«Ausdruck der Arroganz sogenannter Künstler»
Von Gottfried Honegger*. Aktualisiert am 07.09.2010 31 Kommentare
* Der Maler und Plastiker Gottfried Honegger wurde 1917 in Zürich geboren. 1987 wurde er mit dem Zürcher Kunstpreis ausgezeichnet.
Projekt Nr. 1: Der Hafenkran, der am Limmatquai aufgestellt werden soll, ist eine infantile Dummheit, garniert mit einer Meer-Legende ohne Sinn. Eine Idee ohne kreative Dauerwirkung, da der Kran in ein bis zwei Jahren wieder verschwinden wird.
Die sogenannten Künstler – ich kann es nicht anders sagen – sind von einer sozialen und ethischen Blindheit, die ich nur mit Arroganz umschreiben kann. Sie haben sich nie überlegt, dass man mit 600'000 Franken hochklassige Kunstwerke für den öffentlichen Raum erwerben könnte. Werke, die der Stadt auf Dauer Identität, Kultur und Schönheit geben würden.
Projekt Nr. 2: Ja – Dada war auch in Zürich. Ja – man soll im Kunsthaus Zürich zu einer Gedenkfeier einladen, in der sich die Stadt Zürich, ihre Regierung, für ihre ablehnende Haltung seinerzeit entschuldigen soll. Ich war mit Dada-Bildhauer Jean Arp in Paris und mit Dada-Poet Richard Hülsenbeck in New York befreundet. Beide haben mir erzählt, mit welcher Verachtung und Bosheit die Dada-Bewegung seinerzeit in Zürich von der Stadt und von den Behörden aufgenommen wurde. Sophie Taeuber, eine Schweizer Künstlerin, deren Werk heute Weltbedeutung hat, wurde als Lehrerin der Fachschule Textil an der Kunstgewerbeschule Zürich fristlos entlassen, weil sie im Dada-Cabaret Voltaire aktiv mitgewirkt hatte. Heute Dada mit 900'000 Franken Steuergeldern zu feiern, als ob Dada dank Zürich wirksam hätte sein können, ist zynisch, ja geschmacklos. Genauso geschmacklos wie die vier Künstler Augusto Giacometti, Sophie Taeuber, Arthur Honegger, Le Corbusier auf den Schweizer Banknoten: Auch diese vier Kulturpioniere haben zu Lebzeiten ihr Brot in Paris verdienen müssen.
Gibt es ein Kunstkonzept?
Und dann . . . Projekt Nr. 3, das Nagelhaus. Ein roter Betonklotz im Dunkel des Escher-Wyss-Platzes soll an eine menschliche Tragödie erinnern. Nun, damit die Stimmbürger zu diesem Millionenprojekt Ja sagen, offeriert man im Denkmal eine Beiz und ein WC. Dieses Projekt ist Ausdruck und Abbild einer städtischen Kulturpolitik, die für die Kunst taub, stumm und blind ist.
Übrigens . . . wir haben ja schon einen Chinagarten. Warum ehrt man den chinesischen Widerstandskämpfer nicht im Chinagarten?
Und jetzt – wir haben in unserer Stadt eine Kunstkommission, und wir haben eine Präsidialabteilung im Stadtrat, die für die öffentliche Kultur verantwortlich sind. Ich erlaube mir, die Frage zu stellen: Haben diese beiden Institutionen überhaupt ein Konzept für die Kunst im öffentlichen Raum der Stadt? Wenn ja, warum wird die Zürcher Bevölkerung nicht orientiert, belehrt, aufgeklärt? Was ich weiss: dass in den letzten fünfzig Jahren in unserer Stadt kein bedeutendes Kunstwerk aufgestellt oder gemalt wurde. Der Henry Moore am See, der Max Bill an der Bahnhofstrasse und die Honegger-Skulptur an der ETH sind Geschenke von privaten Firmen.
