Design war für Max Bill ein Schimpfwort
"Konstruktion aus drei kreisscheiben, 1945/46" von Max Bill im Kunstmuseum Winterthur, im Januar 2008.
Artikel zum Thema
100 Jahre Max Bill
Ausstellung
«max bill 100», Haus Konstruktiv, Zürich, bis zum 22. März 2009. www.hauskonstruktiv.ch
Katalog
«Kunststoffe», Margit Weinberg Staber, Texte seit 1960, 431 Seiten.
Buch
Angela Thomas: «mit subversivem glanz - max bill und seine zeit», Scheidegger und Spiess, 575 Seiten.
* Katharina Altemeier ist leitende Redaktorin der Zeitschrift «form».
«heute ist die gestalterei zu einer modeerscheinung geworden und ist nun gleichbedeutend wie design: die funktion ist nicht mehr «die übereinstimmung aller funktionen = gestalt», die «funktion der gestalterei» rangiert zwischen verkaufsförderung und spielerei. (...) das nützliche, das auf schöne art bescheidene, gibt es kaum mehr.» Max Bill, 1988
Wenn es darum ging, Stellung zu gesellschaftlichen oder kulturpolitischen Tendenzen zu beziehen, nahm Max Bill kein Blatt vor den Mund. So auch in seinem Artikel «Die Funktion der gestalteten Objekte», der Ende der Achtzigerjahre in der «Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte» erschien. Der Begriff Design dient Bill darin lediglich als Schimpfwort, gleichbedeutend mit einer Modeströmung, die rein kommerzielle Interessen verfolgt. Der an Konsumzwang leidenden «Wegwerfgesellschaft» attestiert er «krankhafte Kulturlosigkeit». Kaum auszudenken, was für drastische Worte Max Bill heute, zwanzig Jahre später, für die schnelllebige, von Messe zu Messe und von Trend zu Trend hechelnde Designszene übrig hätte.
Die Form drückt die Funktion aus
Wer sich derart kritisch äussert, eckt schnell an. Dass Bill nicht zuletzt wegen seines politischen Engagements im Gemeinderat der Stadt Zürich und im Nationalrat den Ruf eines ungemütlichen Querulanten hatte, ist unbestritten. Ausserdem gerät man mit einer Früher-war-alles-besser-Argumentation auch leicht unter Verdacht, ein verbitterter Kulturpessimist, wenigstens aber ein depressiver Nostalgiker zu sein.
Doch genau das trifft auf Max Bill nicht zu. Im Gegenteil. Er war ganz und gar nicht rückwärtsgewandt, und viele seiner Ideen und Ansätze erhalten vor dem Hintergrund derzeitiger Entwicklungen im Design neue Aktualität. «Das Design ist heute viel lauter als noch vor zehn Jahren. Heute liegt der Fokus vor allem auf der Expressivität der Produkte, es geht mehr um die Inszenierung der Form als um Form und Funktion an sich», kritisiert der Zürcher Designer Frédéric Dedelley, der vor acht Jahren mit dem Preis der Max Bill/Georges Vantongerloo Stiftung ausgezeichnet wurde. Die Verwandtschaft seiner Arbeit zu Bills gestalterischem Werk sieht Dedelley darin, dass es ihm ebenfalls darum gehe, Funktion durch Form auszudrücken.
Für Bill war Schönheit eine Funktion, die es zu gestalten galt. Er propagierte «Schönheit aus Funktion und als Funktion», wie er es 1949 formulierte. Mit diesem Credo brach er mit der Tradition des Deutschen und des Schweizerischen Werkbundes, die Produkte in erster Linie nach funktionalen und nicht nach ästhetischen Gesichtspunkten beurteilten. Was damals als Tabubruch galt, klingt heute eher nach sprödem Purismus. Auch Dedelley ist sich bewusst, dass ein pragmatischer Ansatz à la Bill zurzeit nicht sehr gefragt ist. «Noch dreht sich das Rad, aber irgendwann werden wir dieses laute, überinszenierte Design satt haben und zurückgehen, die Dinge wieder einfacher und leiser machen. Und ich glaube, wenn man etwas von Max Bill lernen kann, dann genau das.»
Dass sich das Rad künftig langsamer dreht, dazu könnte eventuell auch die weltweite Finanzkrise beitragen. Bisher ist zwar nicht absehbar, ob und wie sich die Krise langfristig auf die Möbel- und Produktindustrie auswirkt. Im besten Fall könnte sie für Designer aber auch eine Chance bedeuten. Eine Chance dafür, dass die Marketingfixiertheit in den Hintergrund tritt zugunsten eines verantwortungsvollen Designs, das Nachhaltigkeit und somit einen intelligenten Umgang mit Ressourcen beinhaltet – Maximen, von denen Max Bill von jeher überzeugt war und die er auch in die Tat umsetzte.
