Die Anmut wohnt am Himalaja

Von Feli Schindler. Aktualisiert am 07.07.2010

Das Museum Rietberg zeigt heilige Kunst aus Bhutan, dem abgeschiedenen Königreich zwischen Tibet und Indien. So lassen sich dessen Vergangenheit und Gegenwart besser verstehen.

Ergänzt den bunten Reigen der Gebetstücher: Buddha Shakyamuni, Skulptur um 1600. (Honolulu Academy of Arts/Königreich Bhutan)

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Zwei Mönche sitzen auf roten Kissen. Sie schlagen Trommeln, rezitieren Gebete und lassen eine Handglocke ertönen. Die beiden Männer aus Bhutan beschützen so tagaus, tagein die Exponate der Schau «Heilige Kunst aus dem Himalaja» vor schlechten Einflüssen. Denn zum ersten Mal haben die Kultobjekte, die üblicherweise nur zu rituellen Festen hervorgeholt werden, das heimische Königreich verlassen und sind nach Umwegen über New York und Paris ins Zürcher Museum Rietberg gelangt.

Das kleine Königreich Bhutan, das bis 1999 noch kein Fernsehen kannte und die Anzahl seiner Touristen immer noch staatlich reguliert, hat seine traditionellen Werte bis heute bewahren können. Vor allem der fest in der Bevölkerung verankerte tibetische Buddhismus prägt das kulturelle Leben der Menschen. Von den 700'000 Einwohnern leben 6000 als Mönche in über 2000 Klöstern.

Spirituelle Meister

Es heisst, der legendäre indische Meister Padmasambhava habe um 800 n. Chr. der buddhistischen Lehre im Bhutan zum Durchbruch verholfen. Tibetische Mönche errichteten am Rande des Himalaja Klöster und kleine Herrschaftsgebiete. Im 17. Jahrhundert einte der weltliche und religiöse Führer Shabdrung Ngawang Namgyal das Land zum ersten Mal, indem er ein verbindliches Rechts- und Verwaltungssystem auf den Grundlagen des Buddhismus aufbaute. Nach seinem Tod spielten sich zahllose Machtkämpfe zwischen einzelnen Herrscherfamilien ab, bis 1907 der Regionalführer Ugyen Wangchuck zum König ernannt und Bhutan zur Erbmonarchie erklärt wurde. Seit 2008 ist das Königreich, das per Dekret das «Bruttosozialglück» für seine Bewohner anstrebt, eine demokratisch-konstitutionelle Monarchie.

All die Geschichten dieser religiösen Meister oder anderer spiritueller Heilsfiguren des Buddhismus ziehen sich nun auf prächtig bemalten Stoffbildern, auf den sogenannten Thangkas, durch das Untergeschoss des Museums Rietberg. Während die Lehrmeister stets im Zentrum abgebildet sind, gruppieren sich detailliert und liebevoll ausgestattete Szenen aus deren Leben darum herum: So opfert sich beispielsweise der Religionsgründer Buddha Shakyamuni in einem seiner früheren Leben einer hungernden Mutterlöwin, während der aus der Lotusblume geborene Padmasambhava gleich bei der Geburt Elefanten, Tiger und Drachen in Entzücken versetzt. Mandalas zeigen, wie man zur höchsten Weisheit vordringt. Und auf einem Gebetstuch wird illustriert, wie der Schatzfinder Dorje Lingpa die von seinem erleuchteten Lehrmeister versteckten Weisheiten in Berghöhlen und Flussläufen entdeckt.

Aus mitleidvollen Tränen entstanden

Vergoldete Bronzen wie die anmutige «Grüne Tara», die aus den mitleidvollen Tränen eines erleuchteten Wesens entstanden sein soll, oder der in sich gekehrte Buddha Shakyamuni ergänzen in Glasvitrinen den bunten Reigen der Gebetstücher.

Einen weiteren Einblick in die religiösen Bräuche Bhutans gewähren auch die Projektionen von rituellen Cham-Tänzen, die jeweils an Klosterfesten aufgeführt werden. In bunte Beinröcke gekleidet und mit furchterregenden Masken versetzen sich die Mönche zum Rhythmus von Trommeln in Trance, um mit ihren Gottheiten eins zu werden.

Die Fülle der Bildergeschichten auf den Thangkas und die Funktion der vergoldeten Kultobjekte – vom Stupa, einem kleinen Reliquienschrein, bis zum Donnerkeil, einem Emblem der Schutzgottheiten – sind nicht immer leicht zu deuten. Denn die hochkomplexen Zusammenhänge zwischen der buddhistischen Lehre und ihren zahlreichen Untergruppierungen geben einige Rätsel auf. Die sorgfältig zusammengestellten Saaltexte, vereinzelte Hörstationen und der auch für Laien gut verständliche Katalog leisten unverzichtbare Hilfe zur Ikonografie der heiligen Kunst.

Irdischer Alltag

Wer sich der Kultur des wunderbaren Landes am Himalaja nicht nur über die heiligen Schätze nähern möchte, dem seien drei in der Ausstellung gezeigte Filme empfohlen. Ein witziges, schweizerisch-bhutanisches Musikprojekt («SMS from Shangri-La») sowie die Fussmärsche eines Schülers und eines Postboten durch die Einsamkeit Bhutans («Price of Knowledge», «Price of Letter») stellen in berührenden Bildern den bhutanischen Alltag vor: freundlich, menschlich – und auch sehr irdisch.

Bis 17. 10.Katalog 16 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2010, 19:51 Uhr

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