Aufs WC für Züri

Mike Bouchet fordert die Bevölkerung auf, am 24. März tüchtig die Toilette aufzusuchen. Daraus macht er dann Kunst.

Lastwagen der Zürcher Kanalreinigung machen auf den Sammeltag aufmerksam.

Lastwagen der Zürcher Kanalreinigung machen auf den Sammeltag aufmerksam. Bild: © 2016 Manifesta 11 Office

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kommenden Donnerstag! Tragen Sie sich den ganz dick in der Agenda ein, programmieren Sie einen Reminder auf dem Smartphone, bereiten Sie sich mental drauf vor. Denn: An diesem magischen Donnerstag wird Ihr täglicher Toilettengang eben nicht alltäglich sein, oh nein. Am 24. März 2016 wird er zu einem Akt der körperlichen Kreativität, zu einem sinnvollen Beitrag an die kulturelle Gemeinschaft, zu – Kunst.

Die Manifesta, die Europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst, die heuer Zürich annektiert, kommt langsam in Fahrt. Der offizielle Startschuss fällt Mitte Juni, aber schon jetzt werden wir aufgefordert, uns partizipativ zu betätigen. Denn es gilt, das Material zu liefern, aus dem im Sommer dann Kunst werden wird: auf dem Klo.

Wie das gehen soll? Ganz einfach. Das Motto der Zürcher Manifesta lautet bekanntlich «What People Do for Money: Some Joint Ventures». Es geht also um Arbeit, einerseits, andererseits auch darum, dass die eingeladenen Künstler nicht einfach vor sich hin werkeln und anschliessend ihren Output präsentieren. Sondern, dass sie sich mit hiesigen Erwerbstätigen zusammenschliessen und man gemeinsam etwas auf die Beine stellt. So hat sich ein Kunstschaffender etwa mit einem Hundefriseur zusammengetan, ein anderer mit einem Imbissbetreiber, wieder andere kamen bei der Feuerwehr unter. Und Mike Bouchet aus den USA hat sich eben das städtische Klärwerk Werdhölzli als Partner ausgesucht.

Mit Zement verdicken

Unerschrocken ob der schieren Menge an Exkrementen, die da tagtäglich zusammenströmen – 80 Tonnen sind es, stammend von Einwohnern, Touristen, Durchreisenden – hat sich der gebürtige Kalifornier gefragt: Was damit anstellen? Und angesichts dessen, dass der aus dem Abwasser hergestellte Klärschlamm eine Konsistenz aufweist, die jener von Lehm nicht unähnlich ist, lautete die Antwort: Duft eliminieren, mit Zement verdicken – und formen.

Wie genau diese Form letztlich aussehen wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist vorerst nur dreierlei: erstens, dass das Endprodukt ziemlich riesig ausfallen wird. Weil, zweitens, fast eine halbe Million Menschen daran «mitgearbeitet» haben wird. Und drittens, dass man im Migros-Museum für Gegenwartskunst auf dem Löwenbräuareal, wo das Teil von Juni bis September ausgestellt sein wird, einen Manifesta-weiten Besucherrekord verzeichnen dürfte.

Bevor es aber so weit ist, gilt es nun erst einmal, kräftig Material zu sammeln. Sprich: Die Zürcherinnen und Zürcher sind aufgerufen, am kommenden Donnerstag bewusst und motiviert aufs Klo zu gehen und ihr Geschäft in dem Wissen zu verrichten, dass da eben Kunst entsteht. Alles, was an diesem Tag im Werdhölzli ankommt, wird verwendet. «Noch nie zuvor war das Häufchen der Zürcherinnen und Zürcher so bedeutend wie am 24. März», freut sich Manifesta-Kurator Christian Jankowski. «An diesem Tag entsteht so etwas wie der fäkale Fussabdruck der Stadt.»

Mann der Popkultur

Bleibt die Frage: Wer ist der hinter dieser Idee stehende Künstler? Wer ist Mike Bouchet? 1970 in Kalifornien geboren, viel in der Welt herumgekommen und 2004 in Frankfurt sesshaft geworden, haben seine Studienjahre bei Berufsprovokateur Paul McCarthy in L.A. nachhaltige Spuren hinterlassen.

Kurz: Die Popkultur ist Bouchets Jagdgebiet, in dem er ungeniert wildert. Er sei an den gleichen Dingen interessiert wie die meisten Leute, sagte er mal, also an «Jeans, TV, Essen und Sex». Bloss, dass Bouchet diese ganzen Dinge der Konsumwelt eben umstülpt – und ihre hohle, hirnlose und hässliche Kehrseite anleuchtet.

Vor zehn Jahren hat Bouchet seine eigene Cola entwickelt – light, natürlich –, mit der er seither braune Bilder malt oder auch mal einen Pool füllt. In einem Galerieraum bedeckte er den Boden mal mit 1000 Tom-Cruise-Gipsbüsten. Seine bisher aufsehenerregendste Aktion präsentierte er aber an der Venedig-Biennale 2009, als er ein ganzes Einfamilienhäuschen auf dem Canal Grande schwimmen liess: der American Dream im Abwärtsstrom. Das ungeplante, aber besonders schöne Crescendo war dann, dass die Hütte schliesslich absoff und mühsam aus dem Kanal gefischt werden musste.

Und nun also: Kacke in Zürich. Warum auch nicht; ein bisschen Dreck tut der gepützelten Little Big City immer mal gut. Ob aber ein chemisch gereinigter, museumsgerecht aufbereiteter Riesenhaufen wirklich etwas gegen «die Entfremdung von unseren körperlichen Abfallprodukten» bewirken kann, wie sich das Bouchet vorstellt? Und ob nicht eher geschnödet werden wird, man könne heute schon jeden Scheiss als Kunst verkaufen? Wir werden sehen. Vorerst heisst es erst einmal: Spülen, Leute! Spülen! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.03.2016, 18:51 Uhr)

Stichworte

Umfrage

Was halten Sie von der Kunst-Idee?




Artikel zum Thema

Auf Kunst schwimmen

Zürich erhält im Sommer ein spektakuläres temporäres Seebad: ETH-Studenten bauen in Winterthur an einem Floss für die Kunstbiennale Manifesta. Mehr...

Programm der Manifesta 11 macht neugierig

Neun Monate vor der Eröffnung der Kunstbiennale berichtet Kurator Christian Jankowski an der Pressekonferenz vom Status quo und gibt erste Kostproben. Mehr...

Das Röntgenauge des Kunstsystems

Manifesta 2016 in Zürich Christian Jankowski, Kurator der Manifesta 2016 in Zürich, gilt in der Kunstwelt als bunter Hund. Sein Territorium liegt irgendwo in der Schnittmenge von Avantgarde und Kalauer, Hochkultur und Skurrilität. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Werbung

Kommentare

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Stolze Mama: Walross-Mutter Arnaliaq zeigt in Quebec ihren Nachwuchs (26. Mai 2016).
(Bild: Jacques Boissinot) Mehr...