Kritik an der Wegwerfmentalität
Bestes und bekanntestes Beispiel: der Ulmer Hocker, den Bill zusammen mit Hans Gugelot 1954 an der Ulmer Hochschule für Gestaltung aus drei Tannenbrettern und einem Stück Besenstiel entwarf. Heute würde man das vermutlich Recycling-Design nennen. Bill sprach vom Prinzip der äussersten Materialausnützung und meinte damit: maximale Wirkung mit einem Minimum an Materie zu erzielen. Eine Philosophie, die man natürlich vor dem Hintergrund nachkriegsbedingter Mittelknappheit sehen muss, die für Bills Gestaltung aber auch in den Folgejahren massgeblich blieb. Genauso wie sein Ziel, Produkte zu konzipieren, die langlebig sind.
Bill kritisierte schon Ende der Vierzigerjahre die Warenästhetik der aufkommenden Konsumgesellschaft, die sich durch massenhaft hergestellte Wegwerfprodukte auszeichnete, und setzte ihr «die gute Form» entgegen. Er konzipierte eine internationale Wanderausstellung, um den Menschen anhand von ausgewählten Beispielen deutlich zu machen, dass funktionelles, sachliches und trotzdem ästhetisches Design modische Strömungen überdauert. Ob es Sinn ergibt, auf diese pädagogisch-dogmatische Art Design zu vermitteln, sei hier erst mal dahingestellt. Tatsache ist, dass Entwürfe, die dauerhaft funktionieren, im Rahmen der Nachhaltigkeitsdebatte im Design auch heute ein wichtiger Aspekt sind.
Der Designer als Künstler
Stark von seiner Zeit am Bauhaus geprägt, engagierte sich Bill für seine Vorstellungen von verantwortungsbewusstem Design im Sinne einer sozialen und kulturellen Verantwortung auch in der Lehre. Mitte der Vierzigerjahre gab er Kurse in Formlehre an der Kunstgewerbeschule in Zürich, und ab 1950 entwarf er nicht nur die Architektur, sondern auch das pädagogische Konzept der als Weiterentwicklung des Bauhauses gedachten Hochschule für Gestaltung in Ulm.
Als deren erster Rektor war es Bills pädagogisches Anliegen, in Anlehnung an das Bauhaus-Modell Kunst und Gestaltung unter einem Dach zu vereinen. Bildende Kunst als Unterrichtsfach liess er zwar nicht zu, dafür unterrichteten Künstler wie zum Beispiel Josef Albers. Obwohl Bill die Grenzen zwischen reiner Kunst und angewandter Kunst stets betonte, sah er den Designer gleichzeitig als Künstler. Allerdings nicht als weltfremden Künstler im Elfenbeinturm, sondern als jemanden, der auf pragmatische Art und Weise Lösungen für Probleme in der Gesellschaft findet.
Bills kunstbetonter Ansatz wurde von einer Gruppe jüngerer, wissenschaftlich ausgerichteter Dozenten von Anfang an sehr kritisch beäugt, was 1956 dazu führte, dass er als Rektor zurücktrat und ein Jahr später die Hochschule verliess. Und auch Anfang der Sechzigerjahre, als die Kunstgewerbeschule in Zürich sich für ihn als Direktor interessierte, hatte Bill aufgrund der Kompromisslosigkeit seiner pädagogischen Überzeugung keinen Erfolg.
Sein Konzept eines «Instituts für Gestaltung» sah eine völlige Umstrukturierung der damaligen Schule vor: Kunstgewerbe- und Gewerbeschule sollten zusammengelegt und ein Grossteil der Dozenten ausgetauscht werden. Dem Stadtrat war Bills Entwurf zu radikal. Rückblickend kann man ihm jedoch eine Pionierrolle zuschreiben, denn seine Vorstellung einer schweizerischen Kunsthochschule, in der sich Kunst und Design ergänzen, ist inzwischen in Gestalt der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) Realität geworden. «Dass Bill schon damals davon ausgegangen ist, dass sich Design und Künste gegenseitig inspirieren, finde ich hochspannend. Uns geht es nicht darum, dass Designer Künstler werden und umgekehrt. Im Gegenteil, es entspricht unserem transdisziplinären Credo, dass jeder die Grenzen seiner eigenen Disziplin kennt», sagt Hans-Peter Schwarz, Direktor der ZHdK.
Bills neue Brisanz
Stellt man sich also heute die Frage, was von Max Bills Auffassung übrig geblieben ist, kommt man zu der ernüchternden Antwort: mit Ausnahme seiner Vorreiterrolle in der Lehre nicht viel. Doch gerade deswegen – vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, in welcher der Begriff Design so inflationär kursiert wie nie zuvor – bekommt sein unprätentiöses Gestaltungskonzept ungeahnte Brisanz: als alternativer Denkansatz, den man sicher nicht eins zu eins ins Jetzt übertragen darf, der aber weiterentwickelt werden kann.
Oder wie Friedrich Friedl es ausdrückt, Bill-Kenner und Professor für Typografie an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach: «Angehende Gestalter können von Bill lernen, dass es nicht sinnvoll ist, irgendeine individuelle Gestaltungsregung vor- oder nachzumachen, sondern analytisch die Inhalte der Aufgaben von Gegenwart und Zukunft zu verstehen und daraus die Notwendigkeiten für die jeweilige Aufgabenlösung abzuleiten.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.12.2008, 10:05 Uhr
Kultur
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






