«Was machst du mit den Oberschenkeln?»

Einst hat die deutsche Mezzosopranistin Brigitte Fassbaender weltweit Furore gemacht. Nun gab sie in Zürich einen Workshop.

Ein öffentlicher Meisterkurs ist eine harte Schule: Brigitte Fassbaender mit einem Zürcher Gesangsstudenten. Foto: Sabina Bobst

Ein öffentlicher Meisterkurs ist eine harte Schule: Brigitte Fassbaender mit einem Zürcher Gesangsstudenten. Foto: Sabina Bobst

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«Die Liebe hat gelogen» von Schubert singt die 23-jährige Sopranistin, mit viel Gefühl und Vibrato. Aber Brigitte Fassbaenders erster Kommentar danach gilt nicht ihrem Gesang, sondern dem Wasserfläschchen, das unter dem Flügel steht. «Warum hast du das mitgenommen?», will sie wissen, und: «Hast du auch schon dauernd Sodbrennen?» Eine Manie sei das mit diesen Flaschen, «die jungen Sänger halten sich richtiggehend daran fest». Dabei müsse man immer singen können, überall, auch mit trockenem Hals. Nur nicht abhängig sein von irgendetwas.

Wir sitzen im Kammermusiksaal 1 im Toni-Areal, im ersten Gesangsworkshop, den der Verein Liedrezital zusammen mit der ZHDK organisiert hat. Eben mussten noch zusätzliche Stühle hereingetragen werden, die Schlange vor der Tür war länger als erwartet, denn die Lehrerin ist ein Star: Brigitte Fassbaender hat an allen grossen Adressen gesungen, an der Mailänder Scala und an der New Yorker Met, in London, Bayreuth, Salzburg. Wobei sie mit ihrer grosszügigen Stimme ebenso Furore machte wie mit ihrem schauspielerischen Talent.

Nun stellt sie neben den Stimmen der jungen Sängerinnen und Sänger auch deren Nerven auf die Probe. Kuschelpädagogik kann man ihr nicht vorwerfen; sie lobt zwar durchaus, aber dann geht es gleich zur Sache. Atem, Vibrato, ­Vokalbildung, Körperspannung, «Was machst du mit den Oberschenkeln?». Zu wenig offenbar, der Tenor wird auf den Stuhl gesetzt, die Stimmübung mit einer Beinübung kombiniert; man beneidet ihn nicht, wie er da vorne sitzt und sich zweifellos ausgestellt fühlt, festgenagelt auf eine Schwäche, gegen die er nun vor Publikum und einer hartnäckigen Lehrerin anzugehen hat. Ein öffentlicher Meisterkurs ist eine brutale Schule. Aber am Ende klingt die Passage tatsächlich anders, offener, freier.

Sie kann auch Tenor

Wer die Stunde hinter sich hat, taumelt einigermassen erschöpft vom Podium. Nur Brigitte Fassbaender selbst scheint unermüdlich. Zwar hat sie ihre Gesangskarriere schon 1995 an den Nagel gehängt, damals war sie 56. Aber ihre Stimme ist nach wie vor ebenso eindrücklich wie die Energie, mit der sie sie einsetzt: Bis in die höchsten Sopran­lagen hinauf kann sie vorführen, was sie meint, auch die Tenorlieder schafft sie mühelos in der Originaltonart. Man würde sich nicht wundern, wenn sie auch mit dem Bass mithalten würde.

Sie selbst hat nie einen solchen Workshop besucht, ihr einziger Gesangs­lehrer war ihr Vater, der Bariton Willi Domgraf-Fassbaender. Als sie durch­startete an der Bayerischen Staatsoper in München war sie 21 Jahre alt – jünger als alle die Studierenden, die sie an ­diesem Wochenende unterrichtet. Auch heute noch gebe es hin und wieder solche frühen Erfolge, sagt sie, «aber es ist gefährlich geworden»: Weil sich niemand mehr um eine langfristige ­Entwicklung der Stimmen kümmere. «Man nutzt den Ist-Zustand aus, ohne an die Zukunft zu denken.»

Was hat sich sonst noch geändert seit ihren Anfängen? Die Handys, natürlich, «die ziehen sehr viel Energie ab, die Konzentrationsfähigkeit geht verloren». Und dann ist die Konkurrenz gewachsen: Die Musikhochschulen nehmen aus ihrer Sicht zu viele Gesangsstudenten auf, «nicht alle bringen die Voraussetzungen mit für diesen schweren Beruf». Und erst recht nicht für einen Markt, der global geworden ist: «Die grossen italienischen Stimmen kommen heute aus Südkorea.» Zwar gebe es wenige Weltkarrieren von südkoreanischen Sängerinnen und Sängern, «das hiesige Publikum nimmt ihnen die schauspiele­rischen Emotionen einfach nicht ab, ­leider». So landen die meisten in Chören – und schrauben dort das Niveau so hoch, dass inzwischen auch um die Chorstellen ein ziemlich unbarmher­ziges Gerangel herrscht.

