Bereit zum Einlochen

Im Basler Kulturraum Hinterhof haben Künstler eine unkonventionelle Minigolfanlage gestaltet. Auf einigen Kursen ist der Ball ziemlich erotisch unterwegs.

Minigolf als Kunst: Mirjam Graf (links) und Carol Pfenninger mit «Kurt Cobain».

Minigolf als Kunst: Mirjam Graf (links) und Carol Pfenninger mit «Kurt Cobain». Bild: Sophie Stieger

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Da stockt einem erst mal der Minigolfschläger. Zwei in Jeans gekleidete Beine lugen unter einem Haufen weisser Stoffsäcke hervor. Die Beine sind leicht angewinkelt und etwas verdreht. In der Mitte führt eine schwarze Plastikschiene mitten ins Schwarze. Da soll der Ball rein? Ja, da muss er rein. Mitten in den Schritt des Verschütteten. Und dann noch der Name der Anlage: Kurt Cobain! Also los. Abschlagen ins heikle Ziel. Ein Schlag genügt, hinter den Stoffsäcken kommt der Ball tatsächlich wieder raus. Beim ersten Versuch eingelocht. Reichlich anstössig und morbid. Minigolf extrem.

Spiessiges Minigolf

Hinterhof lockt seit einem Jahr die Kunstszene ins Industriegebiet im Basler Dreispitz. In den Räumen finden neben Partys und Konzerten auch Ausstellungen des lokalen Kunstnachwuchses statt. Letztes Jahr war die WM-Übertragung mit Livekommentaren das Sommerprojekt – dieses Jahr ist es die Dachterrasse mit Minigolfbahn und Bar.

Doch warum ausgerechnet das als spiessig verschriene Minigolf? Die Idee dazu hatten die Kuratoren Johannes Willi und Thomas Keller. «In unserer Arbeit ist die Vermittlung zentral», sagt Willi. «Wir versuchen, einen einfachen Zugang zu den Ausstellungsstücken zu finden.» So wuchs die Idee von einer Minigolfanlage heran, in der verschiedene Künstler je eine Bahn gestalten. Bei der Auswahl war Willi wichtig, dass ihn nicht nur die Arbeiten überzeugten, sondern auch die Menschen dahinter.

Die Anlage mit dem harmlos klingenden Namen «Patisserie» besticht schon durch ihre Grösse. Ein oranger Wohnwagen steht als Herzstück des bespielbaren Kunstwerks im Kies. Und der Kurs ist anspruchsvoll. Zuerst wird um die Ecke gespielt, dann tritt man in die Welt von Glory Hazel ein: Nackte 70er-Jahre-Beautés und schnauzbärtige Paschas prangen, im Geschlechtsakt vertieft, von den Wänden; klar, bekommt da das Einlochen eine ganz neue Dimension.

Kinder dürfen auch

Hinter Glory Hazel stehen die Baslerinnen Sandra Lichtenstern und Sabine Fischer. Sie haben sich dem Darstellungsfeld der Pornografie verschrieben und sind berüchtigt für ihre «Pornographical Remixes» – Zusammenschnitte von Erotikstreifen der 60er- und 70er-Jahre. Selbst wenn die Bahn nicht ganz jugendfrei ist, will Kurator Willi auch Kinder spielen lassen. «Wenn die Eltern dabei sind und den Kindern erklären, was auf den Bildern zu sehen ist, sehe ich da kein Problem», sagt er lachend.

Doch der Minigolfparcours auf der neu eröffneten Dachterrasse des Hinterhof-Containers ist nicht nur ein Basler Kunstwerk: Drei Zürcher Design- und Künstlerduos steuerten je einen Bahnabschnitt bei. Darunter ist auch der eingangs erwähnte Nirvana-Frontmann Kurt Cobain unter den Stoffsäcken, ein Werk von Mirjam Graf und Carol Pfenninger. Einen besonders kräftigen und präzisen Schlag erfordert die Bahn des Duos Kueng Caputo. Die beiden Zürcher Sarah Kueng und Lovis Caputo bauten ein graues Plastikrohr, das sich von der Dachterrasse ins untere Stockwerk windet – wer da nicht mit viel Gefühl und ebenso viel Kraft gleichzeitig zuschlägt, sieht den Ball wieder rückwärts aus dem Rohr und frech zurück an den Startort rollen. Die wahre, weil karge Schönheit der Anlage entfaltet sich aber erst, wenn man zurück ins Erdgeschoss geht, um sich den Ball zu holen und an die nächste Bahn zu treten.

Dort, im Erdgeschoss, steht auch der Beitrag des Künstlerpaars Heidy Baggenstos und Andreas Rudolf. Auf ihrer Bahn erklimmt man zu Spielbeginn zuerst mal einen Töggelikasten und schlagen dann von dort aus ab. Die Mitspieler können dabei mit den bunten Töggelikastenfiguren den Abschlag vom Kasten auf die Bodenebene vereiteln. Aber auch am Boden angelangt, braucht man viel Geschick, um in eines der zwei Löcher zu treffen. Das legendäre Hole-in-one, es ist hier unmöglich.

Es geht weiter – wo auch immer

So umtriebig und erfolgreich die Betreiber des Hinterhofs auch sind – ihr Mietvertrag läuft Ende des Jahres aus. «Wir wissen noch nicht, ob wir danach bleiben können und wie es weitergeht», sagt Willi. «Alle Beteiligten haben Tausende von Stunden investiert, ohne zu wissen, was die Zukunft bringt.» Würde der Hinterhof geschlossen, wäre ein grosser Teil der Arbeit dahin. Allerdings hat das Hinterhof-Team schon andere Lokalitäten angeboten bekommen. Es wird also trotz unsicherer Zukunft weitermachen. Irgendwo. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.06.2011, 19:45 Uhr

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