Kultur

Die Halbstarken von der Langstrasse

Von Lucienne-Camille Vaudan. Aktualisiert am 01.06.2011 2 Kommentare

Während alle anderen sich vor ihnen fürchteten, feierte er mit ihnen Weihnachten. Wenn die Polizei sie suchte, versteckte er sie in seiner Wohnung: Karlheinz Weinberger, der Fotograf der Zürcher «Halbstarken».

1/15 Die Halbstarken brachten Unruhe in die ruhige Limmatstadt.
Bild: Karlheinz Weinberger

   

Am 9. Juni 2011, einen Tag vor Weinbergers 90. Geburtstag, eröffnet die Zürcher Galerie frank & oliver eine Ausstellung mit Werken des Fotografen und stellt einen neuen Bildband vor, der Porträtserien aus den 1960er-Jahren präsentiert. (Wawrzyniak, Martynka; Schedler, Patrik; Hackney, Bruce (Hrsg.): «Karlheinz Weinberger: Rebel Youth». Foreword by John Waters. Essay by Guy Trebay. New York: Rizzoli, 2011. ISBN 978-0-8478-3612-3)

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In den Fünfzigern geschah in Zürich etwas Merkwürdiges. Junge Männer in engen Jeans, Lederjacken und mit dicken Ketten störten das friedliche Bild der Limmatstadt. Die Halbstarken, wie sie genannt wurden, waren meist auf Mopeds unterwegs und traten gerne im Rudel auf. Keine Fensterscheibe war vor ihnen sicher, und sie lieferten sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Ihr Hauptquartier war der verruchte Kreis Cheib, der damals noch weit entfernt war von der nächtlichen Flaniermeile für das Partyvolk. Wo sie auftauchten, erstarrten die Bünzlibürger in Angst und Schrecken.

Einer fürchtete sich nicht vor den Raubeinen: der Fotograf Karlheinz Weinberger. Was wir heute über die Zürcher Halbstarken wissen, verdanken wir denn auch grösstenteils ihm. Weinberger hat die jungen Wilden über Jahre hinweg begleitet und fotografiert. Der hagere Mann mit der dicken Hornbrille und der bis über den Bauchnabel hochgezogenen Stoffhose gehörte zu ihnen, feierte mit ihnen Weihnachten. An seiner Wohnungstür scharrten sie, wenn sie sich wieder einmal vor der Polizei verstecken mussten.

Die Wohnung im Kreis vier

Die weinbergsche Wohnung, eine klassische Vierzimmerwohnung eines Zürcher Angestelltenhauses, war vollgestopft, erinnert sich Patrik Schedler, der sich um den Nachlass des Künstlers kümmert und in den letzten Jahren seines Lebens engen Kontakt mit Karlheinz Weinberger pflegte: «Die Einrichtung war ein Sammelsurium aus Flohmarkt, Museum und Raucherhöhle. An den vergilbten Wänden standen Regale, die unter dem Gewicht der Bücher zusammenzubrechen drohten. Wuchtige Sessel im Renaissancestil und eine Chaiselongue, die als Bett diente, liessen die Wohnung klein und eng erscheinen.»

Weinbergers Vater war zwar Offizier, stammte aber nicht aus der Oberschicht. Er starb früh an Tuberkulose. Mit seiner Mutter lebte der Fotograf bis zu ihrem Tod zusammen. Anfänglich verbot sie den Halbstarken noch den Zutritt zu der Wohnung, doch schon bald hatte auch sie den Narren an den jungen Wilden gefressen.

Von der «Fünfliberkamera» in den «Kreis»

Die Wohnung, in der er 1921 geboren wurde und 2006 starb, diente Weinberger auch als Fotostudio. Fotolampen neben Wohnzimmerleuchten, einen Papierhintergrund und sein Modell – mehr brauchte der zurückhaltende Künstler nicht, um seine intimen Porträts zu schiessen. Zu den Menschen, die er fotografierte, hatte er stets auch einen persönlichen Zugang, es ging nicht einfach darum, die Oberfläche abzubilden. Schedler: «Der Fotoapparat war sein Seziermesser, mit dem er die Persönlichkeit eines jeden einzelnen Halbstarken fein säuberlich herausarbeitete.» «Alles begann mit einer ‹Fünfliberkamera›, der Wegwerfkamera der 1930er-Jahre. Ein Handelsreisender drückte sie dem damals 16-Jährigen in die Hand», so erzählte es Weinberger seinem Kurator Patrik Schedler. Sogleich begann Karlheinz Weinberger, sein Umfeld mit dem Fotoapparat einzufangen.

Auch im Umfeld der Zürcher Schwulenszene bewegte er sich. Ausgestattet mit einer richtigen Kamera wurde er bald zum Hoffotografen des Schwulenmagazins «Kreis», das während des Krieges unter den Ladentischen gehandelt wurde. Er, der keine Fotografenausbildung hatte, veröffentlichte seine Arbeiten unter dem Pseudonym «Jim» neben namhaften Künstlern wie Bruce of L. A. oder George Patt Lynes. Weinbergers Bilder im «Kreis» prägten die Schwulenikonografie der damaligen Zeit massgeblich, weiss Patrik Schedler. Als das Magazin 1967 eingestellt wurde und sich die moderne Schwulenszene etablierte, verlor Weinberger das Interesse und wendete sich den aufblühenden Jugendkulturen zu.

Das Los des Künstlers

«Weinberger ging mit seiner Homosexualität stets so offen um, wie es die Zeit erlaubte», sagt Schedler. Dafür geriet er auch ins Visier der Ordnungshüter: Getrieben von einer Serie von Fehlleistungen, beschlagnahmte die Zürcher Polizei Ende der Fünfzigerjahre sein gesamtes Fotoarchiv, in der Hoffnung, ihre Kartei der Halbstarken und der Schwulenszene bebildern zu können. Die Fotos sind nie wieder aufgetaucht, Patrik Schedler hat lange nach ihnen gesucht.

Karlheinz Weinberger konnte nicht von seiner Fotografie leben. Um sich das teure Material zu finanzieren, arbeitete er fast zeitlebens als Lagerist bei Siemens oder verdiente sich als Hochzeitsfotograf einen kleinen Zustupf. Trotz seines unbedingten Einsatzes für die Kunst erging es Karlheinz Weinberger wie so vielen Künstlern vor ihm: Seine Arbeiten wurden erst spät, kurz vor seinem Tod im Jahr 2006, gewürdigt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2011, 12:02 Uhr

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2 Kommentare

Leo Schmidli

02.06.2011, 11:44 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Auf dem Bild 14 ist dem Helm und der Kette nach zu urteilen eher kein Rocker abgebildet... Antworten




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