«Alleine denken ist kriminell!»
Von Paulina Szczesniak. Aktualisiert am 11.02.2011 1 Kommentar
Gesamtschau der Ankäufe der Stadt Zürich
«Zwischenlager» heisst die heute anlaufende Ausstellung im Helmhaus, die alle seit Herbst 2006 durch die Kommission Bildende Kunst angeregten Sammlungsankäufe Zürichs versammelt. Zu sehen sind rund 200 Werke von 72 Zürcher Kunstschaffenden. Die Arbeitsgruppe der städtischen Kommission, die alle vier Jahre neu besetzt wird, schlägt frei von Platzierungsüberlegungen Werke zum Ankauf vor, wobei ihr ein jährliches Budget von 150 000 Franken zur Verfügung steht. In der letzten, von der Schau beleuchteten Amtsperiode setzte sich die Arbeitsgruppe aus den Zürcher Kunst- und Kulturschaffenden Ian Anüll, Giovanni Carmine, Katrin Freisager, Pietro Mattioli, Brita Polzer und Andreas Vogel zusammen. Letzterer zeichnet, zusammen mit Ian Anüll, für «Zwischenlager» verantwortlich. Die Ausstellung dauert bis 10. April.
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Andreas Vogel, als Mitglied der städtischen Kunstkommission haben Sie über Qualität zu urteilen. Was ist ein gutes Kunstwerk?
(lacht) Wenn sich das so einfach definieren liesse, wäre die Kunstkommission wohl ein Computerprogramm. Die Qualität eines Kunstwerkes misst sich an derart vielen Faktoren – und die sehen für jeden erst noch anders aus. Das drängt den Einzelnen in die Gruppe: Im Diskurs kommt man zu objektiveren Kriterien, als wenn man allein vor sich hin brütet. Alleine denken ist kriminell! Statt des Ausdrucks «gut» verwenden wir lieber Vokabeln wie spannend, interessant oder relevant. Von einem relevanten Werk erwarte ich, dass es das Versprechen, welches es bei der ersten Begegnung gibt, kontinuierlich einlöst.
Für die Kunstsammlung der Stadt Zürich erwerben Sie oft frische Werke. Wie können Sie wissen, ob diese dauerhaft bestehen?
Ein Stück weit muss man sich auf sein Bauchgefühl verlassen. Der Reiz der zeitgenössischen Kunst ist ja unter anderem, dass sie noch nicht Eingang gefunden hat in den kunsthistorischen Kanon. Dass sie einen zwingt, sie zu bewerten. Da ist noch keine Geschichte, noch keine allgemein akzeptierte Aussage – nur die kühne Behauptung seines Urhebers, das sei Kunst. Das Publikum ist gefordert, sich einen Reim darauf zu machen. Wenn ein Werk dies zulässt, ist das ein guter Anfang.
Oft ist es schwierig, Zugang zur zeitgenössischen Kunst zu finden. Viele finden sie kryptisch.
Natürlich erschliesst sich ein Aquarell, das eine Landschaft zeigt, leichter. Wir müssen uns beim Betrachten keine Fragen stellen. Umgekehrt erschliesst sich ein zeitgenössisches Werk oft nicht sofort. Doch die Fragen, die es aufwirft, sind zweifellos interessant – auch wenn sie einen bisweilen ganz schön aufgeschmissen dastehen lassen. Je weniger ein Künstler einer Konvention folgt, je mehr er etwas aus sich heraus erfindet, desto mehr Gedanken macht er sich dazu. Die zu ergründen, ist allemal lohnender, als das Werk als Schwachsinn abzutun. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn man Kunst ernst nimmt, es immer etwas zu entdecken gibt. Ein gutes Kunstwerk wächst mit der Rezeption. Das hat übrigens wenig mit Ästhetik zu tun: Die wenigsten Arbeiten, die jetzt in der Ausstellung hängen, hätte ich auch gern zu Hause.
Ihrer Kommission stehen jährlich 150 000 Franken für Ankäufe zur Verfügung – das klingt wie der Traum eines jeden Kunstliebhabers.
Sicher ist das ein Privileg. Aber die 150 000 Franken aus dem Steuertopf bedeuten auch eine grosse Verantwortung. An unsere Entscheidungen sind zahlreiche kulturpolitische Aspekte geknüpft; nicht zuletzt geht es darum, öffentliche Förderungsgelder nachvollziehbar zu verteilen. Ferner muss die Summe unserer Ankäufe die hiesige Kunstproduktion möglichst breit gefächert abbilden. Wir kaufen also Werke junger Talente, aber auch solche von Künstlern, die das Pensionsalter längst überschritten haben; wir kaufen Werke unmittelbar nach ihrer Entstehung, aber auch frühe Arbeiten von Künstlern, die seit langer Zeit auf hohem Niveau gearbeitet haben. Und vieles, was wir gern hätten, kaufen wir nicht – sei es, weil der entsprechende Künstler schon prominent in der Sammlung vertreten ist, sei es, weil es unser Budget sprengt. 150 000 Franken haben heisst so tatsächlich auch verzichten.
Hand aufs Herz: Gibt es Anschaffungen, die sich im Nachhinein als Fehlinvestition herausstellten?
Ich bin froh, behaupten zu können, dass wir jeden Franken intensiv diskutiert, jedes zur Debatte stehende Werk im Original angeschaut haben – egal, ob es einen fünfstelligen Betrag kostete oder nur 1000 Franken. Darum bin ich optimistisch, dass wir das meiste noch mal genau so machen würden.Ausserdem setzt sich die Kunstkommission aus Experten verschiedener Sparten zusammen – Kunstschaffenden, Theoretikern, Kritikern. Da ergibt sich zwangsläufig ein kontroverser Einkauf.
Ist es schwierig, als Gremium Entscheidungen zu treffen?
Wir kommen nicht zusammen, um zu politisieren. Vielmehr gilt es, Kompromisse zugunsten der Kunst zu treffen. Wie in einer Demokratie üblich, ist jeder von uns mehrfach überstimmt worden – auch ich. Entsprechend sind in der Schau Werke dabei, die nie dort wären, wenn das Gremium aus fünf Andreas Vogels bestanden hätte. Und das ist gut so.
Die Werke, die Sie ankaufen, verschönern später Verwaltungsgebäude. Hängt einem da nicht der Ruf eines Dekorateurs an?
Unsere Ankaufstätigkeit ist nicht an Standortfragen gebunden. Wir suchen Werke also nicht danach aus, ob sie sich gut in einem Büro machen, haben auch keinen Einfluss darauf, wo diese platziert werden. Natürlich freut es uns, wenn etwas platziert wird. Wir kaufen ja nicht fürs Depot.
Der Kunsthistoriker Andreas Vogel (1968) ist designierter Rektor der Zürcher F+F Schule für Kunst und Mediendesign. Seit 2006 ist er Mitglied der Kunstkommission der Stadt Zürich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.02.2011, 19:42 Uhr
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1 Kommentar
hier liesse sich manch sparprogramm umsetzen. das wäre dann relevant. ich bin selbst künstler und weiss, dass staatliche unterstützung die kreativität kastriert. siehe auch schweizer film. in zürich ist ein unerträgliches gönnersystem am entstehen. nur die gönner verteilen dabei nicht ihr eigenes geld, wie das eigentlich sein sollte. Antworten
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