Noch ein Skandal
Und hier noch ein Skandal: Meine Frau Sybil Albers und ich haben der Stadt Zürich unsere Sammlung konkreter Kunst schenken wollen. Es handelte sich um circa 500 Werke von circa 150 internationalen Künstlern. Da wir in Zürich kein Gehör fanden, waren wir bereit, die Sammlung dem französischen Staat zu schenken. Der französische Kulturminister Renaud Donnadieu de Vabres hat uns im Schlosspark des Espace de l’Art Concret in Mouans-Sartoux (Côte d’Azur) ein Haus von den Architekten Gigon/Gujer, Zürich, bauen lassen. Im Jahr 2008 erhielt der Espace mit seiner Sammlung den Europäischen Kulturpreis!
Doch wir bedauern es immer noch, dass die Sammlung nicht in Zürich geblieben ist.
Im zweiten Band der Schriftreihe des Instituts für Kunst und Medien, Hochschule für Gestaltung und Kunst, Zürich, schreibt Philip Ursprung unter dem Titel «Zürichs Verspätung»: «Wie kommt es, dass die Stadt Zürich trotz ihres Wohlstands, trotz ihrer international erfolgreichen Kunstszene und trotz der guten Rahmenbedingungen, welche Politik und Wirtschaft der Kunst in den letzten Jahren boten, kein nennenswertes Kunstwerk im öffentlichen Raum besitzt? Wie kommt es, dass im wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum der Schweiz nichts entsteht, das auch nur annähernd an die Wirkung von Projekten wie dem Public Art Fund in New York (seit 1977), dem Projekt Kunst im öffentlichen Raum der Hamburger Kulturbehörde (1981 bis 2001) oder den Kunstprojekten Riem in München (1998 bis 2004) heranreicht? Wie kommt es, dass seit dem missglückten Schenkungsversuch von Sol LeWitts ‹Cube› an die Stadt durch die Walter-A.-Bechtler-Stiftung im Jahr 1985 sich im Hinblick auf die Kunst im öffentlichen Raum nichts Bedeutendes ereignet hat?» (Übrigens, wo befindet sich das Werk heute?)
Es ist zu hoffen, dass der neue Kulturbeauftragte der Stadt nun aktiv wird. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.09.2010, 07:56 Uhr
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31 Kommentare
Ja ich muss ihm recht geben, was da an Kunst in Zuerich uns angetan wird, ist fuer meine Begriffe genauso Katastrophe. Ebenfalls die "gut benoteten" Gebaeude..... echt ein Graus. Wie kann man mit dem Kaese neben dem Operhaus leben, wie mit eine Börse die geradezu pervers zur Bruecke passt, diese Nagelhaus....."Mein Gott vergieb ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun" koennte man sagen...... Antworten
Hier schreibt ein begnadeter Künstler und er schreibt sich mit seinem Statement gewollt oder ungewollt ins Parteibuch der SVP ein. Kunst aber, die Unfassbare, ist in der Tat mehr als eine Anrufung an das Schöne, Wahre und Gute. Gerade in diesem Unerwarteten eines profanen Hafenkrans steckt jenes Mehr, worum wir Künstler täglich ringen und das leider selten genug nur aufscheint. Antworten
Herr Honegger hat mit seiner Meinung zu Hafenkran und Nagelhaus den Nagel voll getroffen. Aber Kunstwerke, die "auf Dauer Identität, Kultur und Schönheit" verkörpern? Ich vernehme schallendes Gelächter aus den Gräbern seiner Freunde Arp, Hülsenbeck & Co.! Antworten
Etablierte Kunst wird von unseren Institutionen immer wieder aufgewärmt um eine elitäre Bevölkerungsschicht (mit weitgehend poplärem Horizont) bei Laune zu halten. Das hat wenig mit Sachverstand oder der Förderung von Kunst zu tun, dafür umso mehr mit gesellschaftlichen Anlässen, Unterhaltung und Standortmarketing. Die Sponsoren der Kulturinstitutionen sprechen z.B. Bände über deren Zielpublikum. Antworten
