Das Zwinglianische war seine Sprache

Er war streitbar, unermüdlich und bis zuletzt aktiv und kreativ: Gottfried Honegger, einer der letzten grossen Vertreter der Tradition der konkreten Kunst, ist 98-jährig gestorben.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«34 699 Tage gelebt»: Diesen Titel gab Gottfried Honegger dem Buch, das 2012 zu seinem 95. Geburtstag erschienen ist. Gelebt: Das meint nicht nur ein langes, sondern auch ein intensives Leben. Und intensiv bedeutet bei Honegger zugleich engagiert, und zwar künstlerisch, gestalterisch, politisch und schreibend, immer suchend und fragend, aber auch streitbar.

Seine Streitbarkeit widerspiegelt sich ebenso in Publikationstiteln: «trotzallem» hiess 2002 der Katalog zur Ausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein, «Kunst als Bekenntnis» ein Band, der eine Werkübersicht über die Jahre 1935 bis 2006 bot. Und 2013 gab Honegger, der 1987 den Kunstpreis der Stadt Zürich erhielt, ein Buch heraus, das einen für ihn kennzeichnenden Titel hatte – eine Polemik gegen die Zürcher Kulturpolitik, in die er sich immer wieder einmischte: «In Zürich gestorben, in Zürich vergessen».

Honegger erinnert darin an 50 Persönlichkeiten, die viel für Zürich geleistet haben, deren Einsatz nach der Ansicht von Honegger aber nie richtig honoriert wurde: so zum Beispiel Max Frisch, der Verleger Emil Oprecht, die Fotografin ­Binia Bill, der marxistische Denker Konrad Farner oder der konkrete Künstler Camille Graeser.

«Gaggalari-Züüg»

Selbstverständlich mischte sich Honegger auch in die Diskussion um die Kunst im öffentlichen Raum in Zürich ein. «Ausdruck der Arroganz sogenannter Künstler» lautete am 7. September 2010 der Titel eines Artikels im «Tages-Anzeiger». Er, der selbst viele öffentliche Plätze in der Schweiz, Deutschland und Frankreich gestaltet hatte, konnte in diesem Zusammenhang ohne weiteres undifferenziert werden und etwa von «infantilen Dummheiten» oder von «Gaggalari-Züüg» sprechen.

Das gehörte zu Honegger ebenso wie sein Engagement für die demokratische Kunstvermittlung, die er in einem Kunstzentrum in Südfrankreich, in Mouans-Sartoux zusammen mit seiner Partnerin Sybil Albers aufbaute.

Eine Kindheit in den Bergen

Ja, Honegger war sehr streng – und zugleich sehr sensibel. In manchen ­Interviews und in Erinnerungsaufsätzen führte er diese innere Spannung auf seine Kindheit zurück. 1917 im engadinischen Sent geboren, verbrachte er seine frühe Kindheit in den Bergen, war Hüterbub und sprach romanisch. Dann kam er nach Zürich, wo sein Vater eng mit der Arbeiterbewegung verbunden war, aber wie die Mutter, die kulturell sensible Bauerntochter, zugleich streng religiös fühlte und lebte.

Das Missionarische ist dem Agnostiker Honegger wohl geblieben. Er machte eine Lehre als Schaufensterdekorateur und gründete bereits 1938 mit seiner späteren Ehefrau Warja Lavater ein eigenes Atelier für Grafik, Dekoration und Fotografie. Erste Erfolge hatte das Paar an der Landi von 1939, weitere folgten, zum Beispiel die Gestaltung des eingängigen und bekannten Drei-Schlüssel-Signets für den damaligen Bankverein und die heutige UBS.

Honeggers Atelier an der Zürcher Kirchgasse wurde bald zum intellektuellen Treffpunkt: Max Bill und Max Frisch, Le Corbusier und viele andere kamen zu den Debatten am Jour fixe. Honegger ­etwas sentimental im Rückblick: «genau das fehlt heute / aus dem WIR von einst / ist heute ein ICH geworden / die Intellektuellen / schweigen.»

Ein fürstlicher Monatslohn

Seiner Neigung zur freien Kunst konnte Honegger erst 1960 nachgehen, nachdem er für die Geigy AG Chefgrafiker für Nord- und Lateinamerika gewesen war, bei dieser Gelegenheit aber auch Freundschaften mit den Malern Sam Francis, Al Held und Mark Rothko schloss. Er hatte, wie er einmal in einem Fernsehgespräch verriet, damals ein Monatseinkommen von sage und schreibe 50 000 Franken; das erlaubte ihm dann, sich in Paris als freier Künstler niederzulassen.

