Das zweite Leben der Starpianistin
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 10.11.2009
Informationen
Karina Wisniewskas Werke sind vom 13. bis 16. 11. an der Kunst Zürich, Internationale Messe für Gegenwartskunst, zu sehen: ABB Halle 550, Zürich Oerlikon, Silvan Faessler Fine Art Zug, Stand E1.
Bewegte Stille - Silent Dynamism. Hrsg. von Dominique von Burg. Benteli, Bern 2009, 175 S., ca. 48 Fr.
Stilvoll, schnörkellos, perfekt. Das Haus ist bis ins Detail stimmig gestaltet. Nichts stört. Ausser ein Rosenblatt. Es liegt auf dem schwarzen Steinboden. Karina Wisniewska bückt sich, um es aufzuheben, führt dann, vorbei an ihren eigenen Kunstwerken und weissen Ledersofas, treppab in ihr Atelier. Nein: ihren Tempel.
Ein ovaler Raum, sehr hell, sehr geräumig, sehr aufgeräumt. Karina Wisniewskas Stimme erzeugt ein Echo. Kein Pinsel in Sicht, weder Farbspuren auf dem Sichtbetonboden noch sonst ein Hinweis, dass da gemalt und mit Sand gearbeitet wird. Oder doch: An der Längswand stehen sorgfältig gestapelt Kunstwerke. Sie mag Ordnung, braucht Übersicht. Und Aussicht. Hinter den Fenstern der Herbst, die Limmat, die Badener Altstadt, hier drinnen ihr Universum. Ist sie ins künstlerische Schaffen vertieft, liegen bis zu drei grossformatige Leinwände auf dem Boden, Karina Wisniewska in Trainerhosen kniet darüber, malt, streut Quarzsand auf Gitterlinien und Kreisbögen, sorgfältig, konzentriert.
Pro Woche entsteht ein Bild, oft monochrom, tiefblau, leuchtend rot oder fluoreszierend orange. Ist ein Werk vollbracht, räumt Karina Wisniewska alles weg, die Stille wird noch intensiver. Da ruft der Flügel im Raum geradezu nach Fingern, die ihn klingen lassen. Seit wenigen Wochen steht er im Atelier, schwarz und glänzend. Schubert in Blassblau liegt obenauf, Karina Wisniewska sagt: «Ich bemühe mich, wieder jeden Tag zu spielen. Einfach für mich.»
Ein Unfall zur richtigen Zeit
Bis vor einigen Jahren spielte sie für die Welt. Im In- und Ausland trat sie als Klaviersolistin und Kammermusikerin auf, übte acht Stunden pro Tag mit dem Ziel, ein Werk möglichst perfekt zu interpretieren, im Scheinwerferlicht die unendliche Arbeit zu vergessen, um in die Energie des Komponisten einzutauchen und sie Tausenden von Ohren weiterzugeben. Sie jettete um den Erdball, trat unter anderem in der Berliner Philharmonie auf und schuf zehn preisgekrönte CD-Einspielungen. 1997 wurde sie zur Schweizer Musikerin des Jahres gewählt und in Venedig - ihrem Geburtsort - mit dem Europäischen Kulturpreis ausgezeichnet. Drei Jahre später berührte sie keine Taste mehr.
Der Bruch ihres Lebens passierte in der Küche. Genau vor zehn Jahren schnitt sie sich mit einer Schere in den linken Mittelfinger, tief bis auf den Knochen. Sie sah das Blut und dachte nur: Das ist der Wendepunkt. Schmerz fühlte sie da noch kaum, weder physisch noch im übertragenen Sinne, so fuhr sie sich selbst ins Spital. Es wurde genäht und ihr beschieden: Wolle sie je wieder Klavier spielen, müsse sie eine Nachtherapie zwecks Heilung der Fingernerven über sich ergehen lassen. Sie, die seit dem fünften Lebensjahr täglich Klavier gespielt und für diese Leidenschaft alles gegeben hatte, musste, damals 33 Jahre alt, plötzlich für Monate ohne über die Runden kommen.
Karina Wisniewska erzählt ungerührt davon, kühl fast, ein feiner heller Strich auf der Kuppe des linken Mittelfingers bezeugt die Geschichte. Wie überlebt man einen solchen Schnitt, wie geht es weiter, wenn es plötzlich nicht mehr weitergehen kann wie bisher? «Ich habe den Autopiloten eingesetzt», sagt sie, sämtliche Konzerte abgesagt und bald begonnen zu malen - mit rechts, der unverletzten Hand. «Das war ein Malrausch, ich war monatelang da drin, wie wahnsinnig.» Alles, was sie sonst am Klavier ausleben konnte, strömte nun über Pinsel aufs Papier.