Der Nabelschau überdrüssig

Auch deshalb lässt Brigitte Fassbaender in ihren Lektionen nichts durchgehen; «Wer sein Handwerk nicht beherrscht, hat keine Chance». Gerade im Lied kommen Schwächen sehr rasch zum Vorschein: «In der Oper hat man eine Rolle, ein Kostüm, den Orchestergraben zwischen sich und dem Publikum. Beim Lied dagegen ist man ganz bei sich, man muss alles aus sich selber herausholen. Und das Publikum ist sehr nahe, ich habe das jeweils als fast voyeuristisch empfunden. Die sehen und hören alles.» Da sei es wichtig, dass man sich sicher und wohlfühle mit seiner Stimme: «Nur dann fühlt sich auch das Publikum wohl.»

Sie selbst ist auch deshalb von der Bühne abgetreten, weil ihr diese «permanente Nabelschau» irgendwann nicht mehr gepasst hat: «Wenn man Sänger ist, dreht sich das ganze Leben um den Abend, man wird furchtbar ego­zentrisch». Also machte sie einen Schritt zurück – und eine bemerkenswerte zweite Karriere als Regisseurin. Rund 70 Inszenierungen hat sie inzwischen auf diverse Bühnen gebracht, nicht nur Opern, auch Schauspielabende; in Innsbruck war sie von 1999 bis 2012 Intendantin des Tiroler Landestheaters. So konnte sie «das Ganze verantworten, nicht mehr nur ein Rädchen im Getriebe sein.»

«Bitte die Stirn entfalten!»

Da hat sie auch entdeckt, wie gut sie mit jungen Sängerinnen und Sängern arbeiten kann. Auch im Zürcher Workshop nutzt sie alle Tricks, um die Fantasie der Teilnehmer zu wecken, ihre Risikofreude anzustacheln, jedes Detail einzubeziehen. Das Publikum lacht, wenn sie einem Sänger den sorgenvollen Blick austreibt: «Bitte die Stirn entfalten, die Falten kommen früh genug!» Und es staunt vielleicht ein wenig, wenn nach einer Stunde höchstens ein Bruchteil eines 3-Minuten-Liedes wirklich durchleuchtet ist. Singen ist Schwerarbeit: Auch das erfährt man hier.

Danach fragt man sie noch, was denn das Wichtigste gewesen sei, das sie von ihrem Vater vermittelt erhalten habe. Sie zuckt mit den Schultern, «es war so vieles»; aber einen Tipp will sie doch weitergeben: «Er hat immer gesagt, sitz nicht zu viel in der Kantine rum, dort sind die Frustrierten, die Unzufrie­denen.» Sie hat den Rat hochgehalten, genauso wie jenes Holzschweinchen, das er ihr einst geschenkt hat. Ein Talisman? Ist das nicht fast so etwas wie das Wasserfläschchen unter dem Flügel? Aber nein, «das Schweinchen blieb in der Garderobe, und es war auch nicht schlimm, wenn es mal nicht dabei war», sagt sie. Und man glaubt ihr sofort, dass sie ihre Unabhängigkeit sogar gegen sich selbst verteidigt hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.12.2016, 23:41 Uhr

Liedrezital

Mehr als eine Konzertreihe

Wer in Zürich Liederabende hören will, geht ins Opernhaus – oder in die Konzertreihe Liedrezital im kleinen Tonhallesaal. Die gibt es weiterhin; aber der hinter der Reihe stehende Verein Freunde des Liedes weitet seine Aktivitäten aus und spannt dafür mit diversen anderen Veranstaltern zusammen. So veranstaltete er den Liedkurs mit Brigitte Fass­baender in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK). Mit dem Musikkollegium Winterthur hat man den Tenor Ian Bostridge als Residenz-Sänger eingeladen. Und vom 12. bis 14. Mai feiert der Zürcher Lieder-Frühling seine Premiere: Im Haus zum Lindengarten, im Zunfthaus zur Waag und in der Musikschule an der Florhofgasse gibt es Konzerte und Vorträge, für die man auch Mitglieder des Internationalen Opernstudios, Studierende der ZHDK und einen Jugendchor aufgeboten hat. Infor­mationen unter www.liedrezital.ch.(suk)

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