Die Familie Gurlitt und ihr Kunstschatz

1500 verschollen geglaubte Werke haben Fahnder in einer Wohnung in München entdeckt. Wie kamen die Bilder dorthin, und was geschieht nun mit wertvollen Bildern?

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Die Bilder, welche Zollfahnder bei einem 80-jährigen Mann in der Wohnung in München entdeckten, stammen aus der Sammlung seines Vaters: Hildebrand Gurlitt. Der Kunsthistoriker war Teil einer berühmten Familie: Die Gurlitts zählten über mehrere Generationen hinweg zur Elite der deutschen Kunstszene.

Wie der «Focus» schreibt, war der 1895 in Dresden geborene Hildebrand Gurlitt bei den Nazis verhasst, weil er sich vehement für moderne Kunst einsetzte und weil er eine jüdische Grossmutter hatte. Im Dritten Reich verlor er nach Pressekampagnen gegen ihn seinen Posten als Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau. Auch von seiner Stelle als Direktor des Kunstvereins in Hamburg verjagten ihn die Nazis.

Daraufhin machte er sich als Kunsthändler selbstständig. In dieser Funktion erhielt er von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels den Auftrag, Bilder weiterzuverkaufen, welche die Nazis als entartete Kunst beschlagnahmt hatten. «‹Entartete Kunst› war ein rassistischer Begriff», erklärt Stephan Klingen vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München gegenüber «Focus online». Ein jüdischer Künstler habe nach Vorstellungen der Nationalsozialisten nur entartete Bilder malen können.

Gurlitt behauptete, Bilder seien verbrannt

Die Werke nicht jüdischer Maler galten als entartet, wenn es sich um moderne Strömungen wie Expressionismus oder Dadaismus handelte. Jüdische Sammler mussten zudem ihre Kunstwerke zu Spottpreisen an Deutsche verkaufen, um die vor einer Auswanderung fällige Reichsfluchtsteuer bezahlen zu können. Zehntausende von Werken hatte das NS-Regime so zusammengerafft. Die Künstler selbst wurden verfolgt oder getötet.

Gemäss «Focus» konnte Gurlitt so Hunderte von Bildern günstig erwerben. Nach dem Krieg habe er sich wieder als Händler etablieren können, weil er von den Amerikanern als Verfolgter eingestuft wurde. Über den Verbleib der Raubkunst habe er sich nie wirklich erklären müssen. Er habe einzig berichtet, dass in der Nacht des 13. Februar 1945, als Dresden bombardiert wurde, alle Bilder seines Privatbesitzes verbrannt seien.

Kommen die Bilder zurück?

In den 60er-Jahren hätten jedoch die Wiedergutmachungsämter von Berlin eine Anfrage an die Witwe des Kunsthändlers gestellt, schreibt der «Focus». Die Behörde war für die Rückerstattung geraubter Vermögen an NS-Opfer zuständig. Ob Frau Gurlitt etwas über den Verbleib von Bildern aus dem Besitz eines jüdischen Sammlers wisse, wollten die Beamten wissen. Auch die Witwe hatte behauptet, sämtliche Bilder seien in der Bombennacht von Dresden verbrannt.

Nun tauchte aber in der Münchner Wohnung eines der Bilder auf, nach denen die Behörde gefragt hatte, ebenso Geschäftsunterlagen dazu. Gemäss «Focus» könne die so nachgewiesene Lüge dazu führen, dass der Eigentumsanspruch von Gurlitts Sohn verwirkt. Die Rechtsnachfolge würde der deutsche Staat antreten. Als neuer Eigentümer könnte er die Bilder an die Nachfahren der früheren Besitzer zurückgeben.

(Erstellt: 04.11.2013, 17:35 Uhr)

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