Kunstverstand gibt es in der Schweiz keinen. Das habe ich, selber in visuellem Design ausgebildet, schon immer so empfunden. Geehrt wird nur was andernorts bereits Anerkennung fand – selber Kunst erkennen, das können wir Schweizer scheinbar nicht. Zu neuer Kunst stehen schon gar nicht. Aber dann Pseudokunst machen mit so einem Hafenkran, einfach lächerlich. Antworten
Wenn immer über Bauprojekte abgestimmt wird, achte ich darauf, ob diese monumental und grosszügig geplant sind. Das ist beim Nagelhaus leider nicht der Fall. Zürich braucht mehr repräsentative, architektonisch wertvolle Bauten. Somit bin ich gegen dieses Haus. Auch wenn die Geschichte dahinter ganz nett ist ... Der Chinagarten wäre dafür in der Tat der bessere Standort. Antworten
Man kann sich endlos streiten, ob das Nagelhaus wertvolle Kunst sei oder nicht. Aber wenn Dilettanten sich Kompetenz in Gastronomie, Kiosk, Freizeit und Verkehr anmassen - dann sollte die Stadt schleunigst etwas in Prävention machen und einen Fähigkeitsausweis für Kunst in der Praxis verlangen. Antworten
Herr H. hat mit den drei erwähnten Beispielen (Hafenkran, Nagelhaus, Dada) recht. An seiner Kritik stört mich nur, dass sie aus seiner persönlichen Verbitterung heraus geschrieben wurde. Gottfried H. leidet unter mangelnder Anerkennung durch seine Heimatstadt und der Tatsache, dass er nie an die grossen Namen in der konkreten Kunst (Bill, Lohse, Graeser, etc.) herangekommen ist. Antworten
Downtown Switzerland ist eben immer noch in zwinglianischer Bünzligkeit verhaftet. Grossspurig wird der kleinbürgerliche Mief als weltstädtisch verkauft. Geht es nicht ums Geld (bei Kunstwerken gilt nur der Wert), ist das Interesse an der Sache in Zürich eher klein. Man rafft lieber, als das man schafft. Antworten
Endlich!! Klare Worte. Die Situation in Zürich ist angesichts des Geldes hier, aus der Sicht der wohl meisten Künstler/Kulturschaffenden wirklich mehr als traurig. Warum ensteht nichts- weil kein Platz da ist. Die Stadt muss ja nicht immer alles unterstützen, subventionieren oder Schulen bauen... doch mehr wilde Experimente ZULASSEN. Kunst wird nicht normiert/studiert sondern gemacht und gelebt. Antworten
Wenn man diese Argumente als Pivatmensch vorbringt, muss man sich sagen lassen, man hätte eben keinen Kunstverstand und sei unfähig, den inneren Wert all dieser tollen Kunstwerke zu erkennen. So ist es verdankenswert und wohltuend, die Argumente aus berufenem Munde zu hören. Um die verpasste Sammlung tut es mir Leid, sie hätte mir mehr bedeutet als Hafenkran und vernageltes Haus zusammen. Antworten
Vielleicht wäre es vernünftiger, das "Kunstprozent" bei Bauten abzuschaffen und stattdessen Künstler direkt zu unterstützen - und zwar nicht nach dem Giesskannensystem, sondern einige ausgewählte Künstler. Und die Stadt könnte Platz zur Verfügung stellen (Hauswände, Plätze), wo diese und andere Kunst dann ausgestellt werden darf, für kürzere oder längere Zeit. Ohne dass die Stadt die Kunst kauft! Antworten
Honegger bringt als Fazit, wie "gut" er war/ist und wie wenig ihn die Stadt gewürdigt hat. Stadt und Kanton haben ihn mehr als nur einmal gewürdigt. Dass mir keines seiner Werke in den Sinn kommt, liegt vielleicht daran, dass ich intellektuell minderbemittelt bin oder nicht in den entsprechenden Kreisen verkehre. Antworten
