Alles ist Dreck und Kunst

Jean Dubuffet war der erste Popstar der Kunst. Jetzt richtet die Fondation Beyeler in Riehen dem Vater der Art brut eine opulente Retrospektive aus.

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Manchmal braucht es halt drei Anläufe. Das weiss jeder, der schon vom Zehn­meterbrett gesprungen ist oder bei starkem Wind ein Streichholz anzünden musste. Auch Jean Dubuffet brauchte drei Versuche, um Künstler zu werden. Mit 18 schmiss er die Kunstschule, weil die ihm zu akademisch war. Mitte 30 griff er wieder zum Pinsel, aber es war nicht der richtige Moment für Kreativität: Die Nazis marschierten in Paris ein, und er zog es vor, sie mit Lieferungen aus seinem Weingrosshandel bei Laune zu halten. Dann aber war der Krieg aus und für Dubuffet der Zeitpunkt da, um endlich seine Bildsprache zu suchen. Und wo sollte ein Weinhändler sie finden, wenn nicht im Boden, in dem seine Reben wuchsen?

Dubuffet nahm also Erde, mischte sie mit Ölfarbe und schmierte sie auf eine Leinwand – als Landschaft, die sich nicht von links nach rechts erstreckte oder von vorn nach hinten, sondern von unten nach oben. Die Perspektive wird so über Bord geworfen, der Horizont an den oberen Bildrand gequetscht – darunter ist alles Landschaft. Oder Erdreich, im Querschnitt betrachtet.

An Kindergekrakel orientiert

Gleich am Anfang der Dubuffet-Retrospektive in der Fondation Beyeler hängen diese frühen Bilder; man würde gern die Kieselsteine aus der getrockneten Farbmasse pulen. Und weil die Ausstellung den Untertitel «Metamorphosen der Landschaft» trägt, ist es nur stimmig, dass hier auch die Gesichts- und Körperlandschaften des französischen Künstlers dazugestellt wurden. Ob Porträt, Akt oder Acker, alles erinnert beim frühen Dubuffet an eine Landschaft aus der Vogelperspektive.

Und alles ist Dreck: das fette, spreizbeinige Modell, das er auf der Leinwand ausbreitet wie ein Butterfly-Hähnchen auf dem Grill, ebenso wie die Kuh, die mitten auf der kreisrunden Weide wiederkäut. «Bocal à vache», «Kuh im Einweckglas», hat Dubuffet dieses Bild betitelt – und dem Betrachter so den Schlüssel zu seinem Schaffen in die Hand gegeben. Einen neuen Blick aufs Ganze braucht man und Humor; nur so lässt sich ein Werk begreifen, das sich an Kindergekrakel und Zeichnungen aus der Psychiatrie orientierte.

Art brut nannte Jean Dubuffet seine Inspirationsquelle, rohe Kunst. Die Rezeption war so frei und verwendete die Zuschreibung gleich auch für alles, was er selbst hervorbrachte. So hatte der Künstler das zwar nicht gemeint, aber was soll man machen, und der Erfolg war ja da: «The wonderful Art brut of Mister Dubuffet», hiess es in einer Kritik zu seiner ersten Ausstellung in den USA, in der er Figurinen aus Naturschwämmen, Lavaklumpen und getrockneter Schlacke zeigte – ein schräger Kobold­reigen im Herzen von Manhattan.

Früher Erfolg in den USA

Die Schau war im Flatiron-Building zu sehen, in der dort eingemieteten Galerie von Pierre Matisse, der sich, anders als sein Vater, gegen die Malerei und für den Kunsthandel entschieden hatte und damit auch recht erfolgreich war. Nicht viel anders als heute Vito Schnabel wusste der junge Galerist seinen berühmten Namen geschickt zu nutzen, um die guten Kunden mit der guten Ware zusammenzubringen. Picasso, Braque, Miró und natürlich Papa Matisse bildeten den exklusiven Rahmen, in den aufgenommen zu werden, Dubuffet das Glück hatte. Und ob es nun daran lag oder nicht: Die New Yorker rissen sich seine Stücke aus den Händen.

Derweil begegnete man ihm zu Hause in Frankreich mit zurückhaltendem, amüsiertem Interesse. Vielleicht weil Europa schon satt war an Neuerungen, nach all dem Impressionismus, Kubismus, Dada und Expressionismus? Vielleicht weil sich Dubuffet so dezidiert von allem lossprach, was Frankreich zum Nabel der Kunstwelt hatte werden lassen? Möglich, dass die Amerikaner diesen glatzköpfigen, mit hoher Krächzstimme und starkem Akzent sprechenden Businessman auch einfach faszinierend fanden; diesen Künstler, der seinen Laden verpachtet hatte, um mit dem Pinselstiel im Dreck herumzukratzen und Schwämmchen aufeinanderzustecken. Jedenfalls störten sie sich auch nicht an dem Widerspruch, dass Dubuffet, der auf eine bodenständige, einfach verständliche Kunst aus dem Bauch heraus pochte, darüber seitenlange Abhandlungen schrieb in geschliffenen, mit Fremdwörtern gespickten Sätzen.

