Virtuosität für einen guten Zweck

Die hochgelobte venezolanischen Philharmonie Simón Bolivar gibt am 4. und 5. Oktober ein Gastspiel in Genf.

Vor der Genfer Victoria Hall. Von den beiden Konzerten des Jugendorchesters ist nur das erste öffentlich.

Vor der Genfer Victoria Hall. Von den beiden Konzerten des Jugendorchesters ist nur das erste öffentlich. Bild: Keystone

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Das Orchester ist Aushängeschild des Jugendmusik-Projekts «El Sistema», das seit 35 Jahren Kinder aus armen Verhältnissen mit klassischem Musikunterricht aus der Gosse holt.

Von den beiden Konzerten in der Genfer Victoria Hall ist nur das erste öffentlich. Der Erlös geht an einen Fonds der Vereinten Nationen zugunsten von Folteropfern. Das zweite ist eine Privatveranstaltung für Mitglieder der Vereinten Nationen, des diplomatischen Korps und anderer Institutionen.

Die Virtuosität des Klangkörpers ist international anerkannt. Als die Philharmonie Simón Bolivar vor einigen Jahren erstmals in Grossbritannien gastierte, sprachen Kritiker von einem «Wunder». Seither reisen Stardirigenten wie Claudio Abbado, Sir Simon Rattle und Zubin Mehta regelmässig nach Venezuela, um mit den Jugendlichen zu musizieren.

Rendite der anderen Art

Doch nicht nur die künstlerischen, sondern auch die sozialen und wirtschaftlichen Meriten von «El Sistema» sind verbrieft. Bevor die Inter American Development Bank (IDB) 2007 einen Kredit von 150 Millionen Dollar gewährte, gab sie eine Studie über den Nutzen des Projekts in Auftrag; Mitglieder der IDB bemängelten, klassische Musik sei nur etwas für die Elite.

Am Beispiel von bis dahin zwei Millionen ausgebildeten Jugendlichen wurde ermittelt, dass für jeden Dollar, der in «El Sistema» investiert wird, 1,68 Dollar in Sozialdividenden erwirtschaftet werden - durch Abnahme der Kriminalität und bessere Bildungs- und Arbeitsdisziplin.

Der Gründer von «El Sistema» – der Musiker, Ökonom und Politiker José Antonio Abreu – verdiene den Friedensnobelpreis, forderte schon vor Jahren der renommierte britische Dirigent Simon Rattle. Den alternativen Nobelpreis hat Abreu schon 2001 erhalten, später kamen unter anderen der Polar Music Price und der Erasmuspreis dazu.

Anzahl Orchester verhundertfacht

«El Sistema» hat viele renommierte Musiker hervorgebracht, unter ihnen Gustavo Dudamel, der heute das Simón Bolivar Orchester leitet. Auf der derzeitigen Europatournée, die das Orchester auch an die Salzburger Festspiele führte, wird Dudamel unter anderem von Christian Vazquez vertreten, der ebenfalls von «El Sistema» ausgebildet wurde und dem eine ähnlich steile Karriere vorausgesagt wird.

Als Abreu 1975 «El Sistema» gründete, gab es in Venezuela nur gerade zwei Orchester mit fast ausschliesslich europäischen Musikern. Heute sind es 30 professionelle Sinfonieorchester, 125 Jugend- und 57 Kinderorchester - und das in einem Land, wo je nach Quelle 60 bis 75 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben.

(lsch/sda)

Erstellt: 26.09.2011, 10:31 Uhr

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