Welch eine Wonne – besser kann man die Situation in Zürich nicht beschreiben. Da erbietet sich geradezu die Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein letzter Rest von gesundem Menschenverstand überlebt. Auch wenn der Autor schon gegen die 100 Lenze zählt. Auf der anderen Seite ist es nun vielleicht einfach so, dass die "Kultur" Abbild der gesellschaftl. Verfassung ist, was auch nicht weiter beruhigt Antworten
Das ist altbekannt. In der Schweiz wird Kunst oft nur als Kapitalanlage betrachtet. Wie viel wirds in ein paar Jahren wert sein? (siehe zB. UBS-Kunstsammlung) Es muss also rentieren, sonst wirds nur arrogant belächelt. Outsider dieser Mentalität sind also unerwünscht. Andererseits wird sinnlos Geld verpulvert für Bierideen, weil das Geld eben budgetpolitisch verbraucht werden muss... Antworten
Herr Honeggers Kritik ist berechrigt. Trotzdem bezweifle ich Herr Honeggers Nähe zur künstlerischen Wahrheit , denn seine Skulptur welche in der Tannenstrasse auf der Wiese vor der neoklassizitistischnen Fassade der ETH steht, passt überhaupt nicht an diesen Ort. Besser würde diese auf die Polyterasse passen, dass er selbst dies nicht gesehen hat , bestätigt meine These. Antworten
Ich bin froh, dass sich Herr Honegger hier pointiert äussert. Hätte sonst schon bald allen Glauben an irgendwelche Vernunft unserer sogenannten 'Künstler' gezweifelt. Kunst braucht nicht logisch zu sein; aber wenn sie mit öffentlichen Geldern finanziert wird, sollte sie von der Bevölkerung auch irgendwie verstanden werden können und nicht bloss von einem selbstherrlichen 'Künstler-Klüngel'. Antworten
Dieser Beitrag war bitter nötig. Was die städtische "Kulturelite" ihren Bürgern mit dem Einsatz von Steuergeldern für "Kultur im öffentlichen Raum" zumutet, ist schlicht eine Schande. Zum Kapitel Da-Da: Es muss erlaubt sein, eine Kulturrichtung nicht so zu verstehen, wie es die Künstler tun. Nur ist dann eben Konsequenz gefordert, indem man sich nicht mit Namen schmückt, die man verstossen hat. Antworten
Zürich ist keine Kulturstadt, wie es Basel ist. In ZH soll alles urban, kultig und schnelllebig sein. Im gegensatz dazu ist Basel eine Kulturstadt, die vom "Daig" und Bevölkerung unterstützg wird. Wo wird sonst noch mittels Volksabstimmung entschieden, ob zwei Picasso-Gemälde „Les deux frères“ und Arlequin gekauft werden sollen? Antworten
Gottfried Honegger fragt, warum die Stadt und der Kanton in Zürich kein nennenswertes Kunstwerk im öffentlichen Raum besitzt. Klar, weil zu viel Geld in die darstellende Kunst geht. Namentlich das Schauspielhaus und das Opernhaus absorbieren gewaltige Geldbeträge. Jeden Tag wird jeder Platz im Schauspielhaus mit 300 und im Opernhaus mit 800 Franken mit unseren Steuergeldern subventioniert. Antworten
Gottfried Honegger ist ein begnadeter Maler und Bildhauer. Entweder hat er aber nicht verstanden, worum es bei der Kunst im öffentlichen Raum geht, oder er hat es sehr wohl verstanden und schreibt dagegen an. Es geht nicht um die Kunst, sondern um die Profilierungssucht von Politikern, die sich auf Kosten der Steuerzahler ein Denkmal setzen wollen. Das Urteil muss sich jeder Leser selbst bilden Antworten





Szabo Karl
wir haben in unserer Stadt eine Kunstkommission, und wir haben eine Präsidialabteilung im Stadtrat, die für die öffentliche Kultur verantwortlich sind. Dort liegt das Grundübel! Antworten