Dubuffet nahm seinen Landsleuten die verzögerte Anerkennung nicht übel und verliess die Heimat zeitlebens höchstens für ein paar Monate, um zu reisen. Ansonsten pendelte er zwischen seinen Ateliers in Paris und Südfrankreich, in denen in vierzig Jahren insgesamt 10'000 Gemälde, Skulpturen und Drucke entstanden. Gerade mal ein Prozent davon hat Kurator Raphael Bouvier in Riehen zusammengeführt – und dabei auch den einen oder anderen spektakulären Fang gemacht. Es gibt hier Werke, die seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich zu sehen waren. Dass die privaten Leihgeber ihre Schätze so willig von den Wänden nahmen, liegt daran, dass die Fondation Beyeler für Dubuffetianer eine Art Pilgerstätte ist: Mit Ernst Beyeler verband den Künstler eine enge Freundschaft, in den 70er-Jahren zudem ein Exklusivvertrag. Und er kannte Basel immerhin so gut, dass er, als er sich als Kostümdesigner versuchte, zwei Basler Larvenmacher einfliegen liess.

Auf der Theaterbühne

Das Resultat dieser Begegnung steht jetzt in der Eingangshalle des Museums: ein wuchtiger Ganzkörperanzug im typischen Spätstil Dubuffets, den er «Hourloupe» nannte und bei dem die Motive aussehen, als wären sie aus weissen, roten und blauen Puzzlestücken zusammengesetzt. 1973 führte er diese Ästhetik, der man heute in jedem Museumsshop begegnet, zum Exzess: «Coucou Bazar» ist eine ganze Theaterbühne im Hourloupe-Muster, mit darauf drapierten Hourloupe-Skulpturen und tanzenden Schauspielern in Hourloupe-Kostümen; auch die Choreografie und die Musik hatte Dubuffet selbst entwickelt. Um das Projekt zu stemmen, musste Dubuffet Dutzende Hilfskräfte anstellen und eine alte Munitionsfabrik mieten.

Auch jetzt, in Riehen, wird die riesige Kulisse originalgetreu zum Leben erweckt, jeden Mittwoch- und Sonntagnachmittag. Das Publikum nimmt auf Hourloupe-Sitzbänken Platz (man wird sie nach Ausstellungsschluss wohl retuschieren müssen, aber Dubuffet hätte es nicht anders gewollt). Obsessiv war dieser Mensch – und wandelbar: kein Raum in der Schau, in dem sich nicht eine neue Facette seines Werks auftut.

Kunst, wo man sie nicht erwartet

Als Proto-Popstar der Kunst verpasste Dubuffet seinem Schaffen ein regelmässiges Make-over, und zwar so, dass die, die nach ihm kamen, reichlich damit zu tun hatten: Neben den Erdfarbbildern gibt es hier Collagen aus Schmetterlingsflügeln (Damien Hirst lässt grüssen); neben den Grossstadtwimmelbildern die Riesenfiguren (es braucht nicht erst das um 90 Grad «gekippte» Bild, um an Baselitz zu denken); und die Hourloupes führen über zu den Farb- und Form­explosionen des Spätwerks (Keith Haring!, Jean-Michel Basquiat!).

Dass das Hässliche, das Infantile, das Alltägliche sehr wohl ihren Platz haben in der Kunst, hat Dubuffet dreissig Jahre vor Beuys und zwanzig vor Warhol gemerkt: «Die wahre Kunst ist immer da, wo man sie nicht erwartet», sagte er mal. Und hat sie gerade auch dahin gebracht, wo sie fortan selbst Skeptiker akzeptieren mussten: ins Moma, ins Guggenheim und gleich dreimal an die ­Documenta.

Am Schluss, als er seine ewigen Rückenschmerzen nicht mehr aushalten mochte, gab sich Jean Dubuffet noch ein paar Monate und ein paar Leinwände. Er füllte sie mit schnellen, bunten Linien, bevor er am 12. Mai 1985 freiwillig dahin aufbrach, wo seine letzte Bildserie schon hinzielte. Ihr Name? «Non-lieux», «Nicht-Orte».

Ab Sonntag, bis 8. Mai.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.01.2016, 18:53 Uhr)

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