Alec Soth: Bilder eines bescheidenen Glücks

Der amerikanische Fotograf Alec Soth zeigt im Winterthurer Fotomuseum seine eigenwilligen Bildreportagen aus den USA – und erzählt, wie sie entstanden.

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Alex Soth, 1969 in Minneapolis geboren, scheint direkt dem Bilderbuch der US-Klischees entsprungen: Sportlich gekleidet, mit Baseballkappe, herzlichem Lachen, offener, unkomplizierter und zugleich sehr höflicher Art vermittelt er diesen Eindruck. Auch seine beiden durch Buchpublikationen und Ausstellungen bekanntesten Fotoserien – «Sleeping by the Mississippi» und «Niagara» – beackern uramerikanisches, legendäres Terrain. Aber so, dass man zweimal hinschaut, weil die Bilder nicht ganz so eindeutig sind: Stricken sie an diesen Legenden weiter – oder modeln sie sie nicht auch um?

Eines jedenfalls kommt im Gespräch mit Alec Soth vor seiner Mississippi-Serie, die Teil seiner Ausstellung im Fotomuseum Winterthur ist, klar durch: Sollte der Betrachter den Eindruck gewonnen haben, dass Soth mit seinen Bildern von Normalos wie freakigen Typen und handverlesenen Orten, der ärmlichen Hütte etwa, in der Johnny Cash aufwuchs, auch ein wenig am Lack dieser Legenden kratzen oder gar den amerikanischen Traum als leisen Albtraum darstellen will, dann liegt er falsch. «So sehe ich das gar nicht», meint er dezidiert auf die entsprechende Frage. «Ich weiss, dass das auf viele Leute so wirkt. Aber für mich sind diese Bilder positiv, eine Darstellung von Glück.» Eines kleinen, bescheidenen Glücks, das viel mit dem Gefühl persönlicher Freiheit zu tun hat. Soth zeigt Restidyllen, durchaus in der Tradition von Henry Thoreaus uramerikanischen Selbstversorger-Märchen «Walden».

Ein eigener Blick auf Robert Frank

Soth setzt auch eine andere Tradition fort, jene der Dokumentation des Alltags, der sich die amerikanischen Fotografen seit den Aufträgen der Farm Security Administration in der Krise der 30er Jahre immer wieder verpflichtet zeigten – und innerhalb derer der Schweizer Robert Frank mit seinen 1958 erschienenen «Americans» eine Schlüsselstellung einnimmt. Soth jedoch interpretiert dieses Werk auf eigensinnige und unkonventionelle Weise, die viel über seine Herangehensweise verrät: «Als die Americans publiziert wurden, wurden sie als vernichtende Kritik an den Amerikanern verstanden. Aber für mich ist es, nach allem, was man über Robert Frank und sein Temperament weiss, eben auch ein sehr persönliches Buch, das von seiner Einsamkeit, seiner Melancholie spricht. Auch ich folge nicht der Idee, zum Beispiel Armut in Amerika zu dokumentieren – ich schreibe eher ein Gedicht.»

Lindberghs Kinderbett

Wie dieser lyrische oder poetische Zugriff, bei dem weniger Geschichten erzählt als Stimmungen aufgerufen werden, sein Vorgehen prägt, erklärt Soth detailliert. Die Bilder der Mississippi-Serie sind – ähnlich wie dann auch die späteren Portfolios – durch verschiedene, zum Teil rasch sichtbare, dann wieder gut versteckte Themen miteinander verbunden. Relativ schnell fällt die Vielzahl an Betten, Matratzen, überhaupt Schlafstätten auf – so etwa Charles Lindberghs Kinderbett. Oder das Thema der Hütte, oder jenes der Bibel im Alltag. «Ich folge dem Prinzip der freien Assoziation. In einer meiner ersten Arbeiten habe ich Schafe fotografiert, weil ich sie mochte, und in Minnesota wurde ich bekannt als der Typ, der Schafe fotografiert. Schafe aber haben mit Schlaf zu tun – man zählt Schäfchen –, und so kam ich zu den Betten. Ich entdeckte Lindberghs Bett – und das wiederum passte gut zu dem Mann, der seine Modellflugzeuge vorführt und ausgerechnet Charles heisst.»

