«Der Löwenanteil der zeitgenössischen Kunst wird schlecht altern»

Der englische Kunstkritiker Will Gompertz hält Messen wie die Art Basel Hong Kong, die heute eröffnet wird, für vulgär, aber verwegen. Kunstwerke sind für ihn perfekte Produkte des kapitalistischen Zeitalters.

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Was halten Sie von riesigen Kunstmessen wie der Art Basel Hong Kong?
In den letzten Jahren vermehrten sich Kunstmessen wie Margeriten auf einem Sommerrasen – und sie sind ähnlich betörend. Auf der einen Seite vulgär, sind sie auch verwegen und auf eine unterhaltsame Art theatralisch. Man muss sich derzeit damit abfinden, dass sie sehr glitzernd daherkommen.

Welche Rolle spielt das viele Geld, das aus China und Russland in den Markt strömt?
Es ist zum Teil verrückt, was sich dort abspielt. Wenn zum Beispiel in China oder Indien zwanzig schwerreiche Investoren einen bestimmten Künstler ins Visier nehmen, können Sie sich vorstellen, was mit den Preisen passiert.

Die Preise für moderne Kunst scheinen unbeeindruckt von der Wirtschaftskrise.
Ja, Kunst ist für reiche Zeitgenossen nach wie vor eine gute Investmentmöglichkeit. Was nur logisch ist – ein Kunstwerk ist das perfekte Produkt unseres kapitalistischen Zeitalters: Als einzigartiger Gegenstand, der von vielen begehrt wird, bedient es mustergültig das Prinzip von Angebot und Nachfrage – was den Preis nach oben treibt.

Bedauern Sie das?
Für die erfolgreichen Künstler ist das natürlich toll. Doch es wird immer mehr Kunst von wenigen Starkünstlern gekauft, zu Lasten der weniger berühmten. Dafür sind auch die Auktionshäuser und Galerien verantwortlich. Um ihre hohen Kosten zu decken, meiden sie es, Kunst zu nehmen, bei der unsicher ist, ob sie sie absetzen können.

In seinem neuen Roman benützt Tom Wolfe die Art Basel Miami als Hintergrund für eine Geschichte über Exzesse und Vulgarität: Kunst als Eintrittsticket für die Neureichen und Oligarchen in die High Society.
Das ist eine arrogante Einschätzung. Wieso sollte man Neureiche – egal, wie sie zu ihrem Geld kamen – grundsätzlich von den Freuden der Kunst und des Kunstpatronats ausschliessen? Ausserdem haben Unternehmer seit je eine wichtige Rolle in der Kunstförderung gespielt. Wichtiger als klassenkämpferische Betrachtungen ist die Transparenz. Nur sehr wenige Leute wissen, welche Kunst in wessen Besitz ist. Einen Canaletto oder Picasso unter der Theke zu handeln, ist eine prima Möglichkeit, Geld zu waschen.

Asiatische Kunst liegt im Trend. Welche anderen Gestade gilt es zu entdecken?
Ich würde eher von unterschätzt sprechen als von unentdeckt. Die Kunstgeschichte, wie wir sie kennen, ist die Geschichte von weissen, westlichen Männern. Es wird in den nächsten Jahren aber eine Korrektur stattfinden, wenn Afrika und der Mittlere Osten auf die Landkarte rücken und im Kunstkanon ihren Platz finden. Man kann sich schon mal die Namen El Anatsui, William Kentridge und Ibrahim al-Salahi merken.

Wonach suchen Sie persönlich in einem Kunstwerk?
Nach Wahrheit, Intelligenz und Schönheit – in dieser Reihenfolge. Bei den Zeitgenossen finde ich das bei Wolfgang Tillmans, Lynette Yiadom-Boakye, Cecily Brown, Marina Abramovic und den frühen Werken von Anthony Caros.

In Ihrem neuen Buch «Was gibts zu sehen?» erklären Sie die zeitgenössische Kunst. Weshalb genau kann mein fünfjähriger Sohn keinen Pollock malen?
Pollocks Gemälde sind wie gemalte Urschreie, wobei der animalischen Leidenschaft des Künstlers ein Gefühl für Ordnung und Rhythmus innewohnt. Seine Arbeiten sind geprägt von Brutalität und Ehrlichkeit. Sie gründen auf Erfahrungen und einer Reife, die kein Fünfjähriger besitzt.

