Klassiker der Woche

Klassiker der Woche: Den Flügel streicheln

Die Pianistin Dinorah Varsi war eine Klangkünstlerin. Ihre Studentin hier ist (noch) keine.

Bitte, Flügel, gib mir diesen Klang: Dinorah Varsi als Lehrerin. (Video: Youtube/Dinorah Varsi Legacy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die uruguayische Pianistin Dinorah Varsi (1939–2013) war Anfang zwanzig und hatte schon einige Erfolge gefeiert, als sie ans Aufhören dachte. Sie studierte in Paris damals, und ihre Finger waren hart wie Stein. Die Entspanntheit, die ihr Spiel ausgemacht hatte, war verschwunden, ein Lehrer hatte ihr eine Technik vermittelt, die ihr nicht entsprach. Sie hat dann aber doch nicht aufgehört, sondern angefangen, wieder einzelne Töne zu spielen, ganz langsam, ganz leise und stets darauf bedacht, sich nicht zu verkrampfen.

Irgendwann war die alte Lockerheit wieder da – und wie sie sich musikalisch auswirkte, ist in dieser 1987 aufgezeichneten Masterclass eindrücklich zu erleben. Chopins b-Moll-Sonate steht an, wuchtig stemmt die Studentin die ersten Akkorde aus dem Flügel. Klingen tun sie trotzdem nicht, und Dinorah Varsi weiss warum: Wer das Instrument prügelt, erhält nichts von ihm – höchstens ein schmerzendes Handgelenk.

Finger wie ein Tintenfisch

Sie selbst hat nicht auf Kraft gesetzt, sondern auf fliessende, runde Bewegungen. Damit hat sie durchaus auch laute Töne aus dem Flügel gelockt, den sie nicht als Gegenstand, sondern als geradezu lebendiges Gegenüber behandelt hat. «Streicheln sie ihn», riet sie den Studenten, «der mag das auch!»

So anschaulich ihr Unterricht war, so bildhaft sind die Anmerkungen, die sie in ihre eigenen Partituren geschrieben hat: «Handgelenk wie Butter» steht da zum Beispiel oder «Finger wie ein Tintenfisch». Ihre Fingersätze waren oft ganz anders als die üblichen, und immer wieder hat sie sich technische Raffinessen einfallen lassen, um die Musik wie von selbst zum Klingen zu bringen.

Damit hat sie unter anderem den ungarischen Pianisten Géza Anda begeistert: Ab 1964 besuchte sie seine Meisterkurse in Luzern, 1966 zog sie nach Lenzburg und nahm auch privat Unterricht bei ihm; ein Jahr später gewann sie den Luzerner Concours Clara Haskil. 1982 wurde sie als Schweizerin eingebürgert, und sie blieb zumindest teilweise hier; zuletzt lebte sie in Davos und Berlin.

Aus dem Konzertleben hatte sie sich damals längst zurückgezogen; schon ab den späten 1970er-Jahren ist sie nur noch relativ selten aufgetreten. Auch deswegen ist sie früh in Vergessenheit geraten – zu Unrecht, wie nun eine luxuriöse Box mit Live-Studio- und Filmaufnahmen zeigt. Auch Chopins b-Moll-Sonate findet sich da, in einer Berliner Konzertaufzeichnung von 1986. Und ja: Sie klingt grandios. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.11.2015, 10:02 Uhr

Dinorah Varsi Legacy

Von Rameau über Rachmaninow bis zu einer Sonate von Galina Ustwolskaja reichte Dinorah Varsis Repertoire, im Zentrum standen die Werke von Beethoven, Brahms, Schumann und Chopin. Nun sind ihre Aufnahmen bei Genuin Classics in einer Box erschienen; für 99 Euro umfasst die Box 35 CDs, 5 DVDs und ein Buch. www.genuin.de

Artikel zum Thema

Klassiker der Woche: Die Sängerin als Senftube

Wenn die grosse Montserrat Caballé unterrichtet, wird sie gern handgreiflich. Singen ist nun mal eine physische Angelegenheit. Mehr...

Klassiker der Woche: Wuchtige Entgleisung

Klassiker der Woche Vladimir Horowitz spielt Chopin: Alles andere als perfekt, aber grossartig. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Hast du mal Feuer: Forrest Scott schaut auf die Buschfeuer rund um sein Haus bei Santa Margarita in Kalifornien (26. Juni 2017).
(Bild: Joe Johnston/The Tribune) Mehr...