«Die Jungen realisieren gerade, dass ihre Zukunft gestohlen wird»
Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 03.02.2012 50 Kommentare
Mike Bonanno und die Yes Men
Mike Bonanno ist ein führender Kopf der New Yorker Aktivistengruppe Yes Men. Die Yes Men praktizieren eine Kapitalismuskritik der besonderern Art, in dem sie sich als übereifrige, radikale Repräsentanten von Grossorganisationen ausgeben. An diversen Kongressen stifteten sie so grosse Verwirrung, etwa als Vertreter von Konzernen wie Halliburton oder Exxon Mobile oder Institutionen wie der WTO. Mit Workshops und Vorträgen versucht die Gruppe ausserdem, ein Netzwerk von NGOs und verwandten Aktivistenguppen zu knüpfen.
Hinter der Kunstfigur Bonanno steckt der New Yorker Wissenschaftler Igor Vamos, Dozent am Polytechnikum Rensselaer.
Bonanno referiert am kommenden Sonntag, 5.2., im Zürcher Dada Haus (Cabaret Voltaire).
Video (Quelle: Youtube)
Ein Yes Men-Film: Trailer.Links
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Herr Bonanno, Sie werden es mitbekommen haben: Einige Schweizer Banken stehen seitens der amerikanischen Justiz unter Dauerdruck, weil sie amerikanische Steuergelder verstecken. Was sollten sie jetzt tun, was wäre Ihrer Meinung nach die ideale Strategie? Bonanno (lacht laut): Hmm... vielleicht sollten sie den ganzen Laden einfach dichtmachen! Türe zu, Goldzähne verkaufen, das restliche Gold irgendwo vergraben. Und dann einen kompletten Neustart versuchen: Primitivste Landwirtschaft (lacht)! Mal ernsthaft, die Sache ist doch die, dass dieses ganze System krepiert – ob nun früher oder später. Ich hoffe, es dauert etwas länger...
... weil Sie als Künstler davon leben, das System zu kritisieren, weil Sie nichts mehr zu tun hätten, wenns weg wär? Nein, das wäre doch toll, dann bekämen wir n'richtigen Job, wissen Sie (lacht)? Nein, ernsthaft, niemand wünscht sich einen plötzlichen Totalabsturz, abgesehen vielleicht von den ganz krassen Aktivisten. Was wir wollen, ist ein fliessender Übergang. Ganz schlicht und simpel eine Wirtschaft, die Sinn ergibt, die nicht nur auf Wachstum und kurzfristige Profite aus ist. Die aktuelle Ausrichtung treibt uns dem Abgrund entgegen. Das Ziel der Yes Men ist es, Ausstiegsszenarien, Modelle für eine sanftere Landung vorzubreiten. Dass die Leute rauspicken, was am aktuellen System funktioniert – und dass sie den nicht funktionierenden Rest so rasch wie möglich aussondern und verschrotten.
Was Sie wollen, ist also eine moderatere Form des Kapitalismus? Hmm, ja, aber es könnte ja auch eine Art «Anarchie von unten» sein (lacht)! Ein sanfterer, menschenfreundlicherer, besser regulierter Kapitalismus wäre doch toll. Das Problem ist: Die amerikanische repräsentative Demokratie ist völlig korrumpiert. Gut, ihr Schweizer habt ja die direkte Demokratie, was definitiv ein interessanter Ansatz ist, und ich bin auch neugierig, mit den Schweizern darüber zu diskutieren. Aber auch dieses System löst ja offensichtlich nicht alle Probleme.
Sie haben die amerikanische Demokratie angesprochen. Bald stehen in den Vereinigten Staaten Präsidentschaftswahlen an. Ja, wissen Sie: Diese Wahlen spielen gar keine Rolle, weil sie gekauft sind. Alle Kandidaten sind gekauft, bevor sie ein Amt überhaupt antreten können. Und dann kommt so ein Mann wie Obama, der bei Diskriminierten, der bei Minderheiten, der bei Progressiven Hoffnung weckt und – alles wird noch schlimmer! Die beiden republikanischen Kandidaten sind ja völlige Witzfiguren. Gingrich ist schlicht und ergreifend ein W...er, in jeder Hinsicht (lacht). Und Romney ist ein Witz, weil er als millionenschwerer Hedgefonds-Manager ein Land übernehmen will, das von millionenschweren Hedgefonds-Managern zugrunde gerichtet wurde.
Ist für Sie ein Superreicher wie Romney per se unwählbar? Klar, eine derartige Figur ist angesichts der Weltlage doch zwangsläufig hoch suspekt. Aber vielleicht ist die Psychologie ja so, dass die Leute glauben: Wer es zu einem solchen Reichtum gebracht hat, der weiss, wie man mit Geld umzugehen hat und wie man ein Budget wieder ins Lot bringt.
Sie arbeiten eng mit den Occupy-Aktivisten zusammen. Die Yes Men sind Meister im Bespielen medialer Kanäle – haben Sie nicht auch den Eindruck, dass die Occupy-Bewegung primär ein Medienhype ist? Es stimmt natürlich, dass die Occupy-Bewegung ein Liebling der Medien ist. Aber es steckt schon mehr dahinter. Die Occupy-Leute stossen in der Bevölkerung auf grosse Sympathie, was ich bei ähnlichen Bewegungen bis dato so nicht feststellen konnte. Ich doziere an einer Hochschule, die vor allem Ingenieure ausbildet – ein sehr konservatives Umfeld eigentlich. Aber seit dem Aufkommen der Occupy-Bewegung stelle ich eine Politisierung meiner Studenten fest, ein Sympathisieren mit der Bewegung. Warum? Die Jungen realisieren gerade, dass ihre Zukunft gestohlen wird.
Am Sonntag referieren Sie in Zürich. Warum soll man sich das anschauen? Nun, erstens werde ich ein paar Videos zeigen, in denen hässliche mächtige Menschen und hässliche mächtige Organisationen gedemütigt werden. Das ist immer lustig. (lacht) Und zweitens... hmm... nun... ja, das wars, glaube ich. (lacht) Und natürlich werden wir auch versuchen, verschiedene Organisationen und Leute zusammen zu bringen, um eine Veränderung anzuschieben, in Zürich – und in der Welt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.02.2012, 12:29 Uhr
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50 Kommentare
Die Zeichen stehen auf Wechsel, überall auf der Welt. Occupy ist nicht die erste Revolution und wird auch nicht die letzte sein, denn die Habgierigen schlafen nie. Aber im Moment haben sie einen schweren Stand, denn die Jungen von heute lassen sich nicht für so dumm verkaufen, wie dies bei meiner Generation leider oftmals der Fall war. Antworten
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