«Den USA ist Ai Weiwei zu wenig wichtig»

Der chinesische Kurator Li Zhenhua über die Gründe der Freilassung und die Haftbedingungen im Fall Ai Weiwei.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wieso wurde Ai Weiwei plötzlich freigelassen?
Es gab Gerüchte, dass Ai hinter einer chinesischen Jasmin-Revolution stand. Das könnte der ursprüngliche Grund gewesen sein, weshalb man ihn verhaftete. Vielleicht hat man nun gemerkt, dass das nicht wahr ist. Respektive man hat keine zwingenden Beweise gefunden.

Es heisst, Ai Weiwei sei wegen schlechter Gesundheit auf Kaution freigekommen.
Ich glaube nicht, dass man ihn schlecht behandelt hat. Er hatte schon vorher gesundheitliche Probleme. Politische Häftlinge werden im Gegensatz zu normalen Häftlingen in der Regel gut behandelt.

Haben die internationalen Proteste etwas bewirkt?
Nein. Die Proteste dauern ja seit 20 Jahren an, bewirkt haben sie nichts. Dank seiner Wirtschaftskraft ist China heute so selbstbewusst, dass man Kritik nicht ernst nimmt. Das Einzige, was der Westen unternehmen kann, sind Deals: Amerika erleichtert administrative Hürden für emigrierende Chinesen – im Gegenzug nimmt man sich beispielsweise in Tibet etwas zurück.

Dann haben die Amerikaner vielleicht Ai Weiwei «freigekauft»?
Kaum. Dafür ist er ihnen wohl zu wenig wichtig, er ist ja kein politischer Aktivist, sondern ein Künstler. Vielleicht ist auch das letztlich der Grund, weshalb er freikam.

Immerhin hat er seine Stimme immer wieder gegen die Regierung erhoben.
Ja, aber er hat keine politischen Ziele, wie etwa Nobelpreisträger Liu Xiaobo – der ja immer noch im Gefängnis ist. Liu Xiaobo will konkret die Partei verändern. Ai hingegen ist vor allem wütend.

Ai Weiweis Vater genoss hohes Ansehen innerhalb der Regierung. Hat das eine Rolle gespielt, bei der Freilassung?
Ja, vielleicht hat sich einer der alten Freunde seines Vaters für ihn eingesetzt. Vielleicht war man sich innerhalb der Regierung auch nicht über Ai Weiweis Schicksal einig. Nicht alle mächtigen Regierungsvertreter sind gegenüber kritischen Stimmen feindlich eingestellt. Die Politik in China ist komplexer, als man es sich vorstellen kann.

Was passiert jetzt mit Ai Weiwei? Kann er das Land verlassen?
Eventuell wenn er Freunde hat, die ihm auf diplomatischem Weg aus dem Land helfen können. Wobei das durchaus auch eine Absicht der Behörden sein kann, um Ai Weiwei loszuwerden. Das war 1989 auch so, damals hat man einige der gefangenen Dissidenten nach Amerika gelassen. Als sie zurückwollten, liess man sie nicht mehr ins Land.

Allerdings besteht auch die Möglichkeit, dass er wieder ins Gefängnis muss.
Natürlich. Oder aber Ai Weiwei zahlt Geld, im Gegenzug lässt die Polizei den Vorwurf der Steuerhinterziehung fallen.

Werden wir jemals erfahren, worum es genau ging? Wird Ai Weiwei darüber reden?
Kaum, die Wahrheit würde wohl andere Leute in Schwierigkeiten bringen. Und warum sollte er? Er ist wieder bei seiner Familie. Er hatte Glück.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.06.2011, 13:13 Uhr

Li Zhenhua kennt Ai Weiwei persönlich. Der Pekinger ist Multimedia-Künstler, Kurator und Produzent. Seit 1996 arbeitet er sowohl mit chinesischer als auch mit internationaler zeitgenössischer Kunst und Kultur.

Infobox

Das Aussenministerium in Peking bestätigte am Donnerstag, dass der regimekritische Künstler Ai Weiwei auf Kaution freigelassen worden sei. Es werde aber weiter gegen ihn ermittelt, sein Haus dürfe er nicht ohne Erlaubnis verlassen. Diese Bedingung sei Bestandteil der Freilassung auf Kaution. Der Ministeriumssprecher Hong Lei wollte allerdings nicht ausdrücklich bestätigen, dass Ai unter Hausarrest stehe.

Der prominente Regierungskritiker war Anfang April am Pekinger Flughafen kurz vor einer geplanten Abreise nach Hongkong und Europa festgenommen worden. Der unter Diabetes leidende 54-Jährige wurde seitdem an einem unbekannten Ort festgehalten. Nur seine Ehefrau Lu Qing durfte ihn im Mai kurz besuchen. International war Ais Festnahme scharf kritisiert worden.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis sagte Ai, es gehe ihm gut. «Ich bin sehr glücklich, frei zu sein, und ich bin sehr glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein.» Über die Umstände seiner Freilassung wollte er keine genaueren Angaben machen: «Ich bin auf Kaution frei, daher kann ich keine Informationen geben.»

Artikel zum Thema

Ai Weiwei: «Ich bin wieder zu Hause»

Nach knapp drei Monaten in Haft ist der chinesische Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei gegen Kaution aus der Haft entlassen worden. Es gehe ihm gut. Er soll ein Geständnis abgelegt haben. Mehr...

Ai Weiwei spricht: Interviews in Buchform

Der bei der chinesischen Regierung in Ungnade gefallene und seit Anfang April inhaftierte Künstler Ai Weiwei kommt in einem neu erscheinenden Gesprächsband nun selbst zu Wort. Mehr...

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Blogs

Welttheater Hongkong, die Eiskönigin

Beruf + Berufung Ein Management-Exorzist will die Macht neu verteilen

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...