So, wie er als Gestalter einer strengen Linie folgt, so auch als Künstler. Das Zwinglianische der Konkreten ist seine Sprache. Honegger begründet dies letztlich gesellschaftlich und politisch: Die Figuration, so wiederholt er, schränke ein, gebe dem Betrachter keine Freiheit. Ein Baum sei ein Baum – und je näher der Mensch also in der Kunst der Natur stehe, desto unfreier sei er.

Die Kunst als Botschaft

In den reduzierten geometrischen Formen aber könne jeder seine Fantasie einbringen, selber sehen und denken. Die Reduktion sei deswegen demokratisch. Honegger wiederum polemisch: «Lieber ein gut gemaltes Quadrat als eine schlecht gemalte Figur.» Und, so ein Tagebucheintrag vom 7. Dezember 1983: «Kunst als Politik? Ich kann es schon bald nicht mehr hören. Wenn sie doch alle wüssten, dass Kunst per definitionem politisch ist. Kunst, die nicht durch ihre Form politisch ist, ist keine Kunst. Che Guevara oder die Armut darstellen oder wie immer auch den Sozialismus in Farbe umsetzen zeigt nur, dass der Malende nicht an die Form der Kunst glaubt. Die Kunst ist nicht Trägerin einer Botschaft, sie ist die Botschaft. Kunst ist subversiv in sich selbst.»

Das Geometrische stand jedoch bei Honegger, anders als bei Richard Paul Lohse, in einem dialektischen Verhältnis zum Interesse an einer bewegten Oberfläche und an bewegten Formen. Die Oberflächen sind in dieser Phase nicht perfekt, sondern vielfach geschichtet, teils durch das Collagieren mit Kartonplättchen. Ihr Objektcharakter ist wie ein Übergang zur Skulptur, die im späteren Werk Honeggers eine wichtige Rolle spielt. Honegger verbindet so die Logik und Systematik der konkreten Kunst geradezu systematisch mit Elementen der Einfühlung und des Zufalls.

Mathematik des Zufalls

Schon Anfang der 70er-Jahre experimentiert er mit computergesteuerten Zufallsberechnungen von Formen, vor allem mit der Kombination von Kreissegmenten. Wiederum ist das ein Bekenntnis: «Die Mathematik des Zufalls ist mitverantwortlich für die enorme Vielfalt der Natur. Ich brauche klare, durchsichtige Ordnungen, die spontanes Eingreifen zulassen. Unerklärbare Restposten sind mir immer ein Beleg, dass trotz Plan in dieser Welt zwei plus zwei nicht immer vier ergibt.» Das ist auch das Regelwerk, das hinter der Skulptur auf der Alfred-Altherr-Terrasse in Zürich steht.

1998 verlegte Honegger seinen Wohnsitz von Paris nach Cannes, 2004 schenkte er die Sammlung Albers-Honegger dem französischen Staat, nachdem Zürich abgelehnt hatte. 2005 kehrte der Künstler nach Zürich zurück – und arbeitete jeden Tag von 8.30 Uhr bis 17 Uhr in seinem Atelier.

«Mit der Kunst muss man leben, jeden Tag», sagt Honegger im Dokumentarfilm «Für eine schöne Welt», der jetzt im Kino läuft. Der Filmemacher Erich Langjahr hat für dieses Porträt den bis zuletzt äusserst präsenten Künstler zu Hause besucht und an die Vernissage seiner letzten Ausstellung begleitet. «Entweder hast du eine Geometrie oder du hast keine», sagt Honegger darin streitlustig mit einem durchdringenden Blick. Und legt beredt Zeugnis davon ab, wie viel gute Geometrie ihm selbst zeitlebens zur Verfügung stand.

Wer im Alter aktiv bleibe, werde ­weniger krank, sagte er immer wieder. Und: Alte Leute seien nicht leere Büchsen. Aber der Tod, sinnierte Honegger einmal, der Tod sei eine Sache, die wir nicht verstehen könnten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 17.01.2016, 16:37 Uhr)

Artikel zum Thema

Künstler Gottfried Honegger gestorben

Der grosse Schweizer Maler und Plastiker ist im Alter von 98 Jahren gestorben. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Werbung

Blogs

Blog Mag Völlig unmöglich

Geldblog Dividendenjäger scharf auf die UBS

Anzeigen

Die Welt in Bildern

Wenn der Säbel juckt: Als Wikinger verkleidet kämpfen australische Teilnehmer des St. Ives-Mittelalter-Festival in Sydney gegeneinander. (24. September 2016)
(Bild: Dan Himbrechts) Mehr...