Der kritischste Künstler der Welt
Ai Weiwei ist ein mutiger Mann. Selbst Übergriffe der Polizei bringen ihn nicht zum Verstummen. Hartnäckig beschäftigt er sich mit Themen, die der chinesischen Regierung äusserst unangenehm sind. So mit dem Erdbeben, das im Mai letzten Jahres die chinesische Provinz Sichuan erschütterte. Zahlreiche fahrlässig errichtete Gebäude stürzten ein, vor allem Schulen. Obwohl die chinesische Regierung alle Nachforschungen zu verhindern versuchte, recherchierte Ai Weiwei 4000 Namen getöteter Schulkinder und veröffentlichte sie auf seinem Blog. Bevor er als Zeuge vor Gericht aussagen konnte, brachen Polizisten in sein Hotel ein und nahmen ihn fest. Die Folge dieser Misshandlung, eine Blutung, stellte sich später als lebensbedrohlich heraus.
Ai Weiwei musste operiert werden. Kurz danach nahm er bereits wieder an der Ausstellungseröffnung in München teil. «Darum dreht sich doch die Freiheit: alles infragezustellen», meint der Sohn des Poeten und Regimekritikers Ai Qing und bloggte auch aus dem Krankenhaus.
Bauen in der Mongolei
Der Künstler und Aktivist, der Mitte der Neunzigerjahre den Schweizer Kunstsammler Uli Sigg kennen lernte, avancierte später zur einflussreichen, im Westen viel beachteten Stimme – nicht zuletzt über die Zusammenarbeit mit Herzog & de Meuron am chinesischen Olympiastadion. Gemeinsam mit den beiden Basler Architekten realisiert Ai Weiwei zurzeit sein grösstes Architekturprojekt «Ordos 100», eine Wohnsiedlung in der Mongolei.
Vor dem Rundgang durch die Münchner Ausstellung beeindruckt die farbige Wandinstallation «Remembering» an der Fassade des Museums. Die pixelhafte Anordnung von 9000 Rucksäcken zu chinesischen Schriftzeichen ergibt den Satz «Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt» – mit diesen Worten hatte eine Mutter ihrer Tochter, eines Erdbebenopfers, gedacht.
Ebenfalls für die Münchner Ausstellung entstanden ist der Wollteppich «Soft Ground», der steinerne Bodenfliesen imitiert. Darauf wirkt «Rooted upon», eine Ansammlung von hundert Baumwurzeln aus China, umso archaischer. Zu Haufen getürmte Sonnenblumensamen aus Porzellan animieren Besucher ebenso zum Nachdenken wie verfremdete chinesische Holzmanufakturen. Die Objekte stellen stumm die Frage in den Raum: Wer bestimmt, was kostbar ist – und was ist in einer Gesellschaft von bleibendem Wert?
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.12.2009, 09:38 Uhr
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