schon fast aufs Tram eilen. Auch sonst war manches anders an diesem Abend; zum Beispiel wuselten diverse Kamerateams durchs Foyer. Das Interesse an Bringuiers Tonhalle-Start war enorm, bereits im Vorfeld hatte die Pressestelle rekordverdächtige 46  Interviews und Drehs zu organisieren; neben den Schweizer Medien waren auch Journalisten aus Frankreich und Los Angeles (der einstigen musikalischen Heimat von Salonen und Bringuier) angereist.

Man kann sich da gut vorstellen, wie gross der Druck auf den Dirigenten sein musste – was man ihm allerdings keineswegs anmerkte. Bringuier ist zwar noch enorm jung, aber bereits seit 14 Jahren im Geschäft. Diese Erfahrung zahlt sich aus auf dem Podium, wo er nichts Nachwuchshaftes ausstrahlt. Und sie schlug sich nieder in der Programmgestaltung dieses ersten Konzerts: Sehr geschickt hat er hier alle seine Spezialitäten und Überzeugungen untergebracht. Und ebenso bewusst hat er vorerst einen Bogen gemacht um jenes Repertoire, das sein Vorgänger David Zinman so erfolgreich bedient hat. Brahms, Schubert, Beethoven – sie kommen erst in späteren Konzerten vor, gut gepolstert mit französischem Repertoire und Klassikern der Moderne.

Der Taktstock-Könner Bringuier ist auch ein guter Taktiker, und als solcher servierte er dem Tonhalle-Publikum nach der Pause dann auch noch einen Hit mitten aus seinem Stammgebiet: Hector Berlioz’ «Symphonie fantastique», geschrieben im Alter von 27  Jahren, also sozusagen von einem Generationsgenossen von Bringuier (und auch von Yuja Wang) – ein unmissverständliches Signal auch dies.

Eine musikalische Frechheit

Die Aufführung tönte keineswegs nach einem Meisterwerk, über das schon dreitausend Laufmeter Bücher geschrieben wurden. Sondern nach einem Meisterwerk, das einen wie zum ersten Mal packt, berührt, verblüfft. Noch mehr als in den vorherigen Werken deutete sich hier an, in welche Richtung Bringuier mit dem hoch motivierten Orchester klanglich arbeiten wird: Schon im ersten Satz legten die Streicher Samt aus (nicht Plüsch!), die «Scène aux champs» rührte einen in Passagen purer Schönheit fast zu Tränen. Und im «Marche au supplice» hörte man nicht brüske Sforzati, sondern existenzielles Erschrecken.

Dass sich in diesem «Gang zum Richtplatz» noch einmal eine ganz andere Karawane in Bewegung setzt; dass zuvor auch Prokofjews 2. Klavierkonzert im Intermezzo ins Schritttempo geraten war: War das Zufall? Oder Konzept? Jedenfalls passte auch in dieser Hinsicht alles aufs Schönste zusammen in diesem Konzert. Und spätestens als im Finale der «Symphonie fantastique» die Fuge zur Hexensabbatnacht noch einmal als jene musikalische Frechheit präsentiert wurde, die sie ursprünglich war, dachte man an Richard Wagner. Der hatte einst etwas süss-sauer bemerkt, dieses Werk habe für Berlioz eine «Partei» gewonnen, «die keine andere Musik in dieser Welt mehr hören will». Doch, nach diesem Konzert kann man das gut verstehen.

SRF 1 strahlt Ausschnitte des Konzerts am 14. September um 23.10 Uhr in der «Sternstunde Musik» aus; zeitgleich gibt es das ganze Konzert auf www.srf.ch. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 11.09.2014, 18:49 Uhr)

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