Eine Orgel, die zu reden gibt

Auch 26 Jahre nach ihrer Einweihung ist die Zürcher Tonhalle-Orgel umstritten. Diese Woche kommt sie in Saint-Saëns’ Orgelsinfonie wieder einmal zum Einsatz.

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Prächtig sieht sie aus, die Orgel im grossen Tonhalle-Saal. Aber wie klingt sie eigentlich? Das dürften sich schon manche Konzertgänger gefragt haben – denn allzu häufig kommt das von den Firmen Kleuker und Steinmeyer gebaute Instrument nicht zum Einsatz. Der Männerchor Zürich nutzt es zwar regelmässig, früher gab es eine Orgelreihe mit dem Symphonischen Orchester, und auch auf CD ist sie zu hören, bei Aufnahmen des Tonhalle-Orchesters oder in der Reihe «Great European Organs». Aber Solokonzerte? Selten. Kammermusik? Fehlanzeige. Und wenn man Organisten oder den Tonhalle-Intendanten Elmar Weingarten auf die Orgel anspricht, hört man erst einmal ein Seufzen.

Weingarten zum Beispiel hätte gerne Orgelmatineen eingeführt, als er 2007 nach Zürich kam: «Aber es ist so aufwendig, die Orgel einzurichten, dass das schon aus logistischen Gründen nicht geklappt hat.» Auch Peter Solomon, der beim Tonhalle-Orchester für die Tasteninstrumente zuständig ist und diese Woche Saint-Saëns’ Orgelsinfonie spielen wird, hält das Instrument für «ziemlich kompliziert» und deshalb nur bedingt geeignet für den Konzertbetrieb: «In anderen Sälen kann ich mich hinsetzen und anfangen. In Zürich geht das nicht.» Die Disposition der Register ist ungewohnt, die Register selbst sind es ebenfalls; da muss getüftelt werden.

Der Organist Ulrich Meldau, der die Orgel seit ihrem Einbau 1988 betreut, seufzt dagegen aus anderen Gründen; er bedauert, dass das Instrument bis heute unterschätzt werde: «Es bietet unglaubliche Farben, Mixturen, die man eigens dafür erfunden hat. Man wollte damals eine der weltbesten Konzertorgeln bauen, und das hat man gemacht.» Klar, das Instrument habe seine Kinderkrankheiten gehabt, in den ersten Jahren war die Wartung nicht ideal: «Da musste man für die Elektronik jemanden aus England holen, für die Luftbefeuchter war eine deutsche Firma zuständig und für das Schwellwerk eine französische.» Aber seit ein paar Jahren kümmere sich die Männedorfer Orgelbau-Firma Kuhn um das Instrument, und eine Revision vor rund zehn Jahren habe klanglich «eine gewisse Glättung» gebracht.

Schwieriger Start

Worüber sich Solomon und Meldau einig sind: Es ist ein Instrument mit Charakter, mit Ecken und Kanten. Keine 08/15-Orgel. Und man kann, wenn man sie kennt, vieles aus ihr herausholen. Deshalb ist es vielleicht weniger die Orgel selbst als ihre Geschichte, die sie zum «Sorgenkind» (Weingarten) gemacht hat.

Denn der Start war schwierig: Zwar war Mitte der 80er-Jahre unbestritten, dass die Tonhalle eine neue Orgel braucht. Die alte war in einem desolaten Zustand, Solomon spricht von «Extremsport»: «Es konnte alles passieren, wenn man auf diesem Instrument spielte.» Aber dann hat man diese Orgel grundlegend restauriert und in die Kirche Neumünster eingebaut, und es kam nicht nur Wehmut auf, sondern auch Kritik an der neuen Tonhalle-Orgel, die so viel wuchtiger war als die alte. Zwar kann man auch auf ihr leise spielen, Ulrich Meldau etwa schafft es ohne weiteres, ein Barockorchester nicht zu übertönen. Aber zweifellos ist das Instrument für die grossen romantischen Werke konzipiert – und sprengt bei allzu üppiger Registrierung den Tonhalle-Saal mit seiner intimen Akustik.

Solche Schwierigkeiten kennt man allerdings nicht nur in Zürich; auch anderswo ist es keine Selbstverständlichkeit, dass sich ein Instrument perfekt in den Saal als Resonanzkörper einpasst. Das zeigt zum Beispiel die ebenfalls umstrittene Orgel im Luzerner KKL: «Sie wäre ideal für eine Barockkirche», sagt Solomon, «aber für den KKL-Saal ist sie zu leise. In einer Probe mit den Berliner Philharmonikern hat mich Pierre Boulez mal gefragt, ob ich überhaupt gespielt habe ...»

Das kann bei der Zürcher Orgel nicht passieren; wenn sie mal zum Einsatz kommt, hört man sie. Dass sie häufiger als bisher gespielt werden sollte: Darüber sind sich Meldau und Solomon noch einmal einig. Beide schwärmen vom grossartigen Repertoire, und beide erwähnen die Nachwuchsschwierigkeiten der Organisten; die Studierendenzahlen sinken seit Jahren. «Es wäre deshalb wichtig, dass man auch ausserhalb der Kirche zeigen könnte, was für tolle Werke es gibt», sagt Solomon.

So hofft er auf den anstehenden Leitungswechsel in der Tonhalle: Schliesslich kommt der neue Chefdirigent Lionel Bringuier aus Frankreich, einem Land mit grosser Orgeltradition. Als die Tonhalle-Orgel gebaut wurde, war er erst zwei Jahre alt: Man kann davon ausgehen, dass ihn die alten Polemiken nicht interessieren.

Konzert mit Saint-Saëns’ Orgelsinfonie: Tonhalle, Mi 26. 2. – Fr 28. 2., Orgel Peter Solomon, Ltg. Charles Dutoit. Am 1. Juni führt der Kammerchor Kobelt mit Poulencs Orgelkonzert ein weiteres wichtiges Werk auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2014, 15:22 Uhr

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Tonhalle-Orgel, gebaut von den Firmen Kleuker und Steinmeyer. (Bild: Josef Stücker)

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