Wieso interessieren sich so viele Menschen für zeitgenössische Kunst, obwohl sie das Gefühl haben, sie verstünden sie nicht?
Wir alle wollen die Welt, in der wir leben, besser verstehen. Viele Menschen wissen und schätzen es, dass Künstler sich dieser Aufgabe widmen. Weil Künstler aber dazu tendieren, an neuen Ideen und Konzepten Gefallen zu haben, braucht es Zeit und einen gewissen Effort, bis man versteht, was sie zu sagen haben. Das war schon bei Van Gogh oder Manet der Fall, die zeit ihres Lebens verkannt worden sind.

Die Kunstszene gilt als unnahbar und snobistisch. Wie viel Wahrheit steckt in diesem Klischee?
Wie andere Gruppen, die sich professionell mit etwas beschäftigen, stecken Kunstmenschen tief in ihrer Materie drin und reden in einer Sprache darüber, die sich für andere kompliziert anhört. Das mag abschrecken, ist bei Ärzten etwa aber nicht anders.

Was sagen Sie Menschen, die zeitgenössische Kunst verstehen wollen – es aber nicht können?
Dass sie sich fragen sollen: Was versucht mir der Künstler zu sagen? Kunst ist eigentlich eine Bildsprache, die ein Einzelner verwendet, um sich an viele zu richten. Und wie bei jeder Sprache ist es so, dass man die Sprache der Kunst erlernen muss – was nicht schwierig ist. Natürlich ist es möglich, zeitgenössische Kunst auch ohne Vorkenntnisse zu geniessen, aber es macht mehr Spass, wenn man etwas darüber weiss. Wie Cézanne sagte: «Neue Kunst ist nichts anderes als eine Verbindung zum Alten.» Will man sie schätzen, sollte man wissen, welches ihr Platz im kunsthistorischen Kanon ist.

Dann hat Ai Weiwei recht, wenn er sagt, er verstehe Kunst nicht als Geheimcode.
Ja, es gibt keinen Geheimcode. Aber es gibt die Kunstgeschichte, die alle Kunst untereinander verbindet. Um Ai Weiweis Werk zu verstehen, sollte man zum Beispiel wissen, dass es sehr stark von Marcel Duchamp beeinflusst ist: «Alles ist Kunst, und jeder ist ein Künstler.»

Ai Weiweis Werk ist politisch – eine Ausnahme in der Kunstwelt?
Genau dafür bewundere ich ihn. Von allen Künstlern, die ich getroffen habe, hat er mich am meisten beeindruckt. Aber es stimmt schon: Gerade die jüngere Vergangenheit wurde von Kunst dominiert, die selbstreferenziell ist oder bloss unterhalten will. Angesichts der ausserordentlichen politischen Ereignisse und Verschiebungen der letzten 25 Jahre ist das enttäuschend.

Wie wird die Kunstwelt in zehn Jahren aussehen?
Grösser, aber nicht besser. Der grosse Bruch geschah bereits zu Beginn der 90er-Jahre, als eine neue Generation von Museumsdirektoren antrat, die Kunst in Verbindung mit dem Leben des modernen Menschen setzte – nicht mit jenem seiner Vorfahren.

Und wie sieht es mit der Kunst des 21. Jahrhunderts aus? Wird sie Bestand haben?
Ehrlich gesagt denke ich, dass der Löwenanteil der zeitgenössischen Kunst schlecht altern wird. Aber es gibt darunter genügend gute und wichtige Werke, die überdauern werden. Etwa jene von Louise Bourgeois oder Peter Doig. Oder jene von Fischli/Weiss. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.05.2013, 10:00 Uhr)

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Der 48-jährige Engländer Will Gompertz ist Kunstkorrespondent der BBC und schreibt regelmässig für die «Times» und den «Guardian». Zuvor war er Direktor bei der Londoner Tate Gallery. Vor zwei Jahren entwickelte Will Gompertz ausserdem eine Ein-Mann-Comedy-Show über moderne Kunst und brachte sie beim Theaterfestival in Edinburgh auf die Bühne.

Will Gompertz : «Was gibt’s zu sehen?». Dumont Verlag.
480 Seiten. ISBN 978-3-8321-9710-0.

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