Nach einem Jahr hätte sie sich wieder ans Piano setzen können. Tat sie nicht. «Ich wollte nicht mehr in dieses Leben.» Bruch total, Unfall als Chance? Wisniewska sagt, sie habe das Business satt gehabt, sei dermassen eingespannt und unendlich einsam auf der grossen Bühne am kleinen Klavier gewesen, dass sie bereit gewesen sei, alles loszulassen. Ihren Konzertflügel verkaufte sie.
Von null auf hundert
Ein Jahr später stellte das Musée Abbatiale in Payerne ihre Bilder aus, nebst Werken von Kandinsky, Miro, Schwitters und Poliakow. Start als Kunstmalerin von null auf hundert. Von da an meldeten sich Galerien aus aller Welt, derzeit sind ihre abstrakten Malereien in New York, Melbourne und Hongkong zu sehen. Kürzlich hat sie an den Architekten Lord Norman Foster verkauft, in Miami schmücken 15 ihrer Werke die Lobby und Gänge eines Luxushotels. «Bewegte Stille» heisst ihre erste Monografie, die soeben im Benteli-Verlag erschienen ist und 100 Kunstwerke zeigt.
Die 43-Jährige versucht, stolz darauf zu sein. Das fällt ihr nicht leicht. Was sie als Pianistin zur Höchstleistung angespornt hatte, sieht sie heute auch als Schwäche: die Sehnsucht nach Perfektion, ihre Strenge, das Immer-noch-mehr-erreichen-Wollen, von Selbstdisziplin durchtrieben. «Jetzt will ich lernen, mich zu freuen, dass mir eine Verästelung auf einem Bild gelungen ist. Einfach zufrieden sein. Mich nicht mehr im Aussen suchen.»
Wie wird eine ehemalige Starpianistin denn in der Kunstwelt aufgenommen? Hilft ihr die ruhmreiche Vergangenheit, oder nimmt man sie deswegen weniger ernst? Beides wohl. Kritiker mögen in Karina Wisniewska die Musikerin sehen, die sich nun auch noch mit dem Pinsel versucht, Wohlgesinnte betrachten ihre Musikkarriere als einzigartig befruchtend für ihr heutiges Schaffen. Einige Bilder sind Hommagen an Komponisten. Die Kunst- und Architekturhistorikerin Dominique von Burg spricht von einer «lebendigen Symbiose» zwischen Musik und Malerei. Die Künstlerin selbst drückt es so aus: «Eine Klangfarbe am Klavier ist gleich wie ein Farbklang im Bild.» Nicht dass sie Musik hören würde während des Schaffens, sie braucht dazu Stille. Aber Melodie ist allgegenwärtig in ihrem Kopf. Karina Wisniewska wünscht sich, dass ihre Bilder beim Betrachten «etwas zum Klingen bringen».
Jederzeit aufhören können
Karina Wisniewska, die mit einem Juristen verheiratet ist, bereut nicht, dass sie ihr Leben aus dem Rampenlicht in ein Atelier verlegt hat, das ohne Applaus funktioniert. Und doch schwingt da Schmerz mit, wenn sie erzählt, dass sie bis vor kurzem keinen Konzertsaal betreten konnte und es noch heute kaum schafft, ihre Musik zu hören. «Es holt mich zurück in eine Welt, die nicht mehr ist.»
Endlichkeit ist ein Thema, das sie von klein auf begleitet. Als Tochter einer Polin und eines Schweizer Diplomaten verbrachte sie ihre ersten Jahre in Italien, Ägypten und den USA. Ihr Vater starb, als sie vier war; «Heimatlosigkeit» ist ein Ausdruck, den sie oft verwendet. Zwar lebt sie nun seit drei Jahren im eigenen Haus in Ennetbaden. «Ich könnte mich aber jederzeit von allem trennen», sagt sie so bestimmt, dass man nicht daran zu zweifeln wagt. Aufhören, sich losmachen. Ausser wohl von ihrer Begabung: dem Vergänglichen mit Kreativität zu trotzen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.11.2009, 08:46 Uhr