Der Mississippi, das abgedroschenste Sujet, das man sich denken kann – «jeder Fotograf in Minnesota kommt unweigerlich auf die Idee, eine Reise flussabwärts zu fotografieren, weil der Fluss bei uns entspringt» –, wird aus Soths zunächst etwas kurios anmutender Perspektive zu einer Metapher für die im Hirn des Fotografen mäandernden Assoziationen, die ihn entsprechende Bilder finden lassen. Vielleicht wirkt die Komposition seiner Portfolios gerade deshalb so zwingend, weil sie mehr sind als die Summe ihrer Einzelbilder; jedes von ihnen kommuniziert untergründig mit den anderen, und alle sind sie jenem strengen Auswahlprozess unterworfen worden, den das teure Fotografieren mit der Plattenkamera nahelegt: «Jeder Klick kostet dich 20 Dollar, da fotografiert man anders als mit einem Digitalapparat.» Er habe aber gar nichts gegen die digitale Fotografie, alles zu seiner Zeit. Sein Kollege Alex Webb in der Agentur Magnum habe jüngst für deren Online-Projekt zu den amerikanischen Wahlen damit experimentiert, und das Resultat sei doch sehr erstaunlich gewesen.

Seit diesem Jahr ist Soth, der ursprünglich Malerei studierte und dann über den Umweg der Land-Art zur Fotografie kam, festes Mitglied der berühmten Agentur; und es verwundert kaum zu hören, dass seine beiden «Paten» Susan Meiselas, bekannt für ihre engagierten Reportagen, und Martin Parr, der sarkastische Ethnograf der Überdrussgesellschaft, sind.

Gerade in Soths Portfolio «Niagara» kommt deutlicher noch als in der Mississippi-Serie die für sein Schaffen so charakteristische Spannung zwischen dem scharfen Blick auf den Zustand einer Gesellschaft und dem Sinn für deren auch rührende, menschliche Seiten zum Vorschein. Denn anders als Parr, der systematisch und kaltblütig wie ein Feldforscher vorgeht, wenn er Klassenrituale aufspiesst, ist Soth am Einzelfall interessiert, auch wenn dieser am Ende symptomatisch sein kann, und am Zusammenspiel zwischen Mensch und Umfeld.

Niagara, Ort der gefährdeten Liebe

Das eigentliche Thema von «Niagara» ist die Liebe in ihrem enthusiastischen, hoffnungsvollen Anfang. Die Niagarafälle waren und sind in den USA ein Ort für Hochzeit und Flitterwochen. Sogar «Viagra» verdanke dem seinen Namen, weiss Soth. Ein Wasserfall mit all seiner Kraft und Bewegung sei eine unglaublich starke Metapher für die Sexualität wie für die Liebe. «Der Honeymoon-Zustand kann nicht erhalten werden, die frische Liebe geht zwangsläufig bachab.»

«Niagara» zeigt also den Wasserfall, zeigt Paare – glückliche und unglückliche –, Abschiedsbriefe, die schäbigen Hotels und Motels, einen sich aufbäumenden Hengst, ein paratgemachtes Brautkleid, aus Handtüchern Schwäne, deren Hälse ein Herz bilden, als Willkommensgruss auf Hotelbetten. Das Honeymoon-Paradies erscheint eher trostlos, und in diesem Fall akzeptiert Soth die sozialkritische Lesart, ja, die Geschichte sei recht düster. Aber zugleich beharrt er auch hier darauf, dass er Metaphern gesucht habe für ein bestimmtes Lebensgefühl, für seine Auseinandersetzung mit dem Thema.

Metaphern und Chiffren schliesslich prägen auch seine jüngste Serie «Dog Days Bogota», die entstand, während seine Frau und er in der kolumbianischen Hauptstadt darauf warteten, ihre Adoptivtochter in Empfang nehmen zu können. Soth wollte für sein Kind eine Art Album über seinen Herkunftsort aus der zwangsläufig eklektischen Perspektive eines Fremdlings machen. So zeigt das Buch zum Beispiel streunende Hunde statt der zahlreichen Strassenkinder, die Soth «nie und nimmer» fotografieren würde, weil er den sozialen Voyeurismus abstossend findet.

Es ist dieses Feingefühl, der enorme Takt, der seine Bildserien bei all ihrer Präzision auch so menschlich macht; Soth gehört nicht zu den Fotografen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste ihr Bild von der Welt abziehen. Und noch etwas trägt zu seiner Qualität bei: Man spürt, dass hier einer am Wirken ist, der weiss, wie sich inmitten der vielen Bilder, die es heute gibt, nicht zuletzt jene behaupten, die ihr Geheimnis, ihre Geschichte nicht völlig preisgeben. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.10.2008, 08:00 Uhr)

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