Der abtretende Kunsthauskurator und der gefälschte Rothko

Der Kunsthauskurator Oliver Wick hat seine Kündigung eingereicht. Das Museum bestreitet einen Zusammenhang mit einer hängigen Fälschungsklage.

Verlässt das Kunsthaus per Ende September: der angeklagte Kurator und Rothko-Experte Oliver Wick.

Verlässt das Kunsthaus per Ende September: der angeklagte Kurator und Rothko-Experte Oliver Wick. Bild: Markus Bühler-Rasom

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Es ist, gelinde gesagt, eine Überraschung: Kurator Oliver Wick hat beim Kunsthaus Zürich seine Kündigung eingereicht. Und das, nachdem er erst Ende Juni 2013 zum Team gestossen war. Besonders pikant: Die Kündigung kommt zu einem Zeitpunkt, der Spekulationen Tür und Tor öffnet. Erst vergangene Woche wurde bekannt, dass gegen den 52-jährigen Kunsthistoriker Klage eingereicht worden war. Angeblich soll Wick ein gefälschtes Gemälde von Mark Rothko als echt zertifiziert haben. Imposant ist nicht nur der Kläger – der milliardenschwere Casino-Betreiber und Kunstsammler Frank J. Fertitta III aus Las Vegas, der «Untitled (Orange, Red and Blue)» 2008 für 7,2 Millionen Franken erstand –, sondern auch die Summe, die Wick für seine Beurteilung einstrich: 300'000 Dollar soll ihm die New Yorker Galerie Knoedler, die das Werk verkaufte, überwiesen haben. Ein Betrag, der übliche Expertisenhonorare weit übertrifft.

«Herrn Wicks Kündigung hat mit der Anklage nichts zu tun», erklärte gestern Kunsthauspressesprecherin Kristin Steiner. Dass man Wick einen Rücktritt nahegelegt oder ihn gar entlassen habe, verneint sie mit Nachdruck. Vielmehr habe Wick gemerkt, dass ihm die Arbeit als freier Kurator mehr entspreche als eine feste Bindung an ein Haus. Weiter möchte man sich am Heimplatz nicht zu der Angelegenheit äussern. Schliesslich habe sich der Vorfall, der Wick zulasten gelegt wird, Jahre vor seiner Anstellung am Kunsthaus ereignet. Schweigen auch seitens der Fondation Beyeler, wo Wick in den letzten Jahren mehrere Ausstellungen gastkuratierte. «Zu einem laufenden Verfahren dürfen und möchten wir uns nicht äussern», heisst es in einer schriftlichen Stellungnahme lediglich. Auch Wick selbst schweigt.

Falsche Rothkos und Pollocks für 80 Millionen

Pikant ist der Hintergrund der Geschichte allemal: 2011 stellte die Galerie Knoedler Knall auf Fall den Betrieb ein, nachdem ihre Verwicklung in einen aufsehenerregenden Kunstfälscherskandal publik geworden war. Es zeigte sich, dass die Kunsthändlerin Glafira Rosales von einem chinesischen Einwanderer Dutzende Gemälde von Rothko, Jackson Pollock sowie Willem de Kooning hatte fälschen lassen, die sie über einen Zeitraum von 14 Jahren über die Galerie zu Geld machte – die Rede ist von 60 bis 80 Millionen Dollar. Rosales bekannte sich im vergangenen September schuldig; ihr drohen bis zu 99 Jahre Haft.

Ganz so dramatisch dürften die Konsequenzen für Wick nicht sein. Um eine saftige Busse würde er, sollte sich der Vorwurf tatsächlich als wahr erweisen, allerdings nicht herumkommen. Man erinnert sich an den Fall Werner Spies: Der deutsche Kunsthistoriker war vergangenes Jahr zu einem Strafgeld von rund 653'000 Euro verurteilt worden, nachdem er eine Max-Ernst-Fälschung für echt erklärt hatte.

Schwerer als die Busssumme dürfte für einen angesehenen Experten freilich der ramponierte Ruf wiegen. Wick gilt als ausgezeichneter Fachmann, hatte von 1995 bis 2009 die PR-Stelle für den Schweizer Beitrag an der Venedig-Biennale inne, kuratierte Ausstellungen – auch zu Mark Rothko –, die weit über die Landesgrenzen hinaus gelobt wurden. 2008 erschien seine Rothko-Monografie. Im Kunsthaus, das er per Ende September verlässt, wird am 10. Oktober seine mit Spannung erwartete Schau zu Egon Schiele und Jenny Saville – eine von Wicks typisch unkonventionellen Kombinationen – anlaufen. Man wird sie wohl mit einem schalen Gefühl besuchen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.04.2014, 15:03 Uhr)

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